Böckler Impuls Ausgabe 02/2016

Verteilung

Was Armut bedeutet

Gibt es wirklich nennenswerte Armut in einem reichen Land wie Deutschland, wo fast alle genug zu essen und Zugang zu medizinischer Versorgung haben? Ja, denn auch Menschen in „relativer“ Armut haben mit schweren Einschränkungen zu kämpfen.

Der Begriff Armut ist „seit jeher genauso umstritten wie umkämpft“, schreibt der Armutsforscher Christoph Butterwegge. Als Beispiel verweist der Kölner Professor auf eine „äußerst polemische Medienkampagne“, die im vergangenen Jahr der Veröffentlichung neuer Armutszahlen des Paritätischen Gesamtverbands gefolgt sei. Unter anderem wurde dem Sozialverband vorgeworfen, seine Armutsdefinition sei willkürlich und so angelegt, dass die Statistik immer Armut ausweise, egal, wie stark der Wohlstand der Deutschen wachse. Beide Behauptungen sind unzutreffend, analysiert Butterwegge. Die Angriffe auf den in der Wissenschaft etablierten Begriff der „relativen“ Armut dienten vor allem dazu, Forderungen nach mehr Umverteilung von oben nach unten abzuwehren, so der Politikwissenschaftler.

Zwar gibt es kein unbestreitbares, für alle Menschen auf der Welt gleichermaßen gültiges Kriterium, nach dem sich bestimmen ließe, wer arm ist. Aber dies kann es dem Forscher zufolge auch gar nicht geben, denn Armut ist immer eine Frage des wirtschaftlichen und sozialen Umfelds. Wer zum Beispiel über 500 Euro im Monat verfügt, kann in Litauen anständig leben, in Luxemburg aber kaum ein Zimmer mieten. Um dieser Schwierigkeit gerecht zu werden, nähert sich die Forschung der Armut in verschiedenen Schritten.

Am Anfang steht die Unterscheidung zwischen absoluter und relativer Armut. Als absolut arm gilt, wer nicht einmal die physischen Grundbedürfnisse befriedigen kann: Nahrung, Kleidung, Wohnung, medizinische Grundversorgung. Diese Form von Armut ist in Deutschland nicht die dominierende, aber durchaus existent. Schätzungen kamen zum Beispiel für das Jahr 2005 auf 200.000 bis 800.000 Personen, denen es am Nötigsten fehlte.

Weiter verbreitet ist hierzulande relative Armut, die die Teilnahme am „normalen“ gesellschaftlichen Leben verhindert. Sie kann für die Betroffenen allerdings ebenso hart sein wie physische Entbehrungen. Es sei eine Alltagserfahrung, schreibt Butterwegge, dass soziale Ächtung sogar schlimmer sein könne als körperliches Unbehagen: „Wenn ein Kind, das im tiefsten Winter mit Sommerkleidung und Sandalen zur Schule kommt, von seinen Klassenkamerad(inn)en ausgelacht wird, leidet es darunter wahrscheinlich mehr als unter der Kälte.“

Wer ist arm?

Relative Armut ist zuerst eine Frage des Einkommens; auch wenn so genannte Lebenslagenansätze noch weitere Faktoren wie soziale Isolation infolge von Arbeitslosigkeit berücksichtigen. Um bestimmen zu können, wie viele Arme es in einem Land gibt, müssen vor allem verlässliche Daten über Einkommen und deren Verteilung zur Verfügung stehen. Im nächsten Schritt ist der Schwellenwert zu bestimmen, unterhalb dessen Armut oder „Armutsgefährdung“ beginnt. Nach einer EU-Konvention wird die Grenze üblicherweise bei 60 Prozent des mittleren Einkommens gezogen. Wer darunter liegt, ist, wie der Wissenschaftler schreibt, so weit „von der gesellschaftlichen Mitte“ oder „von bürgerlicher Respektabilität“ entfernt, dass er als arm gilt. Das Einkommen reicht nicht aus, um an den „üblichen“ sozialen Aktivitäten teilzunehmen. Sei es, mit Freunden oder Bekannten Essen zu gehen oder die Kinder an der gewünschten Ferienfreizeit teilnehmen zu lassen.

