'Wir hatten einen konstruktiven Dialog'

Reinhold Siegers, Konzernbetriebsrat und Aufsichtsrat der mb technologies ag, über den Verkauf der Dynamit Nobel AG für 2,25 Milliarden Euro an die US-amerikanische Investorengruppe KKR.


KKR ist eine der größten und finanzkräftigsten Private-Equity-Gesellschaften weltweit. Warum bekam sie im Sommer 2004 den Zuschlag?
Zwei Gesichtspunkte haben Vorstand und Aufsichtsrat bewogen, die KKR den anderen Bewerbern vorzuziehen. Zum einen natürlich das erzielbare Ergebnis. KKR hatte mit seinem Angebot und den Randbedingungen einfach die Nase vorne. Bei den finanziellen Möglichkeiten dieser Gesellschaft sicher erklärbar. Zum anderen - und dies ist für die Betriebsräte und Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat das ausschlaggebende Argument gewesen - geht die Dynamit Nobel AG mit vier von fünf Teilen fast geschlossen an den Erwerber, die Rockwood Specialities Group Inc., über. Die Rockwood ist ein Zusammenschluss mehrerer von KKR gekaufter Spezialchemiefirmen. Für die Betriebsräte stand am Anfang die Forderung: Wenn schon gegen unseren Willen verkauft wird, so soll dies komplett erfolgen. Am Ende des Tages waren es 80 Prozent.

Wie habt ihr - als Arbeitnehmerbank - die Entscheidung für eben diesen Investor bewertet?
Wir hätten mit anderen Private-Equity-Fonds sicher ein größeres Problem gehabt. KKR steht nicht im Ruf, einer dieser klassischen Geierfonds zu sein, die nach dem Schema vorgehen: Kaufen - filetieren - verkaufen. Mit der Eingliederung in die Rockwood erfolgt eine sinnvolle Ergänzung, auch wenn die Größenverhältnisse eher den Eindruck vermitteln, dass die Maus den Elefanten gekauft hat. Die Frage, ob eine Säule der mg technologies, die Dynamit Nobel, wirklich verkauft werden sollte, beschäftigte die Arbeitnehmervertreter viel stärker, als an wen letztendlich die Unternehmen verkauft werden. Wir hatten uns sehr frühzeitig klar positioniert, dass wir eigentlich die Zwei-Säulen-Strategie - und damit den Verbleib der Dynamit Nobel im Konzern - für die nachhaltigere Perspektive halten.

Welche Anforderungen hat die Arbeitnehmerbank formuliert?
Nachdem an der Entscheidung für den Verkauf aus unterschiedlichen Gesichtspunkten nicht mehr zu rütteln war, wollten wir den Prozess aktiv und konstruktiv begleiten. In allen Verkaufsfällen - neben dem Verkauf der Dynamit Nobel AG an KKR und an Flex-N-Gate wurde auch der Chemiehandel verkauft - gab es einen direkten Dialog mit den Beauftragten der Investoren bzw. Fonds oder mit dem operativen Management, der in einem "Letter of Intent" - also einer Art Absichtserklärung endete. Diese erklärten Absichten waren und sind sicher nicht juristisch einklagbar. Sie geben aber Hinweise, ob ein Investor Arbeitnehmerfragen in einem Verkaufsprozess überhaupt als ein zu berücksichtigendes Kriterium sieht; und sie geben den Kolleginnen und Kollegen in der Folge zumindest eine moralische Argumentationshilfe.

Was wurde in dem "Letter of Intent" festgehalten?
Darin bekunden das Unternehmen, die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat und die IG BCE, dass der im Verkaufsprozess begonnene konstruktive Dialog weitergeführt wird. Insbesondere sollen die sozialen Standards und die bestehenden Betriebsvereinbarungen erhalten bleiben. 

Wie war das Verhandlungsklima mit der US-amerikanischen Investorengruppe KKR? Ihr Europachef Johannes Huth hat im Handelsblatt von "guten Erfahrungen" mit der deutschen Mitbestimmung berichtet. Und hat bekundet, dass "wir die Mitbestimmung im Aufsichtsrat auch künftig befürworten werden".
Wir hatten in der Tat einen erstaunlich offenen, kritisch-konstruktiven Dialog, der in dieser schriftlichen Absichtserklärung endete. An diesem Dialog nahmen auch Vertreter des Eurobetriebsrates und der leitenden Angestellten teil. In einer umfangreichen Präsentation warb KKR um die Zustimmung der Arbeitnehmervertreter. Ein gewisses Erstaunen war bei den amerikanischen Gesprächspartnern spürbar, welch weit reichende Kenntnisse ihre Verhandlungspartner auf der Arbeitnehmerseite mitbringen. Manche, die über mangelnde Qualität von Arbeitnehmervertretern in Aufsichtsräten lamentieren, haben wahrscheinlich noch nie einen Arbeitszusammenhang erlebt.

Dynamit Nobel gehört nun seit rund sieben Monaten dem Private-Equity-Fonds KKR. Sind die Vereinbarungen eingehalten worden? Was hat sich im Unternehmen geändert? Bekommt etwa das Management mehr Druck, oder werden die Renditemargen hochgezogen? Steht Personalabbau an?
Da Dynamit Nobel nicht mehr zu uns gehört, kann ich das natürlich nur aus der Ferne beurteilen. Unsere Kolleginnen und Kollegen jedenfalls sehen bisher die Regelungen des "Letter of Intent" als eingehalten. Der Dialog, der im Verkaufsprozess mit dem operativen Management des Erwerbers aufgenommen wurde, ist weiter fortgesetzt worden und hat zu einer Kontinuität und Fortentwicklung der Mitbestimmungskultur geführt. Manche Dinge mussten eingefordert werden, führten aber nicht zum Konflikt. Wie auch auf Beteiligungsrechte frühzeitig hingewiesen werden muss. Dies rührt aber eher aus dem "kulturellen Unterschied" als aus mangelndem Beteiligungswillen.

Für Geschäftsführungen, die die Ära des Vorstandsvorsitzenden Dr. Neukirchen bei mg technologies erlebt und überlebt haben, sind die Anforderungen eines amerikanischen Managements nicht so erschreckend. Im Gegenteil, die strikte Dezentralisierung der Verantwortung führt zu größerer Selbstständigkeit und schnelleren Entscheidungen. Der Druck, das Budget zu erfüllen, war zu mg-Zeiten sicher nicht geringer.


 

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