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Böckler Impuls

Bildung: Gesellschaftliche Ungleichheit - in der Schule erlernt

Ausgabe 04/2007

Die Schulen verringern die sozialen Unterschiede nicht, sondern vergrößern sie. Daran hat sich sechs Jahre nach dem PISA-Schock wenig geändert. Ein Überblick zum Stand der Forschung zeigt: Bei allen Übergängen zur nächsten Bildungsstufe bleiben vor allem Schüler aus bildungsfernen Familien auf der Strecke - auch ungeachtet ihrer Leistungen.

In kaum einem anderen vergleichbaren Land hängt die Bildungsleistung von 15-Jährigen so sehr von ihrer sozialen Herkunft ab wie in Deutschland. Die erste PISA-Studie hat ein Schlaglicht auf die sozialen Schieflagen des Bildungswesens geworfen, seitdem hat sich eine Reihe von Untersuchungen dem Thema gewidmet. Gertrud Hovestadt und Nicole Eggers liefern nun einen Überblick zum aktuellen Forschungsstand: Zahlreiche Belege sprechen dafür, dass die Schulen gesellschaftliche Unterschiede eher verstärken denn ausgleichen. "Der Zusammenhang zwischen Sozialschicht und Schulleistungen wird während der Schulzeit nicht schwächer, sondern stärker", resümieren Hovestadt und Eggers in ihrer Untersuchung für die Hans-Böckler-Stiftung. Die Bildungsungleichheit verschärft sich vor allem an den Übergängen, und sie summiert sich von Stufe zu Stufe.

Bislang gelingt es keiner Schulform, sich erfolgreich gegen diese Entwicklung zu stemmen. Ob die nach der ersten PISA-Studie anvisierten Reformen auch die Bildungsungerechtigkeit beheben, ist fraglich, meint Gertrud Hovestadt: "Es ist zwar ein stärkeres Bewusstsein entstanden, was an den Schulen geleistet werden soll, und dafür sind auch einige Veränderungen vorgenommen worden." Um die soziale Ungleichheit zu beheben, werde aber zu wenig getan. Nur die Ausweitung der Ganztagsschulen und die Förderung von Migrantenkindern zielten darauf ab. Das reiche nicht aus.

=> Grundschule

In Deutschland ist die Grundschule die einzige Schulform, die alle Kinder gemeinsam besuchen. Am Ende der Grundschulzeit sind die Leistungen noch nicht so stark von der sozialen Herkunft bestimmt wie zum Ende der Schulpflicht. Nach der vierten Klasse erfolgt in der Regel die entscheidende Weichenstellung. 2001 empfahlen die Lehrer 29,3 Prozent den Gang auf die Hauptschule, 35,7 Prozent die Realschule, 34,9 Prozent das Gymnasium. Über 10-Jährige faire Prognosen zu treffen, ist schwierig. Die Forschung beobachtet einen klaren Einfluss der sozialen Herkunft eines Kindes auf die Empfehlungen - sogar ungeachtet der tatsächlichen Leistung. Im Durchschnitt müssen Kinder aus unteren Schichten bessere Leistungen bringen, um ebenso gute Empfehlungen zu bekommen wie die anderen. Die internationale Vergleichsstudie IGLU zeigte: Bei gleichen kognitiven Grundfähigkeiten und Lesekompetenzen haben Kinder aus höheren Schichten eine 2,7-fach größere Chance, eine Empfehlung für das Gymnasium zu erhalten als Kinder aus Facharbeiter-Familien. Bei der Studie LAU 5 wurde zudem deutlich: Ein Kind, dessen Vater keinen Schulabschluss hat, muss erheblich besser sein als die anderen, um eine Empfehlung für ein Gymnasium zu bekommen. Es muss ein genauso hohes Leistungsniveau aufweisen wie ein Schüler, der eine Klasse überspringen darf. Hat der Vater Abitur, genügt schon eine Leistung unter dem Durchschnitt.

Gerade für Gymnasiasten schreibt sich häufig ein soziales Privileg fort. Bei den Zugangschancen zum Gymnasium verläuft eine Trennlinie zwischen der Arbeiterschicht insgesamt und den übrigen Sozialschichten, wie bereits die erste PISA-Studie feststellte. Die gesellschaftlichen Unterschiede zwischen Haupt- oder Realschülern sind weitaus geringer. "Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Jugendlicher aus oberen Schichten das Gymnasium anstelle einer Realschule besucht, ist beinahe sechs mal so hoch wie bei einem Jugendlichen, der die gleichen Kompetenzen hat, aber aus der unteren Mittelschicht stammt", so Hovestadt und Eggers.

Die Laufbahn-Entscheidungen am Ende der Grundschulzeit fallen ins Gewicht, weil das dreigliedrige Schulsystem es nur selten ermöglicht, die einmal gefällte zu niedrige Zuweisung zu korrigieren. Zwar wechseln 14 Prozent der Schüler in der Sekundarstufe noch einmal die Schulform. Ein Aufstieg ist jedoch äußerst selten, er gelingt nur 3 Prozent der Schüler. Die Aufteilung in drei Schultypen erweist sich als wichtiger Verstärker der gesellschaftlichen Ungleichheit.

