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Interview: "Komplexe Lieferketten nachhaltig umbauen"

Ausgabe 06/2020

Das Coronavirus legt die Produktion in vielen Unternehmen lahm weil Transportwege nicht mehr funktionieren und der Nachschub fehlt. Wie Wertschöpfungsketten künftig umgestaltet werden sollten, erklärt Barbara Fulda von der Hans-Böckler-Stiftung.

Im Zuge der Ausbreitung des Corona-Virus ist von einem möglichen Zusammenbruch der globalen Liefer- und Wertschöpfungsketten die Rede. Wie beurteilen Sie die Lage?

Barbara Fulda: Sobald auch nur ein einzelnes Glied in globalen Wertschöpfungsstrukturen fehlt, stockt der ganze Prozess. Genau dies beobachten wir für viele Produkte und Dienstleistungen derzeit. Unabhängig davon, ob Wertschöpfung global oder national stattfindet: Sie erfolgt in den meisten Fällen in mehreren Schritten. Je länger und komplexer Wertschöpfungsstrukturen sind, desto wahrscheinlicher ist eine Unterbrechung und desto anfälliger sind sie für Änderungen von Rahmenbedingungen - sei es wegen der Erhöhung von Zöllen, aufgrund von Handelsstreitigkeiten, Pandemien oder Naturkatastrophen.

Worin unterscheidet sich die Corona-Krise von vergangenen Krisen?

Lieferausfälle und damit Produktionseinbrüche haben verdeutlicht, wie unübersichtlich und vielgliedrig Wertschöpfungsprozesse mittlerweile sind. Sicherlich: Globaler Handel ist seit Jahrtausenden Realität. Man denke nur an die Seidenstraße. Die Komplexität und das Ausmaß globalen Handels sind jedoch neu. Allein zwischen 1990 und 2011 ist der globale Handel, gemessen am weltweiten Bruttoinlandsprodukt, um 21 Prozent gestiegen. Grundlage dafür sind günstigere Transportmöglichkeiten und die Möglichkeiten der Digitalisierung.

Hat das dazu geführt, dass Wertschöpfungsketten so komplex geworden sind? 

Unter anderem. Wettbewerb auf den Märkten führt grundsätzlich dazu, dass Unternehmen immer kostengünstiger produzieren wollen. Der wirtschaftliche Aufstieg der Schwellenländer bedeutete zusätzlich einen starken Zuwachs an Konkurrenz. Durch die Möglichkeiten der Digitalisierung und günstigeren Transport wurden zudem immer mehr Produktionsschritte ins Ausland ausgelagert - insbesondere arbeitsintensive Produktion in Länder mit niedrigen Lohnkosten. Grundlage der Verlagerung ist die Idee der Modularisierung, also die Aufspaltung eines Produktes in seine Bestandteile. Die Herstellung einzelner Modulteile kann durch verschiedene Produzenten erfolgen, die sich oft auf die Herstellung eines Teils spezialisieren. Dadurch wird Wertschöpfung komplexer und, wenn die Verlagerung über Landesgrenzen hinweg erfolgt, internationaler. Die Komplexität von Wertschöpfung hat jedoch oft ein Maß erreicht, wo es selbst für Hersteller schwer ist, den Wertschöpfungsprozess zu überblicken. Neben der Sicherung sozialer wird dann auch die Beachtung ökologischer Standards zunehmend schwerer.

Sollten wir also aus der Krise lernen, dass unsere Wertschöpfungs- und Lieferketten aufgrund ihrer Störanfälligkeit nicht krisenfest sind und daher grundlegend überdacht werden sollten?

Auf jeden Fall! Man könnte überdenken, inwieweit die Aufspaltung von Produktion sinnvoll ist. Auslagerung führt manchmal auch zu einer regionalen Konzentration auf wenige Hersteller, beispielsweise bei der Produktion von Wirkstoffen für Arzneimittel durch einzelne chinesische Produzenten in der Region Hubei, in der sich auch die Stadt Wuhan befindet. Dadurch werden Lieferketten anfälliger. Durch Überprüfung der einzelnen Schritte des Wertschöpfungsprozesses kann dessen Anfälligkeit im Hinblick auf Lieferausfälle reduziert werden. Außerdem zeigt sich gerade, wie problematisch der weitgehende Verzicht auf Lagerhaltung, um Lagerkosten zu reduzieren, sein kann. Die Umstellung hin zur Just in time - Anlieferung durch Logistikunternehmen und Produktion durch die Vorproduzenten macht den Herstellungsprozess anfällig auch im Fall kurzzeitiger Lieferausfälle. 

Liegt die Lösung in einer Verkürzung der Lieferketten oder gar autarker Produktion jedes Nationalstaats?

Eine Verkürzung könnte in manchen Fällen sinnvoll sein, autarke Produktion sicherlich nicht. Ich schlage vor, nach kritischen Nadelöhren zu suchen: Wo gibt es nur einen oder wenige regional konzentrierte Hersteller für ein Produkt? Zudem bedeutet übrigens auch autarke Produktion regional konzentrierte Produktion und damit Anfälligkeit. Man könnte also darüber nachdenken, dieselben Produkte an unterschiedlichen Standorten herzustellen. Dies setzt natürlich eine gute grenzüberschreitende Zusammenarbeit von Gewerkschaften voraus, um das Ausspielen von Standorten gegeneinander zu vermeiden. Es würde aber vor Lieferausfällen in jeglicher Art von Krisen schützen. Für Firmen mit Stammsitz in Deutschland ergibt eventuell ein Standbein eigener Fertigung in Produktionsstätten in Deutschland Sinn, um in räumlicher Nähe Produkte herzustellen.

Barbara Fulda leitet den Forschungsschwerpunkt Erwerbsarbeit in der Abteilung Forschungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung.

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