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Arbeitsmarkt: Einkommen werden immer unsicherer

Ausgabe 20/2015

Der deutsche Arbeitsmarkt hat sich über die Jahrzehnte massiv verändert – und mit ihm die Einkommen. Sie sind deutlich ungleicher und instabiler geworden.

Vor 50 Jahren sah die Welt noch anders aus: Der VW-Käfer prägte das Straßenbild, es gab kein Internet. Und es gab in Deutschland keine Leiharbeit. Was die Umwälzungen, die sich seitdem auf dem Arbeitsmarkt ereignet haben, für die Beschäftigten bedeuten, haben Timm Bönke, Matthias Giesecke und Holger Lüthen untersucht. Die Ökonomen von der FU Berlin, dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin und dem Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung haben die Einkommensmuster von Arbeitnehmern der Jahrgänge 1935 bis 1974 verglichen. Ergebnis: Früher konnten sich Beschäftigte eher auf ein stabiles Einkommen verlassen. Das gilt heute insbesondere für Berufseinsteiger nicht mehr. Außerdem sind die Einkommensunterschiede größer geworden.

Berufseinstieg wird immer schwieriger

Die Analyse basiert auf einem umfangreichen Datensatz der Deutschen Rentenversicherung, der die Erwerbsbiografien von sozialversicherungspflichtig Beschäftigten enthält. Rekonstruiert wurde, wie sich in den Jahren 1960 bis 2009 die Streuung der Bruttoeinkommen westdeutscher Männer in der „Haupt­erwerbsphase“ zwischen dem 25. und dem 59. Lebensjahr entwickelt hat. Dabei haben die Forscher zwei verschiedene Komponenten unterschieden: vorübergehende Varianz, die sie als Instabilität von Einkommen betrachten, und permanente Varianz, die für Ungleichheit steht.

Über die Jahrzehnte hinweg zeigt sich insofern ein ähnliches Schema, als die Ungleichheit in jeder Generation im Laufe des Lebenszyklus größer wird. Instabilität ist den Berechnungen zufolge vor allem zu Beginn und am Ende des Berufslebens verbreitet, also in der Einstiegs- und der Ausstiegsphase. Während das generelle Muster über die Generationen stabil geblieben ist, hat das Ausmaß der Streuung erheblich zugenommen. Bei der kurzfristigen Varianz begann dieser Prozess Mitte der 70er-Jahre und beschleunigte sich Mitte der 90er-Jahre. Betroffen waren in erster Linie die jungen Beschäftigten, für die der Berufseinstieg immer schwieriger geworden ist: Für 25-Jährige der Jahrgänge nach 1970 ergibt sich eine fünf- bis siebenmal so hohe Einkommensinstabilität wie für vor 1945 Geborene in diesem Alter. Auch die Ungleichheit ist den Daten zufolge gewachsen: Die permanente Varianz hat sich zwischen 1980 und 1990 verdoppelt, wenn man die 25- und 30-Jährigen betrachtet. Nach 1990 gab es in allen Altersgruppen einen weiteren sprunghaften Anstieg.

Als Erklärung für diesen Trend verweisen die Autoren auf Änderungen der ökonomischen und institutionellen Rahmenbedingungen. Die Ära des Wirtschaftswunders sei geprägt gewesen von stabilem Wachstum, Vollbeschäftigung, dem Ausbau von Wohlfahrtsstaat und Arbeitnehmerrechten. Mehr als die Hälfte der Beschäftigten habe in der Industrie gearbeitet, wo es sichere Jobs gab und wo die Lohnspreizung dank starker Gewerkschaften und Tarifbindung vergleichsweise gering ausgeprägt war. Dieses Modell sei in den 1970er-Jahren unter anderem durch die Ölkrise und den zunehmenden globalen Wettbewerb unter Druck geraten. Die Arbeitslosigkeit nahm zu, Dienstleistungen wurden wichtiger, die Gewerkschaften verloren an Einfluss. Leiharbeit und befristete Arbeitsverträge wurden erlaubt. Die Folge: zunehmende Arbeitsplatzunsicherheit und Lohnungleichheit. Nach der Wiedervereinigung hätten die neue Konkurrenz durch Osteuropa, der fortschreitende Strukturwandel, Automatisierung, Tarifflucht und weitere Deregulierung diese Probleme verschärft.

Timm Bönke, Matthias Giesecke, Holger Lüthen: The Dynamics of Earnings in Germany – Evidence from Social Security Records (pdf), DIW Discussion Paper 1514, Oktober 2015

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