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Transformation: Verkehrswende in der Krise

Ausgabe 05/2020

Auch ohne Pandemie stand der Mobilitätsbranche ein erheblicher Kraftakt bevor. Sie sollte die Wende hin zu einer klimafreundlichen Mobilität schaffen. Wie geht es weiter mit dem Umbau unter Krisenbedingungen, wollten wir von vier Gewerkschaftsvorsitzenden wissen.

  • Jörg Hofmann
    Jörg Hofmann ist Erster Vorsitzender der IG Metall.

Erholung in Trippelschritten

Wie sieht es in den betroffenen Branchen zurzeit aus? Gefährdet die Krise den Umbau zu klimafreundlicher Mobilität?

Bis auf den Schienenfahrzeugbau stecken alle Branchen der Mobilitätsindustrie in einer tiefen Krise. Besonders betroffen sind die Luftfahrtindustrie und ihre Zulieferer. Die maritime Wirtschaft steckt aufgrund der Flaute im globalen Warenhandel und des Komplettausfalls etwa beim Kreuzfahrttourismus im Auftragsloch. Im Bereich der Nutzfahrzeuge gilt das Gleiche. In der Leitbranche Fahrzeugbau beobachten wir eine Erholung in ganz kleinen Schritten. Das Vorkrisenniveau wird voraussichtlich nicht vor 2023 erreicht. Das hat enorme Wirkungen auch auf weitere Branchen, die Vorleistungs- oder Investitionsgüter für die Mobilitätsindustrie liefern: Stahl, Gießereien, Chemie, aber auch Maschinenbau. Eine Erholung wird es in den nächsten zwei bis drei Jahren nur in Trippelschritten geben.

Automobilhersteller holen wichtige Teile der Wertschöpfung zurück. Das hat gravierende Folgen für die Zulieferindustrie. Jeder achte Zulieferer ist in seiner Existenz gefährdet. Die IG Metall hat Transformationsfonds zur Stützung des Eigenkapitals bei kleinen und mittleren Zulieferern vorgeschlagen und die Idee regionaler Transformationscluster eingebracht. Diese Cluster sollen den Wandel in Regionen vorantreiben, in denen eine Vielzahl von Zulieferern vom Verbrennungsmotor abhängig ist.

Die Ökologie darf in der Krise nicht vernachlässigt werden. Der Staat muss Geld in den Ausbau der digitalen Infrastruktur, in Ladesäulen, in den Personen- und den Güterverkehr, in die Energiewende stecken. Das im Juni verabschiedete Konjunkturpaket der Bundesregierung enthält richtige Ansätze.

Die Pandemie hat gezeigt, wie verheerend sich Störungen der Lieferkette an einer Stelle global auswirken können. Welche Folgen könnte das für die Logistik haben?

Die Unternehmen haben in der Krise erlebt, dass es heikel ist, von einem Zulieferer abhängig zu sein. Als Reaktion darauf ist eine Rückverlagerung der Produktion nach Deutschland in großem Stil aber wenig wahrscheinlich. Die Unternehmen werden eher versuchen, die Lieferketten in Europa stabiler zu machen und statt einer Bezugsquelle einen zweiten Lieferanten zu finden.

Mehr Homeoffice, mehr digitale Konferenzen – muss die Wende der Verkehrsindustrie und -infrastruktur neu gedacht werden?

Homeoffice und digitale Konferenzen machen die Mobilitätswende keinesfalls überflüssig. Sie können aber unnötige Reise- und Pendlerzeiten einsparen. Allerdings bleibt die Dekarbonisierung des Verkehrs eine wichtige Aufgabe. Für viele ist die Arbeit zu Hause keine Option, weil es die Tätigkeit nicht zulässt. Viele wollen auch nicht ständig ohne den sozialen Kontakt mit Kolleginnen und Kollegen arbeiten.

Welche politischen und tariflichen Lösungen braucht es, um Beschäftigung in der Mobilitätsbranche zu sichern?

Mit der Kurzarbeit steht ein Instrument zur Verfügung, das die Folgen des konjunkturell bedingten Rückgangs des Arbeitsvolumens ausgleicht. Die Bundesregierung hat richtig gehandelt, indem sie die Krisenregeln zur Kurzarbeit verlängert hat.

