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LESERBRIEF zu Ausgabe 12/2011: Investive Geldschöpfung

Ausgabe 01+02/2012

Lesermeinung von MICHAEL WENDL, ehemaliger ver.di-Bezirksleiter, München zu Pro & Contra: Soll die EZB verstärkt Staatsanleihen der Euro-Krisenländer aufkaufen?“; Interview mit Finance-Watch-Chef Thierry Philipponnat: „Die Finanzindustrie hat die Politik in die Detailfalle gelockt“

In der gegenwärtigen Situation, in der die Finanzmärkte als Käufer von Staatsanleihen sogenannter Krisenstaaten in der Währungsunion faktisch ausfallen, ist es sinnvoll, dass die Zentralbank weiter Staatsanleihen kauft. Insgesamt ist es angemessen, wenn die Zentralbank als Gläubiger oder Garant in der letzten Instanz bei den Verbindlichkeiten der europäischen Staaten handelt. Georg Erber trifft mit seinen Bedenken trotzdem zwei wichtige Probleme. Einmal sieht der EU-Vertrag eine solche Rolle für die EZB nicht vor, ganz im Gegenteil. Das ist darauf zurückzuführen, dass dieser Vertrag im Lichte einer monetaristischen Geldtheorie – der sogenannten Neoquantitätstheorie des Geldes – formuliert wurde. Diese Theorie hat sich aber als nicht geeignet erwiesen, um die Prozesse auf den Finanzmärkten zu verstehen und angemessen reagieren zu können. Der zweite Einwand zielt auf das Verhältnis von realwirtschaftlicher Wertschöpfung und Geldmenge. Eine ungesteuerte Ausweitung der Geldmenge ist problematisch, weil dieses Geld oder Geldkapital sich ebenfalls verwerten, also Zinsen tragen soll. Insofern muss unterschieden werden, ob die Geldschöpfung durch Kredite positiv auf die Investitionstätigkeit einer Gesellschaft wirkt oder nur spekulativen Zwecken bzw. einem volkswirtschaftlich nicht sinnvollen Staatsverbrauch dient. Thierry Philipponnat weist im Interview im selben Heft exakt auf diese Unterscheidung hin. Diese Unterscheidung hatten schon Marx und Keynes im Auge, der Erste, weil er zwischen „reproduktivem“ oder „bloß zinstragendem“ Kapital, der Zweite, weil er zwischen „Realvermögen“ und „Liquidität“ differenziert hatte. In der kurzen Frist also führt kein Weg vorbei an einer Ausweitung der Geldschöpfung durch den Kauf von Staatsanleihen (oder direkte Finanzierung der Staaten durch die Zentralbank), zugleich aber braucht es eine harte politische Regulierung der Finanzmärkte, um spekulatives Handeln weitgehend einzuschränken.

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