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Löhne: Stärke des Tarifsystems ist Flexibilität

Ausgabe 14/2020

Die Tariflöhne steigen 2020 im Schnitt um gut zwei Prozent. Gerade in der Coronakrise zeigt sich, wie flexibel die Tarifpolitik in einzelnen Branchen reagieren kann.

Angesichts der Coronakrise agiert die Tarifpolitik in diesem Jahr besonders differenziert. In Branchen, die stark vom wirtschaftlichen Einbruch betroffen sind, liegen die Schwerpunkte auf Beschäftigungssicherung. Außerdem steht in vielen Bereichen die Stabilisierung der Einkommen von Beschäftigten in Kurzarbeit im Fokus. In Branchen, deren Geschäfte weniger leiden, die möglicherweise sogar florieren, geht es in der Tarifrunde 2020 hingegen auch um spürbare Lohnerhöhungen. Die deutlichen Unterschiede zeigten die Stärken des deutschen Tarifsystems, betont Thorsten Schulten, Tarifexperte des WSI: „Unter den Bedingungen der Corona-Pandemie hat sich die Tarifpolitik einmal mehr als ein effizientes und flexibles Regelungssystem erwiesen, das in der Lage ist, differenzierte Antworten auf die unterschiedlichen Herausforderungen der verschiedenen Branchen zu geben.“ 

Werden lediglich die im ersten Halbjahr 2020, also inmitten der Coronakrise getätigten Neuabschlüsse berücksichtigt, so steigen die Tariflöhne um 1,2 Prozent. Allerdings schlagen die bereits in früheren Jahren für 2020 vereinbarten Tarifabschlüsse mit 2,6 Prozent zu Buche, sodass sich insgesamt eine Tariferhöhung von 2,1 Prozent ergibt. Gegenüber den Vorjahren 2018 und 2019, in denen die Tariflöhne um 3,0 beziehungsweise 2,9 Prozent anstiegen, wird der Zuwachs in diesem Jahr kleiner ausfallen. Angesichts eines durchschnittlichen Anstiegs der Verbraucherpreise von nur 1,2 Prozent im ersten Halbjahr 2020 ergibt sich jedoch immer noch ein Reallohnzuwachs von knapp einem Prozent. „Zuwächse bei den Tariflöhnen setzen wichtige Impulse für Konsum und Konjunktur. Das gleiche gilt natürlich für tarifliche Regelungen, die Arbeitsplätze verlässlich sichern oder die für eine Aufstockung des Kurzarbeitergeldes sorgen. Beides hilft dabei, die gesamtwirtschaftliche Krise zu überwinden“, sagt Schulten. 

Zu den großen Tarifbranchen, die erst einmal die reguläre Tarifrunde um einige Monate vertagt und sich stattdessen kurzfristig auf Maßnahmen zur Sicherung der Beschäftigung in der Krise konzentriert haben, gehört die Metall- und Elektroindustrie. Außerdem wurden hier – wie in vielen anderen Branchen – tarifliche Regelungen beschlossen, die eine betriebliche Aufstockung des Kurzarbeitergeldes erleichtern. Insgesamt erhielten im Juni 54 Prozent der Kurzarbeitenden in Unternehmen mit Tarifvertrag aufgestocktes Kurzarbeitergeld, in Unternehmen ohne Tarifbindung hingegen nur eine Minderheit von 31 Prozent.

In Branchen, die weniger von der Coronakrise betroffen sind, wurden „normale“ Entgelterhöhungen verhandelt. Hierzu gehören zum Beispiel die Energiewirtschaft, die ostdeutsche Süßwarenindustrie und andere Branchen der Ernährungswirtschaft sowie die Deutsche Telekom, bei denen für dieses Jahr Tariferhöhungen zwischen 2,5 und 3,0 Prozent vereinbart wurden. Mit dem Abschluss in der Systemgastronomie ist es darüber hinaus gelungen, eine klassische Niedriglohnbranche grundlegend aufzuwerten. Über einen Zeitraum von vier Jahren werden hier die Tarifentgelte um fast 28 Prozent angehoben. Gerade gestartet sind die Verhandlungen für Bund und Gemeinden des öffentlichen Dienstes. Dort wird sich nach Ansicht von Schulten „zeigen, ob viele der unter Corona-Bedingungen als systemrelevant beklatschen Berufsgruppen nun auch eine entsprechende materielle Anerkennung erhalten“.

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