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: Schnelle Märkte

Ausgabe 07+08/2010

BRANCHENREPORT Seit zehn Jahren schreibt die deutsche Solarindustrie auch dank staatlicher Förderung eine Erfolgsgeschichte. Jetzt brechen die Gewinne weg, obwohl die Nachfrage steigt. Von Guntram Doelfs

GUNTRAM DOELFS ist Journalist in Berlin.

Die Situation könnte kaum paradoxer sein: Nach der größten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit produziert die deutsche Solarindustrie, als ginge sie das Ungemach auf den Weltmärkten nichts an. Viele Unternehmen arbeiten hart an der Kapazitätsgrenze. "Im Moment reißen uns die Leute die Solarmodule quasi aus der Hand", erzählt Harald Frick, Betriebsratschef bei Conergy im brandenburgischen Frankfurt (Oder). Und doch steht der aktuelle Boom an den Produktionsbändern im krassen Gegensatz zu den Ertragszahlen der jungen Zukunftsbranche. Seit Jahresbeginn rauschen die Aktienkurse vieler deutscher Solarunternehmen in den Keller.

Längst ist bei den "Sonnenkönigen" ("Der Spiegel") nicht mehr alles eitel Sonnenschein, die Branche steht massiv unter Druck. Steigende Überkapazitäten, ein rasanter Preisverfall und eine stark wachsende Konkurrenz aus Asien und den USA setzen den deutschen Solarunternehmen mächtig zu. Seit 2009 verzeichnen viele Hersteller herbe Ergebniseinbrüche; Unternehmen wie Q-Cells oder Solon rutschten tief in die roten Zahlen. Als wäre das nicht genug, hat die schwarz-gelbe Koalition eine außerplanmäßige Kürzung zum 1. Juli bei der Solarförderung beschlossen. Danach wird die Förderung über die gesetzlich vereinbarte Absenkung hinaus zusätzlich gekürzt - bei Dachanlagen um 13 Prozent, bei Freiflächen um 12 und bei ehedem militärisch genutzten Konversionsflächen um 8 Prozent. Zum 1. Oktober wird es einen weiteren Kürzungsschritt um drei Prozent geben. Parallel dazu verhängte der Bund eine Haushaltssperre bei der Förderung der Solarthermie, also der Umwandlung von Sonnenenergie in Wärme.

EINE ROT-GRÜNE ERFOLGSGESCHICHTE_ Eine Situation, die die Analysten von Roland Berger Mitte Juni zu einer trüben Prognose verleitete. Parallel zur größten Branchenmesse Intersolar stellte die Unternehmensberatung eine Marktstudie über die deutschen Hersteller von Technik zur direkten Umwandlung von Sonnenenergie in Strom (Fotovoltaik) vor. "Viele deutsche Unternehmen haben zwar hohe technologische Kompetenz, sind aber für das schwierige Marktumfeld nicht ausreichend vorbereitet", urteilt Torsten Heinzelmann, der Branchenexperte bei Roland Berger. Er prophezeit, dass in den nächsten fünf Jahren "nur rund die Hälfte" der derzeit 50 größeren deutschen Solarunternehmen überleben wird.

Beim Branchenverband BSW-Solar hält man "solche Untergangsszenarien für nicht stichhaltig", wie ein Sprecher sagt. Gleichwohl zeichnet der Lobbyverband aber düstere Szenarien an die Wand, wenn es um die angekündigte Kürzung der Solarförderung geht. "Ein zu schnelles Absenken der Förderung schadet besonders deutschen Herstellern", warnte BSW-Geschäftsführer Carsten König auf der Intersolar, davon würde nur die chinesische Konkurrenz profitieren.

Dabei ist die von der rot-grünen Koalition im Jahr 2000 beschlossene Förderung der erneuerbaren Energien eine der größten Erfolgsgeschichten der deutschen Nachkriegszeit, die inzwischen in mehr als 60 Ländern weltweit kopiert wird. Um den umweltfreundlichen Energieträgern einen geordneten Markteintritt zu ermöglichen und gleichzeitig die ehrgeizigen Klimaschutzziele zu erreichen, garantiert das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) eine feste Einspeisevergütung über 20 Jahre. Von ursprünglich 57 Cent pro Kilowattstunde fällt die Förderung inzwischen jährlich automatisch - je nach Anlagengröße und zugebauter Kapazität - und liegt derzeit bei 39,14 Cent pro Kilowattstunde.

