Böckler Impuls Ausgabe 09/2005

Verteilung

Kinderarmut bekämpfen? Ein bisschen Mut braucht's schon

Nützen Sachleistungen armen Familien mehr als höheres Kindergeld? Arme Kinder jedenfalls profitieren von Hortplätzen, Ganztagsschulen und Jugendclubs mehr als von staatlichem Geld, das bei ihnen oft nicht ankommt. Gefordert ist eine Familienpolitik, die vor allem diejenigen unterstützt, die es am nötigsten haben.

Kinder sind keineswegs das viel beschworene Armutsrisiko. Gut verdienende Kinderreiche schreiben hohe Kinderfreibeträge ab, sie profitieren überproportional. Immer mehr Familien aber leben von Sozialgeld und Arbeitslosengeld II. Freibeträge nützen ihnen nichts, Kindergeld wird sofort wieder abgezogen. Von höherem Kindergeld sehen sie keinen Cent, es geht ihnen relativ gesehen also sogar schlechter.

Staatliche Unterstützung muss direkt bei denjenigen ankommen, die sie am dringendsten brauchen. Ob das mit 300 Euro Kindergeld gelingt, wie es der Kinderschutzbund fordert, oder besser mit der flächendeckenden Ganztagsschule, ist umstritten. Unstrittig aber ist, dass die Zahl der Arbeitslosen sinken muss, denn Arbeitslosigkeit macht arm, sagt Christoph Butterwegge, Politikwissenschaftler an der Universität Köln. Er fordert daher eine effektivere Arbeitsmarktpolitik und, im Bewusstsein der sozialen Brisanz dieser Forderung, die Verteilung des deutschen Reichtums von oben nach unten.

Arme Mutter, armes Kind

"Kinderarmut lässt sich in der Regel auf Mütterarmut zurückführen" analysiert Butterwegge, als Schlüssel zu ihrer Verringerung sieht er darum eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen: Mütter sollen Geld verdienen (können). Voraussetzung dafür sei eine "nachhaltige Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf."

Seit Jahren ist ein Erziehungsgehalt im Gespräch, das gezahlt würde, bis das Kind volljährig ist. Dessen Kritiker plädieren stattdessen für mehr öffentliche Kinderbetreuung, damit Mütter arbeiten können. Gegen das Erziehungsgehalt führt Butterwegge an: Zu Hause steigt damit das Armutsrisiko, denn nach so langer Kinderpause haben die Frauen kaum noch Chancen auf einen Arbeitsplatz. Ein Familiengeld für Eltern, in dem alle staatlichen Leistungen zusammengefasst wären, hätte denselben Effekt: Vor allem schlecht ausgebildete Frauen blieben zu Hause, die Familie würde leichter in die Sozialhilfe abrutschen. Ehegattensplitting, Erziehungsgeld und Kindergeld sollen Frauen das Zuhausebleiben schmackhaft machen und sind damit Teil einer Familienpolitik, die Frauen unversehens in die Armut führt.

Die zentrale Frage stellt sich für den Politologen so: Soll die bürgerliche Kernfamilie als Institution gefestigt werden, oder soll der Staat von Armut und Unterversorgung bedrohte Frauen und Kinder aus ihrer prekären Situation befreien?

Unklar ist, ob Geld, das der ganzen Familie zugute kommen soll, wirklich den Kindern hilft (oder nur den Eltern).Vor allem Kinder ohne familiären Rückhalt wären wohl besser dran, wenn der Staat ihnen direkt ein besseres Leben finanzierte, durch mehr KiTas, Ganztagsschulen und Horte, mehr Sozialpädagogen, Schulpsychologen und betreute Freizeitangebote. "Betreuungs- und Bildungsangebote für sozial benachteiligte Familien sind wirksamer als die Anhebung des Kindergeldes oder der steuerlichen Freibeträge", argumentiert Butterwegge. Ganztagsschulen hätten einen pädagogisch-sozialen Doppeleffekt: Von Armut betroffene Kinder würden besser betreut und gefördert, ihre Mütter könnten leichter einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen. Günstige Arbeitszeitmodelle und Betriebskindergärten müssten diese Strategie ergänzen.

Familienleistungen gezielter verteilen

Aber auch das vorhandene Geld, das lassen Erfahrungen aus anderen Ländern vermuten, könnte effektiver eingesetzt werden. Die Kinderkommission des Bundestages schlug vor, Familien, die am soziokulturellen Existenzminimum leben, einen bedarfsabhängigen Zuschlag zum Kindergeld zu zahlen; das sei erheblich kostengünstiger als das Kindergeld für alle auf 300 Euro anzuheben - und damit wieder auch Superreiche und Spitzenverdiener zu subventionieren. Das erfordert allerdings den familienpolitischen Mut, von den Reichen zu den Armen umzuverteilen - anstatt, wie es derzeit propagiert wird, von den Kinderlosen zu den Eltern.


Quellen

Christoph Butterwegge: Maßnahmen zur Verringerung und Vermeidung von Kinderarmut; in: WSI-Mitteilungen 5/2005 

Michael Fertig / MarcusTamm: Kinderarmut in Deutschland - Einige empirische Befunde, in: WSI-Mitteilungen 5/2005

Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung vom März 2005
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