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Einkommen: Familien: Normales Leben braucht zwei Jobs

Ausgabe 15/2013

Für einen mittleren Lebensstandard ist auch in Westdeutschland der Lohn eines Alleinverdieners oft zu knapp. In ostdeutschen Familien ist ein Vollzeitjob plus Sozialtransfers selten ausreichend, so dass beide Partner arbeiten müssen, um Armut zu vermeiden.

Im westdeutschen Wohlfahrtsstaat der Nachkriegszeit bestand das Einkommen einer Familie in der Regel aus einem „Ernährerlohn“, erwirtschaftet vom männlichen Haushaltsvorstand und ergänzt durch Sozialtransfers wie Kindergeld. Für die heutige, gesamtdeutsche Situation trifft dies nicht mehr zu, haben Ina Berninger und Irene Dingeldey ermittelt. Die beiden Forscherinnen der Universität Bremen zeichnen ein differenziertes Bild der Einkommensverhältnisse von Familien, auf Basis von Daten des Sozio-oekonomischen Panels und gefördert von der Hans-Böckler-Stiftung. Ihr Fazit: In vielen Familien sind inzwischen zwei Erwerbseinkommen nötig – insbesondere, wenn die Eltern nicht studiert haben. Um die Erwerbs- und Sorgearbeit egalitär aufteilen zu können, plädieren Dingeldey und Berninger für zwei kurze Vollzeitjobs. Dafür wären allerdings höhere Löhne nötig – vor allem in typischen Frauenberufen und in Ostdeutschland.

Exemplarisch für die gesellschaftliche Mitte analysierten die beiden Wissenschaftlerinnen Haushalte von Normalarbeitnehmern mit abgeschlossener Berufsausbildung. Sie untersuchten die Familienformen, welcher der Partner wie viel arbeitet – und wer wie viel verdient. Single-Haushalte ließen sie bei ihrer Untersuchung außen vor. Als arm ordneten sie Haushalte ein, die netto lediglich ein Einkommen unterhalb von 60 Prozent des Medians erzielen, inklusive Sozialleistungen. Bei einer vierköpfigen Familie waren das 1.909 Euro im Jahr 2011. Als mittleren Lebensstandard definierten Berninger und Dingeldey mindestens 80 Prozent des Medians – 2.545 Euro. Ihre Befunde im Einzelnen:

Schaut man auf das Arbeitseinkommen der gesellschaftlichen Mitte, erreichen damit in Westdeutschland 80 Prozent der kinderlosen Haushalte einen mittleren Lebensstandard, aber nur gut die Hälfte der Paare mit Kindern und unter 40 Prozent der Alleinerziehenden. „Grund für diese vergleichsweise niedrigen Anteile in den Paarfamilien ist, dass im Westen viele Partnerinnen der männlichen Normalarbeitnehmer gar nicht oder nur in Teilzeit erwerbstätig sind“, erläutern die Forscherinnen. Erst inklusive der familienbezogenen Transfers – wie zum Beispiel Kindergeld – steigt der Anteil der Alleinerziehenden mit mittlerem Lebensstandard auf gut 70 Prozent, der von Paarfamilien auf knapp 80 Prozent.

Die wenigsten der untersuchten Frauen mit Vollzeitjob kämen nur mit ihrem Einkommen für den gesamten Haushalt auf einen mittleren Lebensstandard. Bei kinderlosen Paaren gelänge dies noch 35 Prozent, bei Familien mit Kindern nur etwa 10 Prozent. In diesen Haushalten werde „die häufig geschlechtsspezifische Benachteiligung durch geringe Löhne bei weiblichen Normalarbeitnehmern durch das Erwerbseinkommen des Partners kompensiert“, so Dingeldey und Berninger. Denn dieser gehe zumeist auch ganztägig arbeiten. In der Gruppe der Väter mit Vollzeitjob hingegen sei „in deutlich stärkerem Maße das traditionelle oder modernisierte Ernährermodell verbreitet“, sprich: Deren Partnerinnen gehen meist gar nicht oder nur in Teilzeit einer Erwerbsarbeit nach.

In Ostdeutschland könnte nicht einmal die Hälfte der Normalarbeitnehmer den gesamten Haushalt mit einem Einkommen auch nur über die Armutsschwelle bringen. Bei den untersuchten Frauen gelänge dies sogar weniger als 10 Prozent. Zusammen mit dem Einkommen des Partners sind etwas unter 20 Prozent arm – sowohl mit als auch ohne Kinder. Kommen noch Sozialtransfers hinzu, verbleiben etwa 5 Prozent unterhalb der Armutsgrenze. Alleinerziehende sind zu mehr als 21 Prozent arm.

Im Unterschied zum Westen ist auch die überwiegende Mehrheit der Männer mit Vollzeitjob auf das Erwerbseinkommen ihrer Partnerin angewiesen, damit ihr Haushalt nicht arm ist. 17 Prozent brauchen dazu sogar zusätzlich Transferleistungen. „Das Entstehen von Armut auf breiter Basis in Haushalten von Normalarbeitnehmern wird hier allein durch das stärker egalitär ausgerichtete Zweiverdienermodell vermieden, das auch in Paarfamilien weit verbreitet ist“, schreiben die Wissenschaftlerinnen.

Aufgrund des insgesamt relativ geringen Lohnniveaus würden im Osten nicht einmal 20 Prozent der Haushalte auf der Basis eines Einkommens aus einem Vollzeitjob einen mittleren Lebensstandard erreichen. Vor allem die Alleinerziehenden erreichten extrem selten dieses mittlere Niveau, auch unter Einbeziehung aller Einkünfte. Zwischen den Geschlechtern sind die Unterschiede kleiner als im Westen. Dies dürfte daran liegen, dass ostdeutsche Mütter häufiger erwerbstätig sind – auch in Vollzeit. Dazu trage unter anderem der vergleichsweise gute Ausbau der Kinderbetreuung bei, so Berninger und Dingeldey.

  • Ein Einkommen genügt selten
    Für einen mittleren Lebensstandard reicht auch in Westdeutschland der Lohn eines Alleinverdieners nicht mehr aus. In ostdeutschen Familien müssen beide Partner arbeiten, um Armut zu vermeiden. Grafik herunterladen

Ina Berninger, Irene Dingeldey: Familieneinkommen als neue Normalität?, in: WSI-Mitteilungen 3/2013

zum Projekt "Familienlohn"

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