Wir brauchen aber auch ein Instrument, um die längerfristigen strukturellen Veränderungen in der Automobilindustrie zu bewältigen. Dazu habe ich vorgeschlagen, mit den Arbeitgebern einen tariflichen Rahmen für eine Viertagewoche zu vereinbaren, der jeweils betrieblich ausgestaltet wird. Dazu sollte es einen gewissen Lohnausgleich geben sowie Anreize, sich weiterzuqualifizieren. Beides – Kurzarbeit und die Viertagewoche – sollte genutzt werden, um die Beschäftigten fit zu machen für die Arbeitswelt von morgen.

  • Frank Werneke
    Frank Werneke ist Vorsitzender der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi.

Paketbranche boomt wie zu Weihnachten

Wie sieht es in den betroffenen Branchen zurzeit aus? Gefährdet die Krise den Umbau zu klimafreundlicher Mobilität?

Das Bild ist uneinheitlich: Der Luftverkehr einschließlich Flughäfen sowie der Tourismus sind durch die Pandemie in eine schwierige Lage geraten, die noch nicht überwunden ist. Dagegen normalisiert sich die Situation im ÖPNV. Politisch ist es dort gelungen, die Einnahmeausfälle aus Mitteln des Bundes und der Länder auszugleichen. Darauf haben wir als Verdi hingearbeitet. Für den ÖPNV wollen wir jetzt mit einem zivilgesellschaftlichen Bündnis, dem auch Fridays for Future angehören, klimafreundliche Mobilität hin zu einer arbeitnehmerfreundlichen Verkehrswende voranbringen. Bei den Paket- und Lieferdiensten hingegen herrscht seit Corona geradezu eine boomartige Nachfrage wie sonst nur zu Weihnachten. Umsätze und Gewinne steigen, ebenso die Beschäftigung, aber leider ganz überwiegend nur im Rahmen von befristeten Jobs.

Die Pandemie hat gezeigt, wie verheerend sich Störungen der Lieferkette an einer Stelle global auswirken können. Welche Folgen könnte das für die Logistik haben?

In der Speditions- und Logistikbranche hat sich nach dem ersten Schock im März und April bereits seit Mai die Lage langsam wieder normalisiert. Allerdings nicht überall. Bei den Lebensmittellogistikern etwa läuft die Arbeit wieder normal, andere, wie Automobillogistiker, leiden unter der Lage der Autoindustrie. Die Seehäfen spüren noch immer die Nachbeben des Lockdowns und der Produktionsunterbrechungen. Ob die Unternehmen nun ihre Zulieferketten und Produktionsstandorte überdenken, lässt sich gegenwärtig noch nicht absehen. Solche Veränderungen brauchen Jahre.

Mehr Homeoffice, mehr digitale Konferenzen – muss die Wende der Verkehrsindustrie und -infrastruktur neu gedacht werden?

Ich bin vorsichtig mit Prognosen, wie sie derzeit vorgetragen werden. Wir haben in den vergangenen Monaten auch gelernt, dass Homeoffice seine Grenzen hat. Zum einen muss bei der Einrichtung von Homeoffice-Arbeitsplätzen verpflichtend auf Arbeits- und Gesundheitsschutz, Ergonomie bis hin zur Mitbestimmung geachtet werden. Zum andern zeigt sich, dass der direkte persönliche Kontakt für viele Geschäftsvorgänge unverzichtbar ist. Viele Dinge lassen sich eben nicht aus dem Homeoffice oder per Videochat erledigen. Eine Erkenntnis bleibt aber auf jeden Fall: In die öffentliche Verkehrsinfrastruktur muss noch stärker investiert werden – in Menschen, in Material, in Service, in engere Taktung und mehr Bequemlichkeit –, um auch unter Ausnahmebedingungen noch leistungsfähiger zu werden.

Welche politischen und tariflichen Lösungen braucht es, um Beschäftigung in der Mobilitätsbranche zu sichern?

