zurück
Demonstrativer Fototermin: Vor dem Amazon-Lager in Bessemer im US-Bundesstaat Alabama solidari- sieren sich Kongressabgeordnete mit den Gewerkschaftern, die für die Organisierung der Belegschaft kämpfen. Magazin Mitbestimmung Magazin Mitbestimmung

Internetwirtschaft: Ende der Allmacht

Ausgabe 02/2021

Lange haben Tech-Konzerne wie Google und Amazon die Gewerkschaften von sich ferngehalten. Das ändert sich. Die ersten Mitarbeiter organisieren sich und fechten das Machtmonopol der Internetriesen an. Von Joachim F. Tornau

In der Stadt Bessemer im US-Bundesstaat Alabama ist der Teufel los, seit die überwiegend schwarzen Beschäftigten eines Amazon-Verteilzentrums im Februar mit der Abstimmung über ihre gewerkschaftliche Organisation begonnen haben. Bis Ende März lief die Frist für die rund 5800 mehrheitlich schwarzen Lagerarbeiter, zu entscheiden, ob sie künftig von der Handelsgewerkschaft RWDSU vertreten werden wollen. So etwas hat der Onlinehändler in seinem Stammland noch nie erlebt. Entsprechend aggressiv reagierte das Unternehmen, überschwemmte den Standort mit antigewerkschaftlicher Propaganda: mit Plakaten, einer Website und SMS-Nachrichten an die Beschäftigten.

Der Aufstand in Bessemer ist schon die zweite Betriebsstörung in der amerikanischen Internetwirtschaft. Im Januar hatten die Beschäftigten des Google-Mutterkonzerns Alphabet eine Gewerkschaft gegründet. Binnen weniger Wochen vervierfachte sich die Mitgliederzahl der neuen Alphabet Workers Union (AWU), die sich an Festangestellte ebenso richtet wie an Leiharbeitskräfte und ausgelagerte Dienstleister, auf mehr als 800. Das ist zwar nach wie vor nur ein Bruchteil der insgesamt wohl über 100 000 Arbeitnehmer, die in den Vereinigten Staaten für Alphabet arbeiten, dennoch kam die Gründung unter dem Dach der großen Kommunikationsgewerkschaft CWA einer Revolution gleich.

Andrew Gainer-Dewar, Softwareingenieur bei Google und ehrenamtlicher AWU-Sprecher, solidarisiert sich mit den Protesten in Bessemer: „Alle brauchen eine Gewerkschaft, Lagerarbeiter genauso wie Softwareingenieure. Die Amazon-Beschäftigten stehen einem der mächtigsten Unternehmen der Welt gegenüber. Aber die Gerechtigkeit ist auf ihrer Seite.“

Der Ruf nach mehr Demokratie wird laut

Die Gewerkschaftsinitiative bei Google ist eher das Werk gut bezahlter, aber enttäuschter Idealisten als von Leuten, die üblicherweise Gewerkschaften gründen. AWU-Sprecher Gainer-Dewar zitiert gern eine Amazon-Mitarbeiterin mit dem Satz: „Wir machen Milliarden für Amazon. Eigentlich sind wir die Milliardäre nur ohne Milliarden in der eigenen Tasche.“

Es geht ums Grundsätzliche: um die wachsende Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen den erklärten Werten der Tech-Unternehmen und der Realität. „Don’t be evil“, sei nicht böse – das war lange der Leitspruch von Google. „Es sollte fair, transparent und demokratisch zugehen“, sagt Christine Muhr, die bei der Gewerkschaft Verdi für den Internetriesen zuständig ist. „Doch dieser Pfad wurde verlassen.“

So wenig Googles hochbezahlte Fachkräfte tatsächlich mit den Amazon-Beschäftigten von Bessemer gemein haben mögen – in diesem Punkt treffen sie sich. Die von den jungen Konzernen jahrzehntelang so erfolgreich gepflegte Ideologie einer Interessensgleichheit von Management und Belegschaften, von Kapital und Arbeit verfängt nicht mehr.

