Forschungsprojekt: Vernetzte Klinik - entlastete Pflege?

Veränderung von Arbeitsprozess und Mitbestimmung durch datenintensive Softwaresysteme

Projektziel

Der Krankenhaussektor befindet sich in einem Umbruch, der durch das Leitbild der vernetzten Klinik geprägt ist. Die umfassenden Krankenhausinformtionssysteme (KIS) verändern alltägliche Pflegearbeit. Als Frage der Mitbestimmung stellt sich: Dient die datengetriebene Prozessoptimierung der Entlastung des Personals oder der intensivierten Kontrolle, Arbeitsverdichtung und Deprofessionalisierung?

Projektbeschreibung

1. Kontext

Unter dem Leitbild der vernetzten Klinik wird in Deutschland die möglichst vollständig Integration administrativer und klinischer Softwaresysteme in ein umfassendes KIS verfolgt, welches Patient:innen-, Beschäftigten- und Ressourcendaten zusammenführt und sie für Prozessoptimierungen nutzbar macht. Als Paradebeispiele gelten einzelne (fast) vollständig digitalisierte Kliniken.

Gerade für den Arbeitsprozess des Pflegepersonals legen KIS-Elemente zu Pflegedokumentation, datenbasierter Entscheidungsunterstützung, geschlossenem Medikationskreislauf, Assistenzsystemen und Personaleinsatzplanungssoftware deutlichen Transformationsdruck nahe. Die Versprechen der vernetzten Klinik sind effizientere Abläufe und eine Entlastung der Beschäftigten.

Erste Sondierungen zeigen, dass (interaktive) Tätigkeiten formalisiert und teilautomatisiert werden, datenbasierte Leistungskontrolle zunimmt und Erfahrungswissen abgewertet wird: Ein potentiell spannungsreiches arbeitspolitisches Konfliktfeld.

2. Fragestellung

Um dieses Konfliktfeld zu erschließen, widmet sich das Forschungsvorhaben Kliniken, die als führend bei der Etablierung von umfassenden, integrierten Softwaresystemen gelten können. Untersucht werden Prozesse, die zukünftig für weitere Beschäftigte und deren Vertretungen in deutschen Kliniken relevant werden können.

Das Projekt fragt erstens: Wie verändert sich der Arbeitsprozess in der akutstationären Pflege durch die Etablierung von umfassenden, datenintensiven Softwaresystemen?

Es widmet sich zweitens der Frage: Wie können Akteur:innen der betrieblichen Mitbestimmung diese datenintensiven Prozessen erfolgreich mitgestalten?

Dabei liegt der Fokus sowohl auf klassischen Formen der betrieblichen Mitbestimmung als auch auf den Möglichkeiten, die neuere Entwicklungen im Kontext des Datenschutzes bieten.

3. Untersuchungsmethoden

Das Projekt erhebt qualitative und quantitative Daten im Rahmen arbeitssoziologischer Betriebsfallstudien in fünf vernetzten Kliniken. Es verfolgt dabei ein sequentielles Mixed Methods Design (QUAL ->quan).

Im qualitativen Modul werden ethnografisch orientierte Arbeitsplatzbeobachtungen und teilnarrative Interviews kombiniert. So können die Arbeitssituation, sowie Deutungsmuster mit dem Paradigma der Grounded Theory analysiert werden.

Im quantitativen Modul werden anschließend einige qualitative Ergebnisse möglichst repräsentativ verallgemeinert: Eine Umfrage unter den Pfleger:innen der untersuchten Kliniken erhebt den Einfluss datenintensiver Software auf den Arbeitsprozess, sowie die Deutungen der Beschäftigten.

Die Betriebsfälle werden entlang ihrer Trägerschaften kontrastiert, da diese unterschiedliche Mitbestimmungsmöglichkeiten implizieren.

Projektleitung und Bearbeitung

Projektleitung

Prof. Dr. Philipp Staab
Humboldt-Universität zu Berlin Institut für Sozialwissenschaften Lehrgebiet Soziologie der Zukunft der Arbeit
philipp.s.staab@hu-berlin.de

Kontakt

Dr. Saskia Freye
Hans-Böckler-Stiftung
Forschungsförderung
Saskia-Freye@boeckler.de

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