=> Gymnasium, Haupt- oder Realschule

Die Abschlüsse der Sekundarstufe I sind die Eintrittskarten zur Lehre oder zur gymnasialen Oberstufe. In welchem Schulzweig ein Schüler die Klassen 5 bis 10 verbringt, ob auf dem Gymnasium, der Real- oder Hauptschule, ist ausschlaggebend für spätere Lebenschancen. Denn Schüler mit gleichen Lern- und Aufnahmefähigkeiten entwickeln sich je nach besuchter Schule sehr unterschiedlich, weist eine vertiefende Studie zu PISA nach. Gymnasiasten werden besser gefördert  und übertreffen darum vergleichbar begabte Hauptschüler in ihrer Mathematikkompetenz um mehr als zehn Prozent. "Wenn ein den Schulleistungen nach gymnasiales Kind in der Hauptschule landet, wird es dort bei der Entfaltung seiner Potenziale so ausgebremst, dass es den Anschluss an gymnasiale Klassen nur noch schwer findet", folgert die Überblicksstudie. Je länger ein Kind in einem bremsenden Umfeld lernt, desto größer wird sein Rückstand. Ähnliche Effekte können schlechtere Schulen gegenüber den besseren des gleichen Typus haben. Ein maßgeblicher Faktor ist das Einzugsgebiet: In wohlhabenden Vierteln mit überwiegend wohlhabenden Familien sind meistens auch die Schulen besser. So schafft bereits das Wohnviertel ein erfolgversprechenderes Lernumfeld.

=> Der Weg zur Hochschulreife

Abitur oder Lehre? An der zweiten großen Weggabel eines Bildungsweges "finden erneut systematische soziale Selektionsprozesse statt", so die Autorinnen. Ein Ergebnis: Nahezu vier Fünftel aller Beamtenkinder besuchen nach Angaben des Hochschul-Informations-Systems (HIS) und des Deutschen Studentenwerks eine gymnasiale Oberstufe - von den Arbeiterkindern nur ein Drittel. Für den Zugang zur Klasse 11 des Gymnasiums müssen formale Kriterien erfüllt sein. Wer sich schon auf dem höheren Zweig befindet, hat es weitaus leichter. Für einen Gymnasiasten reicht es, nicht sitzenzubleiben, um zur Hochschulreife zu kommen; Real- und Hauptschüler müssen sich erheblich mehr strecken. In 95 Prozent der Fälle bleibt ein Gymnasiast auch im 11. Schuljahr an seiner Schule und damit auf dem Weg zum Abitur. Bei Realschülern beträgt die Oberstufen-Wahrscheinlichkeit nur noch 35 Prozent, bei Hauptschülern schrumpft sie auf 17 Prozent.

Berufsbildende Gymnasien sollen die mangelnde Durchlässigkeit des dreigliedrigen Schulsystems wettmachen. Einen gleichwertigen Zugang zur Hochschulreife schaffen sie aber nicht - tatsächlich sind sie nur Hintereingänge. Sie dauern länger, was die anschließende Aufnahme eines Studiums erschwert. Zudem finden Absolventen berufsbildender Gymnasien bei den Arbeitgebern nicht die gleiche Anerkennung, erklärt Hovestadt. TOSCA, eine Studie zum Bildungserfolg von 5.000 Oberstufenschülern in Baden-Württemberg, dokumentiert die Unterschiede in der sozialen Rekrutierung: Die Kinder von Arbeitern und einfachen Angestellten stellen an der beruflichen Oberstufe einen größeren Anteil als an der allgemein bildenden. Meist schlagen nur Kinder der mittleren Sozialschicht diesen Pfad ein. Die untere Schicht bleibt in der Regel selbst hier außen vor.

=> Lehre oder Studium

Die Quote der Studierenden ist in Deutschland im internationalen Vergleich eher gering. Der leichte Anstieg der vergangenen Jahre verbessert die Position kaum, weil die Bildungsexpansion in anderen OECD-Ländern schneller verläuft. In Deutschland summieren sich die an früheren Schwellen entstanden Ungleichheiten. So nehmen knapp zwei Drittel aller Beamtenkinder ein Studium auf, aber nicht einmal ein Fünftel der Arbeiterkinder.

Eine wichtige Klippe ist die letztlich auch die Entscheidung für oder gegen ein Studium, die ebenfalls im Zusammenhang mit der sozialen Herkunft steht. 32 Prozent der Abiturienten von 1999 hatten dem HIS zufolge drei Jahre später kein Studium aufgenommen. Hierbei waren Studienberechtigte aus mittleren oder niedrigen Herkunftsschichten häufiger vertreten als jene aus einer hohen oder gehobenen Gesellschaftsschicht. Finanzielle Erwägungen spielen eine Rolle, vor allem aber die Erwartungen des Umfelds, ermittelte TOSCA. Die Studierneigung der Schüler steigt deutlich, wenn sie spüren, dass Freunde oder Familie ihnen die Aufnahme und Bewältigung eines Studiums zutrauen.

"Die gymnasialen Oberstufen und der Eingang zur Hochschule sind in Deutschland von der Selbstrekrutierung durch höhere Bildungsschichten gekennzeichnet, und zwar in geradezu verblüffend durchgängiger Weise", schreiben Hovestadt und Eggers. Der Ausschluss mittlerer und niedrigerer Bildungsschichten vom Zugang zur höheren Bildung sei - wie in den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts - so stark ausgeprägt, dass er als charakteristisch beschrieben werden könne. Das Fazit der Autorinnen: "Hochschulbildung wird in Deutschland wieder vererbt."

  • Nur gut ein Drittel kann studieren
    Die mittlere Reife ist der häufigste Abschluss Zur Grafik
  • Soziale Herkunft als Handicap
    Die soziale Herkunft ist in Deutschland wichtiger für den Schulerfolg als anderswo. Zur Grafik
  • Berufliche Stellung der Eltern beeinflusst die Schulempfehlung
    Schulischer Erfolg hängt in Deutschland oft vom sozialen Status der Eltern ab. Zur Grafik

Gertrud Hovestadt, Nicole Eggers: Soziale Ungleichheit in der allgemein bildenden Schule. Studie im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung, Februar 2007. Download (pdf)

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