Der Algorithmus als Chefin?

Plattformisierung und Gute Arbeit: Fallstudie zum Wandel von Kontrolle und Autonomie in der Plattformarbeit


Forschungsschwerpunkt: Mitbestimmung

Status: Abgeschlossen

Projektende: 15.07.2019

Projektnummer: 2017-464-2

Projektziel:

Digitale Plattformen werden zunehmend zu zentralen Akteuren in der Organisation und Koordination von Arbeit. Am Beispiel ortsgebundener Lieferplattformen für die Gastronomie untersuchten wir die Kontroll- und Arbeitsbedingungen in den dortigen Beschäftigungsverhältnissen. Daraus ergaben sich neue Regelungsbedarfe für das Arbeits- und Sozialrecht, die wir im Sinne „guter Arbeit“ entwickelt haben.

Projektbeschreibung:

1. Kontext

Kontext des Projektes war die sich in der Digitalisierung und Globalisierung entwickelnde so genannte Share- oder Gig-Economy. Digitale Plattformen übernehmen zunehmend die Koordination von Arbeitstätigkeiten. Die „Plattformisierung“ erfasst die verschiedensten Arbeitsbereiche von Crowdworking im engeren Sinn bis hin zu analogen Dienstleistungen wie haushaltsnahe und personenbezogene Dienste, Fahrdienste und Lieferservices. Obwohl sich die meisten Plattformen selbst lediglich als vermittelnde „Marktplätze“ für Arbeitskräfte beschreiben, die Beschäftigten als vertraglich selbstständig arbeitend beschrieben werden und damit selbst die Risiken und die Verantwortung für ihre Tätigkeit tragen, nehmen Plattformen häufig eine strukturierende Rolle ein. Sie koordinieren und organisieren die Beschäftigten wie Arbeitgeber.

2. Fragestellung

Wie (1), mit welchen Auswirkungen für die digital Beschäftigten (2) und mit welchen rechtlichen Konsequenzen (3) arbeiten Plattformen?

(1) Um die erste Frage zu beantworten, analysierten wir die Plattformsoftware hinsichtlich der Funktions- und Steuerungslogik. Wir wollten herausfinden, wo und von wem Leitlinien für die Algorithmen festgelegt und kontrolliert werden und inwiefern die Algorithmen darauf angelegt sind „dazuzulernen“ bzw. auf bestimmte Situationen automatisiert zu reagieren.

(2) Aus Beschäftigtenperspektive interessierte uns insbesondere, wie die Beschäftigten mit algorithmischem Management und der Kontrolle durch Reputationsmechanismen umgehen und wie sie das algorithmische Management und die Kontrolle durch Reputationsmechanismen erleben.

(3) Davon ausgehend stellte sich die Frage, welche Konsequenzen für arbeits- und sozialrechtliche Regulierungen und Begriffssysteme gezogen werden müssen, damit „gute Arbeit“ im Internet möglich wird.

3. Untersuchungsmethoden

Auch methodisch gingen wir in drei Schritten vor:

1) Zunächst wollten wir die Logik des algorithmischen Managements besser verstehen und dafür typische Management-Software für den Bereich der Lieferdienstleistungen untersuchen.

2) Um einen Einblick in die Perspektiven der Beschäftigten zu erhalten, führten wir leitfadengestützte Interviews mit Plattformbeschäftigten und Plattformbetreiber*innen. Zudem führten wir teilnehmende Beobachtungen durch eigene Tätigkeit und nicht-teilnehmende Beobachtungen durch die Begleitung von Fahrer*innen in ihrem Arbeitsalltag durch.

3) Daneben erforschten wir systematisch die Rechtswirklichkeit sowie die soziale Praxis des Rechts im Umgang mit den neuen digitalen Beschäftigungsformen.

4. Darstellung der Ergebnisse

Schlussfolgerungen:

• Es gibt eine große Diskrepanz zwischen den diskursiven Strategien der Plattformen und dem tatsächlichen Funktionieren des App-basierten Managements.

• Die versprochene Autonomie besteht nur, soweit Rider die von den Plattformen festgelegten (intransparenten) Leistungsstandards erfüllen.

• Große Mengen an gesammelten Data werden verwendet, um die Kontroll- und Disziplinarmaßnahmen voranzutreiben.

• Informationsasymmetrien verstärken Ungleichgewichte zwischen Rider und Plattform am digitalen Arbeitsplatz.

• App-basiertes Management verstärkt Unsicherheit und Instabilität der Arbeit.

• Die Ausnutzung von Schwachstellen im System eröffnet App-Beschäftigten Räume für kollektiven Widerstand.

• Der Zugang zu Informationen wird zu einem neuen Feld der Auseinandersetzung.

• Plötzliche, einseitige und schlecht kommunizierte Veränderungen können kollektive Maßnahmen auslösen.

• Die Beschäftigten der digitalen Plattformen haben kaum Einfluss auf die Arbeitsplatztechnologien.

• Rider auf den untersuchten Essenlieferplattformen sind im Rechtssinne Arbeitnehmer*innen.

Projektleitung und Bearbeiter/in:

Projektleitung:

Prof. Dr. Eva Kocher

Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)

Juristische Fakultät

kocher@europa-uni.de

Dr. Ben Wagner

Wirtschaftsuniversität Wien Institute for Management Information Systems

ben.wagner@wu.ac.at

Joanna Bronowicka

Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) Kulturwissenschaftliche Fakultät

Centre for Internet & Human Rights (CIHR)

bronowicka@europa-uni.de

Bearbeiter/in:

Mirela Ivanova

Universität Basel Institut für Soziologie

angestellt bei Prof. Oliver Nachtwey

mirela.ivanova@unibas.ch

Anne Degner

Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)

Juristische Fakultät

degner@europa-uni.de

Kontakt:

Dr. Stefan Lücking

Hans-Böckler-Stiftung

Forschungsförderung

stefan-luecking@boeckler.de

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