Die Bundesregierung hat mit den Regeln zum Kurzarbeitergeld und der vor Kurzem beschlossenen Verlängerung bis Ende 2021 aus meiner Sicht angemessen reagiert. Unverschuldet in Not geratene Branchen und deren Beschäftigte, wie etwa der Flugverkehr oder der Tourismus, werden so entlastet, Arbeitsplätze und Expertise der Beschäftigten bleiben – zumindest vorerst – erhalten. So gewinnen die Unternehmen Zeit, bis die Lage wieder besser ist. Im ÖPNV bedarf es außer einer Investitionsoffensive auch einheitlicher, attraktiver Arbeitsbedingungen, um die Verkehrswende zum Laufen zu bringen. Da werden noch viele Widerstände überwunden werden müssen. Aus dem Verkehrsministerium kommt wenig bis nichts, und die kommunalen Arbeitgeber verweigern zurzeit Manteltarifverhandlungen im ÖPNV mit uns. So droht die Zukunft der Mobilitätsbranche verspielt zu werden.

  • Michael Vassiliadis
    Michael Vassiliadis ist Vorsitzender der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE).

Lieferketten resistenter machen

Wie sieht es in den betroffenen Branchen zurzeit aus? Gefährdet die Krise den Umbau zu klimafreundlicher Mobilität?

Die Corona-Pandemie verschärft besonders für viele Betriebe in der Autozulieferindustrie die Lage zusätzlich. Die Transformation der Branche stellt die Unternehmen vor große Herausforderungen. Sie verfügen zumeist nicht über ausreichend finanzielle Ressourcen. Viele Stellenstreichungen sind angekündigt, so manches Unternehmen befindet sich bereits in gefährlicher Schräglage. Wenn sich die Krise ausweitet, hätte das weitreichende Folgen für die Innovationskraft und für gute Industriearbeit in der Leitbranche Automobil. Ein ungeregelter Strukturwandel schwächt die Transformationskraft der gesamten Wertschöpfungskette.

Die Pandemie hat gezeigt, wie verheerend sich Störungen der Lieferkette an einer Stelle global auswirken können. Welche Folgen könnte das für die Logistik haben?

Wir müssen dringend an der Sicherung der Lieferketten arbeiten und sie resistenter gegen externe Schocks machen. Das hat aber weniger mit Logistikoptimierung als mit der Notwendigkeit regionaler Produktion zu tun. Wir müssen in strategisch wichtigen Wertschöpfungsketten die Herstellung wichtiger Produkte in Deutschland und Europa nachhaltig stärken. Gemeinsam mit unseren Kollegen von der IG Metall haben wir bereits eine entsprechende Initiative für die Gesundheitsindustrie gestartet.

Mehr Homeoffice, mehr digitale Konferenzen – muss die Wende der Verkehrsindustrie und -infrastruktur neu gedacht werden?

Sowohl die Verkehrs- als auch die digitale Infrastruktur muss auf Vordermann gebracht werden – das ist nicht neu, aber wahr. Deutschland ist ein Industriestandort, und dazu gehört, dass Rohstoffe, Vormaterialien und Endprodukte schnell von A nach B kommen.

Das kann man umweltverträglicher machen, aber machen muss man es dennoch. Das gilt übrigens auch für die Mobilität der Beschäftigten. Die Digitalisierungserfahrung der letzten Monate kann und sollte uns helfen, Mobilitätsbedarfe neu zu denken. Aber das hilft der Krankenschwester, dem Kellner oder der Schichtarbeiterin im Chemiewerk nicht, ihren Job vor Ort anzutreten, und zwar pünktlich. Deshalb müssen nicht nur Straßennetze, sondern insbesondere auch der öffentliche Nahverkehr ausgebaut werden.

Welche politischen und tariflichen Lösungen braucht es, um Beschäftigung in der Mobilitätsbranche zu sichern?

Wir brauchen dringend einen Schutzschirm für Automobilzulieferer, der neben akuten finanziellen Hilfen auch die Beteiligung der Autohersteller, von Investoren und gegebenenfalls auch des Staates an kleinen und mittelständischen Firmen vorsieht. Wir brauchen das gesamte bestehende Netzwerk innovativer Unternehmen, um die Transformation erfolgreich umzusetzen. Es geht um Zeit und Geld, und es geht um verlässliche Transformationspfade.

Zugleich müssen wir in der Branche gute Arbeitsplätze bei entstehenden massiven Überkapazitäten oder technologischen Umbrüchen sichern sowie Beschäftigung und Zukunftsperspektiven für unsere Kolleginnen und Kollegen schaffen. Weiter- und Umqualifizierung ist dabei eine Option, das Arbeitszeitvolumen eine andere. Im Chemie-Tarifvertrag gibt es dafür Instrumente – etwa den Arbeitszeitkorridor, der eine Senkung der Arbeitszeit auf bis zu 32 Stunden ermöglicht.