Schon seit einiger Zeit wird die Kritik an der Arroganz der Internetkonzerne lauter. „Manche Unternehmen erwecken den Eindruck, dass sie sich außerhalb des Rechts und der Demokratie stellen könnten“, sagt Wolfgang Schroeder, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Kassel. „Sie inszenieren sich als autorisierte Lebensweise mit eigenen Ordnungsprinzipien – das ist so anmaßend, dass es irgendwann nicht mehr tragbar ist.“ Was in den USA passiere, sei „Teil des globalen Trends, dass sich die Beschäftigten im Tech-Bereich gewerkschaftlich organisieren“, sagt Christy Hoffman, Generalsekretärin der Gewerkschaftsföderation UNI Global Union, die rund 20 Millionen Beschäftigte der Dienstleistungsbranche vertritt. „Die Arbeitnehmer wollen eine Verschiebung der Machtverhältnisse, um sie demokratischer zu machen.“

Bei Google waren es zunehmend ungerechte Lohn- und Beschäftigungsstrukturen, Vertuschung von sexueller Belästigung, rassistische Ungleichbehandlung, die Zusammenarbeit mit dem US-Militär und mit der chinesischen Regierung und jüngst die Entlassung der kritischen KI-Forscherin Timnit Gebru, die den Unmut der Beschäftigten so sehr wachsen ließen, dass sie sich zu organisieren begannen.

Nicht nur in den Vereinigten Staaten. Auch in Zürich, mit 5000 Beschäftigten der größte Google-Standort außerhalb der Vereinigten Staaten, wurde im vergangenen Jahr eine Personalvertretung gewählt. Auf europäischer Ebene laufen Gespräche über ein europäisches Mitbestimmungsgremium.

Seit acht Jahren Kampf um einen Tarifvertrag

Auch in Deutschland, wo rund 2000 Menschen für Alphabet arbeiten, bislang aber noch keinen Betriebsrat haben, tut sich etwas: „Wir haben Kontakte zu Google-Beschäftigten und bieten ihnen eine Austauschplattform an“, sagt Verdi-Gewerkschafterin Muhr. „Wir sind bereit.“ Dennoch steht die Organisierung in den Internetkonzernen noch am Anfang. Erst Ende Januar gab UNI Global Union die Gründung der Allianz Alpha Global bekannt, der Gewerkschaften für Alphabet-Beschäftigte aus zehn Ländern angehören. Für Amazon besteht eine solche Allianz bereits seit 2015. In Deutschland ist Verdi bei dem Onlinehändler aktiv. Es gibt Betriebsräte, seit acht Jahren wird hartnäckig um einen Tarifvertrag gekämpft.

Dass mit der Initiative von Bessemer nun auch jenseits des Atlantiks etwas in Bewegung kommt, ist für Orhan Akman, den Bundesfachgruppenleiter Einzelhandel und Versand bei Verdi, ein starkes Signal für Beschäftigte in Deutschland. „Bessemer zeigt, dass ein Konzern wie Amazon selbst zu Hause kein ruhiges Hinterland hat.“

Weitere Informationen

Zum Alphabet-Konzern gehören neben Google mit seinen verschiedenen Produkten von der Suchmaschine bis Videoplattform Youtube auch Biotechnologie- und Finanzunternehmen. Weltweit hat Alphabet rund 135 000 Beschäftigte, die meisten davon in den USA.

Mit rund 800 000 Arbeitnehmern ist Amazon nach der Handelskette Walmart der zweitgrößte Arbeitgeber in den USA.

Für Google-Beschäftigte, die Kontakt zur Gewerkschaft aufnehmen wollen, hat Verdi die Mailadresse verdi-team-google@verdi.de eingerichtet

Gründungserklärung der internationalen Gewerkschaftsallianz Alpha Global (pdf).
 

Zugehörige Themen

Weitere Inhalte zum Thema

Der Beitrag wurde zu Ihrerm Merkzettel hinzugefügt.

Merkzettel öffnen