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: Abschied von gestern

Ausgabe 07+08/2010

KONVERSION Schiffsbauer werden Windkrafttechniker, Autobauer fertigen Motoren für Blockheizkraftwerke. Wie fühlt es sich an, die Branche zu wechseln? Von Jonas Viering

JONAS VIERING ist Journalist in Berlin./Foto: ddp/Jens Schlüter

Unten schwappt das Hafenwasser braun gegen den schrundigen Beton. Der Schiffbauplatz fällt schräg zur Ems ab, hunderte Meter ist er lang. Helling sagen die Leute auf der Werft dazu. Die Stahlschienen, auf denen riesige Containerfrachter nach monatelanger Montage knirschend ins Wasser glitten, sind teils noch blank geschliffen von der Arbeit, teils rosten sie schon. Auf dem Boden eingetrocknete Farbplacken. Die Helling ist leer. Mehr als 25 Stockwerke hoch ragt orange der Portalkran in den Himmel mit dem stolzen Schriftzug "Nordseewerke" ganz oben. Das Gewicht eines Jumbojets kann er heben. Der Kran steht still. An den Kais der Werft liegen Schiffe vertäut, sie sind alle einmal hier gebaut worden, aber jetzt braucht sie keiner. Die Frachter sind festgemacht und warten; die Krise hat den Welthandel gelähmt und damit die Schifffahrt - und den Schiffbau.
Im Schwimmdock der Nordseewerke in Emden ist noch die cremefarbene Superjacht eines Milliardärs zur Reparatur. Eine U-Boot-Sektion für die Marine wird noch zusammengeschweißt. Für die Werft bietet das nicht genügend Zukunft. Trotzdem hat sie eine.

In einer der seltsam leeren Hallen mit ihren Blechwänden und Riffelfenstern liegen zwei mächtige Röhren, silbrig schimmernd, Vorboten einer neuen Zeit. Türme für Windkraftanlagen auf hoher See, im Fachjargon "offshore", sollen hier in den Nordseewerken bald gebaut werden. Im März hat die pfälzische Siag Schaaf AG den Großteil der Nordseewerke vom Weltkonzern ThyssenKrupp übernommen. Bald werden die unbelebten Hallen verlängert und mit neuen Maschinen wieder vollgestellt. Der Übergang dauert - aber aus der Traditionswerft wird ein Unternehmen für Ökotechnologie. Unfreiwillig, denn Schiffbauer haben ihren Produzentenstolz. Aber der grüne Trend ist jetzt für die Nordseewerke eine neue Chance. Es geht ums Überleben.

DIE GRÜNEN MÄRKTE LOCKEN_ "Es ändert sich sehr viel in vielen Unternehmen", sagt die Umweltökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. "Manche ändern sich komplett, manche langsam - aber sie ändern sich." Die grünen Märkte locken. Treiber der Entwicklung seien, so Kemfert, fast immer "eindeutig wirtschaftliche", vor allem die steigenden Preise für fossile Energien. Weltanschauung ist da reine Nebensache. Was sich hier in der Masse der Traditionsunternehmen tut, ist gerade mit Blick auf die Jobs wahrscheinlich bedeutsamer als die viel beschworenen Neugründungen von Öko-Tech-Unternehmen. Wobei auch diese Start-ups am Ende oft zu einem Wandel der etablierten Unternehmen beitragen, wie Johann Wackerbauer vom Münchner Ifo-Institut erklärt. Die kapitalstarken Großen kaufen die erfindungsreichen Kleinen auf. Die Formen des Wandels sind also vielfältig - immer aber geht es um eine grünere Zukunft.

Beim letzten Stapellauf in den Nordseewerken aber, vor ein paar Monaten, waren schwarze Fahnen zu sehen. Als der Frachter "Frisia Cottbus" von der Helling ins Wasser glitt, 228 Meter lang, "da sind bei gestandenen Männern Tränen geflossen", sagt Betriebsrat Klaas Everwien. Protestkundgebungen gab es vorher, die Nordseewerke sind der zweitgrößte Arbeitgeber in der Stadt. Im Aufsichtsrat haben die Arbeitnehmer gegen den Verkauf gestimmt. "Nicht gegen Siag, aber dagegen, dass der Schiffbau in Emden kaputt gemacht wird", sagt Everwien. Es hat nichts geholfen. Auf dem Fensterbrett seines Büros glänzen im Neonlicht Pokale von den alljährlichen Bosselwettbewerben in der Firma, eine Art ostfriesischer Weitwurf ist das. "Der Betriebsrat hat immer gewonnen", so eine Firma war das, sagt Everwien. Neben ihm sitzt Erwin Heinks, auch er Betriebsrat. Sein Großvater war Nordseewerker, sein Vater, "Schiffbau ist nicht nur ein Produkt", sagt er.

