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Buy-Out: Hurra, sie leben noch

Ausgabe 04/2020

Steinalt und insolvenzgestählt, sind die Hüttenwerke Königsbronn für den Betriebsräte-Preis nominiert: Den Mitarbeitern gehört jetzt ein Drittel der Walzengießerei. Von Stefan Scheytt

Dieses Unternehmen kann es eigentlich gar nicht mehr geben. Erstens, weil es schon methusalemalt ist, genau 655 Jahre, und damit als Deutschlands ältestes Industrieunternehmen gilt. Zweitens, weil es innerhalb von nur fünf Jahren drei Insolvenzen erlitten hat. Trotzdem lebt es noch, was zu einem guten Teil einer kämpferischen Belegschaft zu verdanken ist, die deshalb für den Betriebsräte-Preis 2020 nominiert ist.

Fred Behr, 59, steht in einer meterhohen Werkshalle, hinter ihm schweben an Kränen zwei riesige Gießpfannen mit 1400 Grad heißem Eisen. Gleich wird ihr Inhalt in eine Walzengussform aus stählernen Kokillen geschüttet, dass die Funken nur so durch die Halle spritzen. „Hier bin ich schon als Siebenjähriger gestanden, wenn ich meinem Onkel das Vesper brachte“, sagt Behr. Vor gut einem Jahr, berichtet der Betriebsrat und Werksleiter, stand hier alles still – die Gießpfannen, die Öfen, die Hubsteiger, die Drehmaschinen. „Überall waren schon die Kleber für die finale Auktion drauf.“ Das Ende der Gießerei in Königsbronn auf der Ostalb, 90 Kilometer östlich von Stuttgart, war nur noch wenige Wochen entfernt. Bis etwas geschah, was sie hier inzwischen das „Wunder von Königsbronn“ nennen.

Die erste Insolvenz der Schwäbischen Hüttenwerke, wie das Unternehmen lange hieß, war 2013. Ein paar Jahre zuvor hatten das Land Baden-Württemberg und MAN ihre Anteile an dem Großwalzenhersteller im Rahmen eines Management-Buy-outs verkauft. Das Ego des Käufers war groß, seine Pläne hochfliegend, die Landung hart. Ihm folgten neue Investoren, die Ralf Willeck, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Heidenheim, Glücksritter nennt, weil sie mit fremdem Geld noch ihren Schnitt machen wollten, Geld aus der Firma zogen und dabei zwei weitere Insolvenzen produzierten. „Es war bizarr“, sagt Willeck. „Die Walzen aus Königsbronn waren und sind Spitzenprodukte und die Auftragslage deshalb immer gut – aber es war kein Geld da für Löhne, Strom und Eisen.“

Auch nach Insolvenz Nummer drei, Ende 2018, kämpften die Mitarbeiter mit Onlinepetitionen, Flugblättern, Bettelgängen zu Politikern, Unterschriftenaktionen und Menschenketten. Dennoch konnten sie nicht verhindern, dass es zum Schließungsbeschluss kam und die ersten Entlassungen ausgesprochen wurden. Dann die unerwartete Wende, begünstigt durch zwei Zufälle: der eine in Person eines Königsbronner Kneipenwirts, der als ehemaliger Insolvenzverwalter mit Betriebsrat Behr einen groben Rettungsplan erstellte, der zweite Zufall ein Tipp von IG-Metall-Bezirksleiter Roman Zitzelsberger an seinen Heidenheimer Kollegen Ralf Willeck, sich doch mal an die Münchener Restrukturierungsberater von One Square zu wenden.

Der Grobplan des Kneipenwirts und die Expertise der deutsch-britischen Finanzprofis, die selbst kaum Eigenkapital einbringen, führten schließlich zur Rettung unter dem neuen Namen Hüttenwerke Königsbronn. Den wichtigsten Part spielen dabei die Kunden aus der Papierbranche und anderen Industrien, indem sie für die oft monatelange Arbeit an den Großwalzen in Vorleistung treten. Außerdem verzichten die zu Beginn 74 verbliebenen Mitarbeiter (von 160 vor der Insolvenz) bis Ende 2020 auf 15 Prozent ihres Lohns sowie auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Dafür sind sie zu einem Drittel an den neuen Hüttenwerken beteiligt.

„Ohne diese Beteiligung hätten sie nicht auf ihren Lohnanteil verzichtet“, stellt Fred Behr klar, der früher Betriebsratschef war und nun – als Werks- und Personalleiter – nur noch Betriebsratsmitglied ist. „Die Jungs halten ihre Anteile nicht, um damit einmal Gewinn zu machen, sondern um jetzt und auf absehbare Zeit einen Arbeitsplatz zu haben.“ Im Moment spricht einiges dafür, dass das gelingen könnte: Die Auftragsbücher sind voll, aus den für 2020 geplanten 14,5 Millionen Euro Umsatz werden wohl mehr als 18 Millionen, selbst ein Gewinn zeichnet sich ab. Einige der Entlassenen konnten schon wieder eingestellt werden. Läuft es weiter so gut, könnte die Firma eines Tages das Werk, das Grundstück und die Maschinen kaufen, die derzeit der Bank und einer Leasingfirma gehören. Wenn die Berater von One Square ihre Anteile irgendwann wieder veräußern, könnten die Mitarbeiter ihren Anteil erhöhen oder die Hüttenwerke sogar ganz übernehmen: Das Vorkaufsrecht haben sie sich vertraglich gesichert.

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