Die garantierte Vergütung hat Deutschland ein explosionsartiges Wachstum der erneuerbaren Energien beschert. Seit 2000 ist ihr Anteil am gesamten Energieverbrauch auf aktuell 16,1 Prozent gewachsen. Rasant verläuft seit 2008 auch das Anwachsen der Stromerzeugung aus Fotovoltaik. Mit 6,2 Milliarden Kilowattstunden erreichte Solarstrom 2009 erstmals einen Anteil von mehr als einem Prozent am deutschen Stromverbrauch. Allein die neu zugebaute Kapazität in der Fotovoltaik betrug in Deutschland im vergangenen Jahr 3800 Megawatt. Zum Vergleich: Das größte deutsche Atomkraftwerk Biblis hat eine Leistung von rund 2500 Megawatt.

Doch das hohe Wachstum hat auch seine Kehrseiten. Genauso rasant wie die Zahl der Solaranlagen wächst auch die Höhe der Solarsubventionen - gemessen am Anteil an der Gesamtstromerzeugung - überproportional und in schwindelerregende Höhen. Laut Bundesnetzagentur betrugen die Subventionen 2,25 Milliarden Euro im Jahr 2008. Offizielle Zahlen für 2009 gibt es von der Agentur noch nicht; Experten gehen aber von Zahlungen von bis zu 14 Milliarden Euro aus. Tendenz steigend.

KONKURRENZ AUS FERNOST_ Die Subventionen werden an alle Käufer ausgeschüttet - auch an Kunden, die preiswertere Module ausländischer Hersteller verbauen. Bei sinkenden Preisen für die Module und noch immer relativ hoher Einspeisevergütung erzielen private Investoren in Solaranlagen so derzeit traumhafte Renditen auf Kosten der Allgemeinheit. Ganz anders ist die Lage jedoch bei den Herstellern. Weil Deutschland als europaweit größter Absatzmarkt von Solartechnologie chinesische Hersteller wie Yingli, Suntech oder Trinasolar geradezu magisch anzieht, wächst die Konkurrenz aus Fernost. Die Firmen aus dem Reich der Mitte überschwemmen derzeit den deutschen Markt mit billigen Modulen, die "technisch keinen Deut schlechter sind als unsere Module", so Conergy-Betriebsrat Harald Frick.

Im Preiskampf gegen chinesische Hersteller ziehen deutsche Firmen immer öfter den Kürzeren. Nicht wegen vermeintlicher Dumpinglöhne, sondern "weil die Chinesen vor allem mit exzellenten Finanzierungsbedingungen für ihre heimische Solarindustrie die Preise drücken", urteilt Angelika Thomas, die beim Vorstand der IG Metall für Technologie und Umwelt zuständig ist. Beständig bauen die chinesischen Firmen ihren Anteil am deutschen Solarmarkt aus. Nach einer Branchenanalyse des Bonner Marktforschungsunternehmens EuPD Research betrug ihr Anteil 2009 bereits 40 Prozent, für 2010 prognostizieren Experten 51 Prozent.

Zudem ist der deutschen Solarbranche 2009 mit Spanien ein wichtiger Markt weggebrochen, weil die spanische Regierung plötzlich die Solarzuschüsse deckelte und infolge der Immobilienkrise die Baubranche kollabierte. Viele deutsche Hersteller saßen im vergangenen Jahr auf vollen Lagern und sie mussten ihre Solarmodule erheblich unter Preis auf einen ohnehin bereits überfütterten Markt werfen. Das weltweite Überangebot an Modulen, wachsende Effizienz in der Produktion und sinkende Einkaufspreise beim Rohstoff Silizium führten so 2009 zu einem dramatischen Preisverfall auf dem deutschen Markt. Binnen eines Jahres sanken die Preise um rund 26 Prozent - und damit schmolz für viele einheimische Hersteller der Gewinn wie Schnee in der Sonne.

DRAMATISCHE FOLGEN DER REGIERUNGSPLÄNE_ Viele Unternehmen brachte die Entwicklung in bedrohliche Schieflage, weil ihr Aufbau stark mit Krediten finanziert wurde. Solon schaffte es Anfang des Jahres nur mit Mühe, neue Kredite zu bekommen. Conergy musste im April - trotz Rückkehr in die schwarzen Zahlen - die Hauptversammlung auf unbestimmte Zeit verschieben, weil das Unternehmen immer noch mit Banken über eine Refinanzierung eines 250-Millionen-Euro-Kredites verhandelt. Dieser wird im Juli fällig. Immer stärker unter Druck geraten besonders kleine und mittelständische Unternehmen, die überwiegend für den heimischen Markt produzieren. Größere Unternehmen wie Schott Solar, Q-Cells oder Solon suchen dagegen ihr Heil in einer neuen Doppelstrategie: eine Steigerung des Exports und zunehmende Verlagerung der Produktion nach Fernost, wo die Produktionskosten laut den Experten von Roland Berger um bis zu 50 Prozent niedriger liegen.