DER BLICK NACH VORN_ Beim Interessenausgleich haben die Arbeitnehmer eine Menge herausgeholt. Von den etwa 1200 Beschäftigten bleiben 720, die Übrigen gehen in andere Gesellschaften von Thyssen oder in Altersteilzeit. Erkleckliche Summen fließen. Entlassen wird nicht. Und jetzt will der Betriebsrat, sagt Heinks, die Belegschaft "motivieren".
Rund 20 000 Windkraftanlagen sind in Nord- und Ostsee geplant, erklärt er mit Nachdruck. Jede Einzelne wiege 1000 Tonnen, "da steckt eine Menge Stahl drin". Und zum Bau brauche man Errichterschiffe, um den Strom an Land zu bringen, schwimmende Kabelleger - es klingt die Hoffnung durch, dass die Windkraft doch auch wieder Schiffbau bringt. Und es klingt durch, dass die Nordseewerker sich jetzt nicht als Öko-Firma fühlen. Sondern einfach weiter als Industrieunternehmen - eines mit Salzwasser im Blut.

Im Ruhrgebiet habe der Strukturwandel Jahrzehnte gebraucht, in Emden komme er jetzt fast über Nacht - das sei doch eine ungeheure Chance, so hat Siag-Chef Rüdiger Schaaf mal gesagt. Sein Unternehmen selbst ist aus Zufall zur Windkraft gekommen, nicht aus Überzeugung. In den Neunzigern bekam die Stahlbaufirma die Anfrage, ob sie auch die Türme für große Rotoren bauen könne. Aus einem Auftrag wurden viele. Neue Werke entstanden, zuletzt in Ägypten. Und jetzt will Siag mit den Nordseewerken und 40 Millionen Euro Investitionen "auf einen Schlag auch zu einem Marktführer im Offshore-Sektor werden", wie der Marketingchef Christian Adamczyk sagt. Gebaut werden müssen die Anlagen am Meer, weil die Turmröhren beim Transport auf Land unter keiner Brücke mehr durchpassen. "Die Menschen in Emden sind stolz auf das, was sie tun, und sie sind loyal", sagt Adamczyk über die Schiffbauer. Das mache die Übergangsphase zur Windkraft nicht unbedingt einfach. "Aber für uns ist dieser Stolz ein Vorteil. Wir sagen den Leuten: Ihr habt jetzt ein neues Produkt - aber wir brauchen euer Know-how."

PLÖTZLICH IN DER ÖKO-ECKE_ Im holzgetäfelten Ahnensaal der Gebrüder Eickhoff Maschinenfabrik in Bochum hängen Ölbilder der Firmenleiter seit 1846, ein Traditionsbetrieb der Bergbautechnik. Mit Rädern für Grubenwagen hat alles angefangen, heute bauen sie hier Walzenschremmlader, 150 Tonnen schwere Ungetüme, die sechs Meter dicke Kohleflöze schneiden können. In den 90er Jahren war den Bochumern klar, dass das Zeitalter des Kohlebergbaus in Deutschland zu Ende geht. So mancher kämpfte dagegen an. Aber "am Alten zu hängen, das hat nichts mit Stolz zu tun, sondern mit Dummheit", sagt Betriebsrat Heinrich Denniger. Bergbautechnik machen sie in der Firma noch immer, aber inzwischen 90 Prozent für den Export. Dass etwas Neues hinzukommen musste, war Betriebsrat wie Geschäftsführung klar: Getriebe für Windkraftanlagen waren es schließlich, bei denen das Unternehmen seine Kompetenz aus dem Bau von schweren und robusten Maschinen verwerten konnte. Die als Klimakiller bezichtigte Kohle und die saubere Windkraft: Für die Bochumer sind das keine Gegensätze.

