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Gesellschaft: Die Krise fördert die Ungleichheit

Ausgabe 03/2020

Zunehmend stellt sich die Frage nach den sozialen und ökonomischen Folgen der Corona-Krise. Die Lasten sind ungleich verteilt. Das liegt vor allem daran, dass Strukturen, die schon vorher soziale Ungleichheit geschaffen haben, jetzt in der Krise besonders wirksam werden. Von Bettina Kohlrausch, Wissenschaftliche Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung

Wenn über die Auswirkungen des Unterrichtens zu Hause auf die Entwicklung sozialer Ungleichheit diskutiert wird, liegt der Fokus meist auf der Ausstattung der Schülerinnen und Schüler mit digitalen Endgeräten. Auch die politischen Maßnahmen konzentrierten sich zunächst darauf, für alle jeweils 150 Euro für die Anschaffung eines digitalen Endgerätes zur Verfügung zu stellen. Die Gesamtsumme des Programms beläuft sich auf 500 Millionen Euro. Auch wenn der Zugang zu digitalen Endgeräten eine zentrale Voraussetzung für die Teilnahme und Teilhabe an digitalen Lernformaten ist, stellt er jedoch nur die Spitze des Eisbergs dar. Denn die sogenannte „digitale Kluft“ verläuft weniger entlang des Zugangs zu digitalen Medien, sondern entlang der Frage, inwieweit Nutzer über die nötigen digitalen Kompetenzen verfügen, um mit diesen Medien umzugehen.

Bildungsungleichheit: die digitale Kluft

Neben operativen Fähigkeiten (simple Anwendung) erfordert dies ein Verständnis für die spezifischen Strukturen digitaler Medien, zum Beispiel Menüführungen, die Fähigkeit, Informationen in den digitalen Medien zu suchen, auszuwählen und zu bewerten, und strategisch in der Lage zu sein, die erhaltenen Informationen zum Erreichen der eigenen Ziele anzuwenden. Gerade die letztgenannten, komplexeren Kompetenzen sind jedoch bei Kindern aus bildungsferneren Elternhäusern und im Übrigen auch bei geringer qualifizierten Erwachsenen seltener vorhanden. In Zeiten, in denen der Unterricht zu Hause und digitale Lernformate an Bedeutung gewinnen, kann die digitale Kluft schichtspezifische Ungleichheit zusätzlich verstärken.
In Deutschland ist der Unterricht zudem in Form von Halbtagsschulen organisiert. Schon im Normalbetrieb erfordert dies viel Mitarbeit der Eltern. Damit sind für den Lernerfolg eines Kindes eben nicht nur seine Begabung und sein Fleiß relevant, sondern auch die Ressourcen der Eltern. 

Ungleichheit zwischen den Geschlechtern

Die durch die anhaltenden Schließungen von Schulen und Kitas entstehende Sorgearbeit wird zum großen Teil von Frauen geleistet, die in der Folge häufiger ihre Arbeitszeit reduzieren. Damit verschärfen sich die Muster der Verteilung von Sorgearbeit, die auch schon vor der Krise dominant waren. Die Verschärfung dieses Musters ist jedoch bei Paaren mit einem niedrigen Haushaltseinkommen besonders ausgeprägt. Da Familien mit einem geringen Einkommen meist nicht auf das oft höhere Gehalt des Mannes verzichten können, reduziert häufiger die Frau ihre Arbeitszeit, um die Kinder zu betreuen. Gleichwohl existieren auch in Familien mit höherem Haushaltseinkommen geschlechtsspezifische Muster der Arbeitsteilung.

Ungleichheit auf dem Arbeitsmarkt

Personen mit einem geringen Einkommen sind in der Krise besonders stark betroffen, weil sie unter den durch das Kurzarbeitergeld entstehenden Einkommenseinbußen stärker leiden und seltener in Betrieben arbeiten, die das Kurzarbeitergeld aufstocken. So arbeiten Befragte, die über ein Haushaltsnettoeinkommen von weniger als 1500 Euro verfügen, nur knapp halb so oft in Betrieben, die Aufstockung anbieten, wie Personen, die über ein Haushaltsnettoeinkommen von über 4500 Euro verdienen (21 Prozent versus 39 Prozent). Das ist problematisch, weil gerade untere Einkommensgruppen Gefahr laufen, bei Kurzarbeit in die Grundsicherung zu fallen. Zum Zeitpunkt unserer Befragung waren die meisten von Kurzarbeit betroffenen Beschäftigten im Gastgewerbe beschäftigt. Damit greift dieses Instrument in dieser Krise verstärkt in Branchen, in denen ohnehin sehr niedrige Gehälter gezahlt werden, weshalb ein Ausgleich von 60 Prozent des Gehaltsverlusts für viele nicht ausreichen wird. Es zeigt sich aber auch, dass Beschäftigte, die in Beschäftigungsverhältnissen arbeiten, die einem Tarifvertrag unterliegen oder in Betrieben arbeiten, in denen es einen Betriebsrat gibt, in der Krise besser abgesichert sind. Einerseits, weil sie häufiger eine Aufstockung des Kurzarbeitergelds erhalten, andererseits, weil für sie die Arbeit im Homeoffice besser geregelt ist. Insgesamt 47 Prozent der Befragten, die im Homeoffice sind, geben an, dass es in ihrem Betrieb Regelungen zur Arbeit zu Hause gibt. Menschen mit solchen Vereinbarungen empfinden die Arbeit zu Hause als weniger belastend. Solche Regelungen gibt es jedoch deutlich häufiger in Betrieben, die einen Betriebsrat haben. 

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