In dieser heiklen Situation könnte die außerplanmäßige Kürzung der Solarförderung erhebliche Folgen für die junge Zukunftsbranche haben, in der derzeit 83 000 Menschen in der Fotovoltaik und Solarthermie direkt beschäftigt sind. "Dann wäre der weitere Beschäftigungsaufbau gefährdet, der bislang vor allem in strukturschwachen Regionen in Ostdeutschland stattgefunden hat", warnt Angelika Thomas, die die IG Metall im April bei einer Anhörung im Umweltausschuss des Bundestages zur Kürzung der Förderung vertrat.

Thomas hält die Orientierung der Förderung an der kurzfristigen Entwicklung der Marktpreise, die derzeit nicht die realen Produktionskosten widerspiegeln würden, für einen grundlegend falschen Ansatz. Das würde die zentralen Ziele des EEG aushebeln, die erneuerbaren Energien marktfähig zu machen und langfristig den deutschen Technologievorsprung zu sichern, ist die IG-Metall-Expertin überzeugt.

Dabei lehnen die Kritiker der schwarz-gelben Kürzungspläne eine außerplanmäßige Kürzung nicht grundsätzlich ab. Ihnen geht es um eine moderate Absenkung, die es den deutschen Unternehmen erlaubt, sich den geänderten Marktbedingungen anzupassen. Die Kürzungen müssten sich am technologischen Fortschritt orientieren und nicht an kurzfristigen Preisschwankungen, heißt es beim BSW. "Sonst ist zu befürchten, dass viele Unternehmen in große Schwierigkeiten geraten", sagt ein Sprecher des Verbandes. Im Auftrag des BSW-Solar untersuchtedas Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme (ISE) bereits im Februar die Spielräume für außerplanmäßige Kürzungen. Die Studie ermittelte eine mögliche Absenkung von sechs Prozent bei kleinen Anlagen und bis maximal zehn Prozent bei größeren. Kürzungen darüber würden "mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem Arbeitsplatzabbau in Deutschland führen", so die ISE-Experten.

DIE NEUE DOPPELSTRATEGIE_ Ausgerechnet die angedrohte Kürzung beschert der Branche derzeit übervolle Auftragsbücher. Viele Kunden wollen sich schnell noch Anlagen zu den alten Konditionen sichern. "Seit Anfang Februar produzieren wir auf Teufel komm raus", schildert Maik Reichow, Betriebsratsvorsitzender bei Aleo Solar im brandenburgischen Prenzlau. Bis zum Jahresende füllt dieser Boom die Auftragsbücher. Und dann?

Reichow zuckt mit den Schultern, bleibt aber dennoch optimistisch. "Der Markt wird sich anpassen", glaubt Reichow. Auch Gerd Schloßarek, Industriegruppensekretär beim Hauptvorstand der IG BCE hält nichts von Untergangsszenarien. "Der Markt ist zu schnell gewachsen. Und das Problem billiger Konkurrenz aus Asien haben alle Branchen", sagt der Gewerkschafter. Entscheidender für die Zukunft der Branche sei, "wer die beste Technik hat".

Noch hält die deutsche Solarbranche diesen Vorsprung, vor allem in der technisch anspruchsvollen Dünnschichttechnologie. Noch entstehen besonders in diesem Technologie-Segment neue Werke in Deutschland - wie jüngst von Odersun in Fürstenwalde. Doch die Erforschung und Entwicklung von Spitzentechnologie ist teuer und muss über Erträge erwirtschaftet werden. Das gelingt nur, wenn deutsche Firmen relativ schnell eine "kritische" Marktgröße von mindestens einem Gigawatt Produktionsvolumen erreichen, heißt es bei Roland Berger.

Gefragt sind also Unternehmer wie Politiker gleichermaßen: Die jungen deutschen Unternehmen müssen dringend wachsen und neue Märkte im Ausland erschließen, die Politik darf eine außergewöhnliche Erfolgsgeschichte nicht auf der Ziellinie abwürgen. Zur Erinnerung: Bereits im Jahr 2014 rechnet die Branche damit, die Netzparität zu erreichen. Dann würde Solarstrom so viel kosten wie konventionell erzeugter Strom, und die Branche könnte nach Ansicht vieler Experten auf eigenen Beinen stehen. 


GRAFIK: Umkämpfter Wachstumsmarkt. Anteil chinesischer Modulhersteller am deutschen Markt. (Hier pdf zum Download)

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