Langsam hat sich das entwickelt, über mehr als 20 Jahre hinweg, nicht schlagartig wie in Emden. Und nicht ein Investor von außen setzte das neue Produkt durch, sondern das Unternehmen selbst betrieb den Wandel. Das habe alles leichter gemacht, sagt Denniger. Ende der Neunziger hatte Eickhoff 650 Mitarbeiter, erzählt er, heute mehr als 1000. Bei Dresden wurde für die Windkraft ein neues Werk aufgebaut, weil auf Dauer beides am gleichen Standort doch nicht ging. Die Getriebe sind Serienprodukte mit hoher Standardisierung der Produktionsprozesse, die Bergbaumaschinen hingegen sind fast Einzelanfertigungen. Aber der Aufbau des neuen Standorts ging nicht auf Kosten des alten. "In der Krise war es möglich, neue Wege zu gehen", sagt Denniger. Die Kohlekrise damals meint er, nicht die Wirtschaftskrise heute.

Ausgerechnet das weltweite Krisenjahr 2009 war das beste Jahr in der Firmengeschichte, sagt Eickhoff-Geschäftsführer Rheinländer. Eine Erfolgsgeschichte. Und doch hängt er das alles lieber tief: "Wir hatten nicht den großen Strategen, der gesagt hat: Windkraft ist die Zukunft." Die Firma war einfach nur offen für etwas wirklich Neues. "Wir kommen nicht aus der Öko-Ecke", sagt Rheinländer. "Aber jetzt sind wir drin."

AUTOMOBILNAHE NEUE GESCHÄFTSFELDER_ Motoren bauen sie im Volkswagenwerk Salzgitter, Sechzehnzylinder für die Luxuslimousinen von Bugatti, Sparversionen für Skoda. Doch sogar ein Automobilriese wie VW ist inzwischen ins Grübeln gekommen, wie seine Zukunft aussieht - auch dank seiner Arbeitnehmer. "Übermorgen geht es weg von der Verbrennung", sagt Betriebsrat Andreas Blechner. Für Elektroantriebe aber bräuchte es wohl eine andere Fabrik und andere Leute; dieses Problem teilt Salzgitter mit vielen anderen Autowerken. In der Tarifrunde 2006 erstritt der Betriebsrat deshalb den Einstieg in die Fertigung von kleinen Blockheizkraftwerken. Die bestehen aus Verbrennungsmotoren, mit Gas betrieben, wie sie VW teils auch schon für Autos baut. Und produzieren ökologisch und ökonomisch effizient Strom und Wärme für Doppelhäuser oder kleine Wohnanlagen. "Eine gesellschaftlich nützliche Idee" sei das, sagt Blechner. Klar geht es ihm um die Jobs, aber auch um die Umwelt.

Der Anstoß kam vom Betriebsrat, bestätigt eine Konzernsprecherin. Die ansonsten die Minikraftwerke rühmt als "zukunftsträchtiges Beispiel für automobilnahe neue Geschäftsfelder". Wirklich ins Rollen kam die Sache aber durch die Zusammenarbeit mit dem Ökostromanbieter Lichtblick. Auch hier hängt wieder alles mit der Windkraft zusammen. Lichtblick sah das Problem, dass Strom aus Wind je nach Wetterlage mal in großen Mengen und mal in kleinen anfällt. Und erfand den "Schwarmstrom": Weht es mal arg wenig, sollen verteilt in den Kellern der Republik die Blockheizkraftwerke anspringen, mit Computern vernetzt. Viele tausend Verbraucher haben bereits bestellt, in diesem Sommer werden die ersten Anlagen installiert. In Salzgitter bringt das zwar nur vielleicht 200 Jobs, so kalkuliert Betriebsrat Blechner. Das erscheint wenig angesichts der insgesamt mehr als 6000 Arbeitsplätze am Standort. "Aber es ist ein Anfang", sagt Blecher.

Manches passt hier einfach gut. Ältere Arbeitnehmer können in der Fertigung eingesetzt werden, weil das Minikraftwerk auf dem Bock steht, statt alle 45 Sekunden eine Montagestation weiter bewegt zu werden. Auch sowas zählt, Salzgitter ist mit einem Durchschnittsalter der Belegschaft von 44 Jahren laut Blechner "ein altes Werk". Und die Kollegen hätten keine Angst vor dem neuen grünen Produkt, meint der Betriebsrat. Bei dem einen oder anderen sei etwas ganz anderes zu spüren: Stolz.

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