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Archivar Wurster: Den historischen Schatz des Bistums der Welt zugänglich gemacht Stipendien Magazin Mitbestimmung

Altstipendiat: Der Digitalisierer

Ausgabe 11/2012

Herbert Wurster ist Direktor des Archivs der Diözese Passau. Er liebt den Geruch jahrhundertealter Folianten – sein Job ist es nun, diese Schätze online zugänglich zu machen.

Von Susanne Kailitz

Früher wäre Herbert Wurster nach nebenan gegangen, um seinen Arbeitsplatz vorzuführen. In die Räume mit den vielen Regalen, in denen uralte Pfarrakten, kostbare mittelalterliche Handschriften lagern – und die Matrikelbücher, die akribisch Taufen, Trauungen und Sterbefälle verzeichnen. Heute reicht ein Fingerzeig auf den Computer. Wurster, studierter Anglist, ist seit 1993 Direktor des Archivs des Bistums Passau. Man mag den Mann mit der großen Brille und dem gemütlichen bayerischen Dialekt auf den ersten Blick für einen klassischen Bücherwurm halten. Man würde sich schwer täuschen. In den vergangenen Jahren haben Wurster und seine Kollegen sämtliche alten Matrikel des Bistums Passau gescannt und online gestellt. Tausende von Urkunden hat Wursters Team der Welt zugänglich gemacht – und über dieses Projekt die Besucherzahlen für das eigene Archiv mehr als halbiert. „Dafür haben wir aber allein im Jahr 2011 rund 120 000 Internet-Benutzer dazu gewonnen“, sagt der Archivdirektor.

Dass er einmal ein Kirchenarchiv seine berufliche Heimat nennen würde, damit hatte er nicht gerechnet, als er in den 1970er Jahren ein Lehramtsstudium begann. Doch seine Leidenschaft für altes Schriftgut bemerkte er schnell – und schloss an das Examen eine Archivarausbildung an. Den Weg zur Hans-Böckler-Stiftung, die ihn während seines Studiums mit einem Stipendium förderte, habe ihm ein Vertrauensdozent gewiesen. „Ich kam eigentlich nicht aus dem Gewerkschaftsmilieu“, erinnert er sich, „sondern aus der kirchlichen Jugendarbeit. Mich gesellschaftlich zu engagieren war mir daher sehr vertraut und schien mir vernünftig.“

Voller Begeisterung berichtet der 62-Jährige heute, welchen Wandel das Internet seinem Berufsstand verordnet hat, wie groß die Möglichkeiten sind, die der Zugang zur Online-Wissenswelt bereithält: Wer früher nach Passau reisen musste, kann heute online in den Kirchenbüchern stöbern und in den historischen Quellen forschen, die hier über Jahrhunderte bewahrt wurden. Das ist auch Herbert Wursters Verdienst. „Wir wagen uns auf ein neues Meer hinaus, ohne genau zu wissen, wo die Reise hingeht“, sagt er und führt stolz vor, wie Menschen in aller Welt heute im Diözesanarchiv recherchieren können. Nicht nur Reisen werden überflüssig – auch ganz neue Fragestellungen lassen sich beantworten, wie er erklärt: „Gerade erst habe ich eine Anfrage vom Niederbayerischen Freilichtmuseum bekommen. Da wurde etwas zu ledigen Frauen auf Bauernhöfen im 19. und 20. Jahrhundert gesucht. Vor zehn Jahren hätte ich gesagt: Das ist verrückt, wer soll dazu etwas finden? Heute kann ich gezielt recherchieren und weiterhelfen.“ Manchmal, sagt Wurster, vermisse er „die sinnliche Erfahrung“ mit originalen Dokumenten. Aber der Gewinn, der durch die Digitalisierung der Archive entstanden sei, sei schon heute „gigantisch“.

Die digitale Unterstützung hat das wissenschaftliche Arbeiten beflügelt wie sonst keine Entwicklung. Dass die Forscher nun nicht mehr anreisen und mühevoll die Originale durchforsten müssen, hält Wurster „unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten für sehr sinnvoll“, auch wenn seinem Haus dadurch Einnahmen entgehen. Denn noch ist die Nutzung des Online-Angebots kostenfrei. Als Wurster 2004 mit dem Scannen begann, war er einer der ersten seiner Zunft. Heute erfassen immer mehr Bistümer ihre Kirchenbücher digital – für den Passauer Archivdirektor ein Beweis dafür, dass er richtiggelegen hat. Die Bestätigung kam inzwischen sogar von höchster Stelle: Erst im Februar wurde ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen – unter anderem für sein Engagement, die Auswertung der Kircheninformationen auch für andere wissenschaftliche Bereiche möglich zu machen. Er habe sich darüber sehr gefreut, erzählt der Vater von vier Kindern. „Jetzt bin ich noch stärker motiviert als zuvor. Der Gefahr, in alten Denkspuren zu verharren, hat das Bundesverdienstkreuz allemal vorgebeugt.“ Dabei merkt jeder, der Wurster kennenlernt, dass es dieses Ansporns gar nicht bedurft hätte: Er ist Archivar aus Leidenschaft, der seine Berufswahl, wie er sagt, „immer wieder so treffen“ würde – und ein Mensch, der fasziniert ist von der neuen Technik: „Es ist wichtig, sich die Offenheit allen Neuerungen gegenüber zu bewahren, um den Anschluss nicht zu verpassen.“ Dieses Motto lebt Wurster auch privat: Der zweifache Großvater hat inzwischen einen Facebook-Account. „Mal schauen, ob das was für mich ist.“

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