Einkommen und Haushaltsgröße sind entscheidend

Schließlich ist noch ein Rechenschritt nötig, der es ermöglicht, Haushalte mit unterschiedlicher Personenzahl zu vergleichen, die so genannte Bedarfsgewichtung. Ein Single mit 2.000 Euro im Monat kommt in der Regel gut zurecht, wer vom gleichen Betrag aber Partner und mehrere Kinder zu versorgen hat, muss äußerst knapp kalkulieren. Um es an der meist für Ein-Personen-Haushalte angegeben Armutsschwelle messen zu können, wird das Einkommen je nach Zahl und Alter der Personen im Haushalt mit bestimmten Gewichtungsfaktoren heruntergerechnet. Das Einkommen des Haushaltsvorstands wird quasi um den Bedarf der übrigen Haushaltsmitglieder verringert. So ergibt sich für einen Alleinverdiener mit Partner, zwei Kindern unter 14 Jahren und 2.000 Euro Nettoeinkommen inklusive Kindergeld nach den üblichen Konventionen ein Wert von 952 Euro. Diese Rechengröße wird als „bedarfsgewichtetes“ oder „Äquivalenz­einkommen“ bezeichnet.

Je nach Datensatz eine andere Armutsschwelle

Bei welchem Wert die Armutsschwelle liegt – und wie hoch damit die Armutsquote ist – hängt entscheidend vom gewählten Datensatz ab. Genutzt werden vor allem der Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes, eine sehr umfangreiche Erhebung, die aber nicht jedes Jahr aktualisiert wird, das vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung betriebene Sozio-oekonomische Panel (SOEP) oder Daten der EU-Befragung „Leben in Europa“ (EU-SILC). Jeder der Datensätze hat Vor- und Nachteile – und alle führen zu etwas unterschiedlichen Armutsschwellen und -quoten.

Dies heißt zwar nicht, dass Armut willkürlich definiert ist, eröffnet jedoch einen gewissen Spielraum, um politisch erwünschte Ergebnisse zu erzeugen. So lag die Armutsschwelle im regierungsamtlichen Zweiten Armuts- und Reichtumsbericht von 2005 noch bei 938 Euro, im nächsten Bericht von 2008 betrug sie nur noch 781 Euro. Das lag nicht so sehr an Veränderungen der Einkommensverteilung, sondern vor allem am Wechsel der Datengrundlage. 2005 wurde mit dem SOEP, 2008 mit EU-SILC gerechnet. Wichtiger als die absoluten Werte ist nach Butterwegges Ansicht die Entwicklung: Entscheidend sei weniger „wo die Armutsgrenze genau liegt oder welche Armutsquote man errechnet, sondern ob diese unter Verwendung derselben Datenquelle im Zeitverlauf sinkt oder steigt“. Und der Trend weist langfristig nach oben, wie der jüngste WSI-Verteilungsbericht zeigt.

Gibt es automatisch Armut, wenn nicht alle das Gleiche verdienen?

Kritiker des Konzepts der relativen Armut behaupten regelmäßig, nach dieser Definition seien in einer Gesellschaft mit Einkommensunterschieden immer einige arm, selbst wenn der Wohlstand enorm zunehme. Konstruiert werden häufig Beispiele, in denen besonders reiche Personen vorkommen, nach dem Muster: Wenn Bill Gates nach Deutschland zöge, stiege das Durchschnittseinkommen und mit ihm die Armutsschwelle, also würde auf einmal eine höhere Armutsquote ausgewiesen. Das ist schlicht falsch. Tatsächlich verändert sich das mittlere Einkommen, das so genannte Medianeinkommen, von dem die Armutsberechnung ausgeht, durch den Zuzug von Milliar­dären überhaupt nicht. Ebenso wenig steigen die Armutsschwelle und die Armutsquote.

Das Medianeinkommen ist das Einkommen desjenigen, der genau in der Mitte steht, wenn man die gesamte Bevölkerung nach dem Einkommen sortiert. Auch wenn am oberen oder unteren Rand die Einkommen zu- oder abnehmen oder Personen die Plätze tauschen, bleibt es konstant.

Mit Blick auf die besonderen Eigenschaften des Medians ist auch die Frage leicht zu beantworten, ob die relative Armut in Deutschland komplett verschwinden könnte: Natürlich, dazu müssten die Unterschiede in der unteren Hälfte der Verteilung nur so weit abnehmen, dass das niedrigste Einkommen immer noch knapp über 60 Prozent des mittleren Einkommens läge. Dazu wird es allerdings kaum kommen, ohne dass „man den Reichtum antastet“, so Butterwegge. „Hier dürfte einer der wichtigsten Gründe dafür liegen, warum die Existenz relativer Armut gerade von Personen in Abrede gestellt wird, die zu den Privilegierten, Besserverdienenden und Vermögenden gehören.“

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Quellen

Christoph Butterwegge: Der Streit um den Armutsbegriff: Polemiken, Probleme, Perspektiven (kostenpflichtig!), in: Soziale Sicherheit 11/2015


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