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Gewerkschaften: Arbeitskämpfe im neuen Format

Ausgabe 08/2021

Verteilungskonflikte sind in der Coronakrise nicht verschwunden. Ab dem Sommer 2020 haben Streiks wieder zugenommen – gerade in den systemrelevanten Berufen.

Statt normaler Verhandlungen über Entgelte oder Arbeitszeiten standen im vergangenen Jahr in etlichen Branchen zunächst tarifliche Vereinbarungen zur Beschäftigungssicherung sowie zur Aufstockung des gesetzlichen Kurzarbeitsgeldes im Vordergrund. Ab Sommer 2020 hat jedoch auch das normale Tarifgeschehen wieder Fahrt aufgenommen. Dabei haben die Gewerkschaften auch zu Warnstreiks oder Streiks aufgerufen. Insgesamt sind 2020 in Deutschland deswegen rund 342 000 Arbeitstage ausgefallen, zeigt die Arbeitskampfbilanz des WSI. Die umfangreichsten Streikaktionen fanden im Herbst 2020 im öffentlichen Dienst von Bund und Kommunen sowie im öffentlichen Nahverkehr statt. Gegenüber 2019 ist das Arbeitskampfvolumen kaum zurückgegangen – allerdings lag es auch 2019 schon auf niedrigem Niveau und zwei Drittel unter dem Wert von 2018. Auch die Zahl der Teilnehmenden an Streiks lag mit 276 000 etwa auf dem Niveau des Vorjahres und deutlich unter der Zahl von 2018, als sich über eine Million Beschäftigte beteiligte.

Unter den Bedingungen eines umfassenden Lockdowns wurden im Frühjahr viele Tarifverhandlungen ausgesetzt, so die Analyse. Zunächst habe es eine Art Streikpause gegeben, in der für einen Zeitraum von zweieinhalb Monaten beinahe sämtliche Arbeitskampfmaßnahmen eingestellt wurden. Im Laufe des Jahres habe sich dann jedoch gezeigt, „dass auch unter Corona-Bedingungen die Interessen- und Verteilungskonflikte nicht verschwinden, sondern im Gegenteil vielfach sogar besonders akzentuiert werden“, schreiben die Wissenschaftler. So hätten die Streikaktivitäten ab dem Frühsommer 2020 wieder zugenommen – gerade in den systemrelevanten Berufen wie der Pflege mit klarem Rückhalt in der Bevölkerung.

Unter dem Strich sei es den Gewerkschaften „gut gelungen, auch unter Pandemie-Bedingungen ihre Arbeitskampffähigkeit unter Beweis zu stellen“, urteilen die Forscher. Neben Präsenzaktionen mit Hygienekonzept, Abstand und Masken hätten Beschäftigte und Gewerkschaften auch neue, innovative Formen digitaler Streikversammlungen und Mobilisierungsformate eingeführt. Für das laufende Jahr erwarten die Experten wieder mehr Arbeitskämpfe.

In der internationalen Streikstatistik, bei der die arbeitskampfbedingten Ausfalltage pro 1000 Beschäftigte miteinander verglichen werden, liegt Deutschland weiterhin im unteren Mittelfeld. Nach Schätzung des WSI fielen hierzulande in den zehn Jahren zwischen 2010 und 2019, dem jüngsten Jahr, für das internationale Vergleichsdaten vorliegen, aufgrund von Arbeitskampfmaßnahmen im Jahresdurchschnitt pro 1000 Beschäftigte 17 Arbeitstage aus, ein leichter Rückgang gegenüber dem Zeitraum 2009 bis 2018.

Jim Frindert, Heiner Dribbusch, Thorsten Schulten: WSI-Arbeitskampfbilanz 2020: Streiks unter den Bedingungen der Corona-Pandemie, WSI-Report Nr. 66, April 2021

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