  • Klaus-Dieter Hommel
    Klaus-Dieter Hommel ist kommissarischer Vorsitzender der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG).

Im Stillstand mobil geblieben

Wie sieht es in den betroffenen Branchen zurzeit aus? Gefährdet die Krise den Umbau zu klimafreundlicher Mobilität?

Die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig ein gut funktionierender öffentlicher Verkehr ist. Busse und Bahnen sind systemrelevant und ihre Beschäftigten erst recht. Sie haben mit ihrer Arbeit dafür gesorgt, dass Deutschland auch im Stillstand mobil geblieben ist. Die EVG hat aber von Beginn der Pandemie an gemahnt, dass wir auch an die Zeit danach denken müssen. Corona wird irgendwann überwunden sein, der Klimawandel wird bleiben. Deswegen ist es ein ganz wichtiges Signal, dass der Bund seine Investitionen in die Schieneninfrastruktur in vollem Umfang fortführt. Die Verkehrswende ist elementarer Bestandteil der Klimawende. Nur mit einer Verlagerung von Verkehr auf die Schiene werden wir in Deutschland und in Europa die Klimaziele des Pariser Abkommens erreichen.

Die Pandemie hat gezeigt, wie verheerend sich Störungen der Lieferkette an einer Stelle global auswirken können. Welche Folgen könnte das für die Logistik haben?

Gerade die Eisenbahnunternehmen haben bewiesen, dass sie in der Krise stabil arbeiten können. Ich erinnere nur an die Nudelzüge aus Italien: Während es an den Grenzen zu 50 Kilometer langen Lkw-Staus kam, rollten die Züge reibungslos. Ich behaupte, dass es vor allem die Güterbahnen und ihre Beschäftigten waren, die in der Krise für Versorgungssicherheit gesorgt haben. Aber auch die Schiene muss noch besser werden. Die EVG begrüßt, dass wir in Deutschland und Europa jetzt endlich die notwendigen technischen Maßnahmen eingeleitet haben, die das Zusammenstellen von Güterzügen beschleunigen und den Schienengüterverkehr insgesamt effizienter und produktiver machen. Die Digitalisierung des Schienenverkehrs muss jetzt konsequent fortgesetzt werden, damit die Bahn endlich zu einer echten Alternative zu Lkw und Flugzeug wird.

Mehr Homeoffice, mehr digitale Konferenzen – muss die Wende der Verkehrsindustrie und -infrastruktur neu gedacht werden?

Wenn die Pandemie überhaupt einen positiven Aspekt hat, dann den, dass wir plötzlich sehen, was alles digital machbar ist. Dennoch werden Onlinemeetings persönliche Treffen nie ganz ersetzen können. Man muss sich auch mal in die Augen gucken können. Auch Urlaubsreisen werden irgendwann wieder möglich sein. Die entscheidende Frage ist, ob wir dann wieder in alte Mobilitätsmuster zurückfallen. Die EVG plädiert dafür, die Mobilität in unserer Gesellschaft neu zu denken. Im Juni haben der Bund und rund 30 Unternehmen und Organisationen der Branche den sogenannten Schienenpakt geschlossen. Sein Ziel: die Eisenbahn zu dem Verkehrsmittel des 21. Jahrhunderts zu machen. Diese politische Willensbekundung muss jetzt auch umgesetzt werden.

Welche politischen und tariflichen Lösungen braucht es, um Beschäftigung in der Mobilitätsbranche zu sichern?

Die EVG hat sehr schnell die Initiative ergriffen und ein „Bündnis für unsere Bahn“ geschmiedet – mit der DB AG, dem Bund als Eigentümer und dem Konzernbetriebsrat. Derzeit sichern wir durch Tarifverhandlungen ab, dass den Beschäftigten, die das Land seit Monaten mobil halten, jetzt nicht dafür noch in die Tasche gegriffen wird. Wir haben bereits die Zusage erreicht, dass es keinen Stellenabbau bei der Deutschen Bahn geben wird und dass es in puncto Einstellungen und Ausbildung keine Abstriche gibt. In den Tarifverhandlungen legen wir einen Schwerpunkt auf die Eigenfertigungstiefe: Wir wollen Arbeit im Konzern halten.

Die Statements wurden eingeholt von Fabienne Melzer.

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