Gesundheit

Stress im Stationsalltag

Die Anwerbung ausländischer Pflegekräfte kann nur ein kleiner Baustein zur Lösung der massiven Personalprobleme in deutschen Krankenhäusern sein – und ist mit erheblichem Aufwand verbunden. Von Annette Jensen


Die Daten sind alarmierend. Wenn die Babyboomer ins Senioren- und Greisenalter kommen, werden etwa 3,4 Millionen Menschen in Deutschland auf Hilfe angewiesen sein, so das Prognos-Institut. Umgerechnet auf das heutige Versorgungsniveau fehlen 2030 über eine halbe Million Pflegeprofis. Die Lücke will die Bundesregierung unter anderem mit Fachkräften aus dem Ausland schließen. Doch so einfach funktioniert das nicht. Zum einen gibt es auch im Ausland Pflegekräfte nicht im Überfluss, weil viele Länder ähnliche Probleme wie Deutschland haben. Zum anderen muss man einen Plan haben, wie ausländische Fachkräfte dauerhaft in den deutschen Arbeitsalltag integriert werden können.

Ohne gute Vorbereitung kommt es im Arbeitsalltag häufig zu Problemen, wie zwei aktuelle Studien der Hans-Böckler-Stiftung zeigen. Ein Grund ist das unterschiedliche Rollen- und Berufsverständnis von Pflegekräften aus dem In- und Ausland. In deutschen Krankenhäusern haben Ärzte das Sagen. Pflegekräfte dürfen nur auf Anweisung oder mit Erlaubnis medizinische Tätigkeiten übernehmen. Als Team sollen sie die Grundpflege wie waschen, Betten machen und Essen reichen erledigen, Medikamente geben, Verbände wechseln und Injektionen setzen. 

Das Gros der Pflegekräfte etwa aus Südeuropa verfügt dagegen über einen akademischen Abschluss. Für die Grundpflege sind in ihren Herkunftsländern Familien oder Hilfskräfte zuständig. Diese Diskrepanz zwischen akademischer Berufsidentität und hiesiger Pflegepraxis birgt erhebliche Konfliktpotenziale, so die Autorinnen und Autoren der Studien.

Zu Schülern degradiert

„Ich und meine Kollegen sind viel besser vorbereitet als etwa meine Kollegen von hier. Wir haben mehr Kompetenzen, wir machen viel mehr als hier“, sagt die 30-jährige Maria aus Portugal und bezeichnet es als „komplett unfair“, dass sie trotz der europaweiten Anerkennung ihres Diploms nicht mehr verdient als diejenigen mit einer dreijährigen Fachausbildung in Deutschland. Das unterschiedliche Berufsverständnis führt zu Differenzen im Stationsalltag, die die Beteiligten jedoch häufig auf Mentalitätsunterschiede oder sogar Rassismus zurückführen. Nachdem sie sich zunächst willkommen gefühlt habe, sei vieles schiefgelaufen, berichtet Maria. „Die sind frustriert oder so, die Deutschen … Ich kann heute sagen, die Deutschen mögen nicht so gerne Ausländer.“

Umgekehrt monieren die Etablierten, dass die Neuankömmlinge teilweise nicht einmal ein Bett machen könnten. „Die Pflegekräfte werden zu Schülern degradiert“, fassen die Wissenschaftler ihre Recherchen zusammen. Nicht das unterschiedliche Fachlichkeitsverständnis, sondern die Vorlieben der Neuen werden als Ursache der Konflikte beschrieben, wie hier von einem Anleiter: „Die Griechin mag halt solche Aufgaben wie das Pflegen nicht, ja? Die mag eher dieses Verantwortungsvolle, Administrative. Die hat sich da natürlich auch viel eher reingedrängelt oder es versucht. Aber die habe ich dann mit Absicht noch zappeln lassen. Ja, man muss halt alles machen, ja? Es ist halt so.“ 

Hohes Risiko psychischer Erkrankungen

Für die etablierten Kolleginnen und Kollegen ist die Einarbeitung der Neuen häufig eine Zusatzbelastung – und das in einem sowieso schon stressigen Arbeitsalltag. Seit Jahren verstärken sich in der Pflege Personalmangel, Arbeitsdruck und Burn-out gegenseitig. In kaum einem Bereich ist es heute schwerer, Fachpersonal und Auszubildende zu finden: Die Zahl der freien Stellen übersteigt die der Arbeitssuchenden inzwischen um 29 Prozent; erst nach durchschnittlich 124 Tagen ist eine freie Stelle besetzt. Hinzu kommt, dass die Beschäftigten im Vergleich zu anderen Branchen ein 50 Prozent höheres Risiko haben, psychisch zu erkranken. Ein Großteil der Pflegekräfte kehrt dem Beruf nach wenigen Jahren den Rücken. 

Die Anwerbung von Arbeitskräften aus dem Ausland kann nur ein Baustein sein, um den steigenden Bedarf zu decken. Gewerkschaftssekretär Dietmar Erdmeier, in der ver.di-Bundesverwaltung zuständig für europäische Gesundheitspolitik, hält es für viel wichtiger, Pflegeberufe aufzuwerten: „Es kommt vor allem darauf an, dass die Hausaufgaben in Deutschland gemacht werden, um den Pflegeberuf attraktiv für junge Menschen und Umsteiger zu machen.“ Ursache der Krise sei die Ökonomisierung des Gesundheitswesens: Gespart werde bei den Kosten für Pflegepersonal, was die Arbeitsbedingungen verschlechtert habe. 

Die Anwerbung von Arbeitskräften aus dem Ausland hat zudem eine Kehrseite. Fachleute warnen bereits vor einem „Care-Drain“: Reiche Regionen saugen gut ausgebildetes Pflegepersonal aus Ländern mit niedrigerem Lohnniveau ab – und die allerärmsten Nationen drohen auch noch ihre wenigen Fachkräfte zu verlieren. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat deshalb einen globalen Verhaltenskodex verabschiedet. Er untersagt, Pflegepersonal aus den meisten afrikanischen Ländern, aber auch beispielsweise aus Indien, Pakistan oder Indonesien anzuwerben – und Deutschland hat diese Vorgabe 2013 in nationales Recht übertragen. 

Allerdings gibt es auch Länder wie die Philippinen, die gezielt mehr Pflegekräfte ausbilden, als sie selbst benötigen, damit die ihren im Ausland verdienten Lohn nach Hause schicken. Unter dem Titel „Triple Win“ hat Deutschland mit dem asiatischen Land, aber auch mit Serbien, Tunesien und Bosnien-Herzegowina Abkommen abgeschlossen; Verhandlungen mit Mexiko laufen. Dahinter steht ein ganzheitliches Konzept, bei dem sich Interessierte umfassend informieren können und einen Sprachkurs sowie ein Orientierungstraining vor der Abreise finanziert bekommen. Herbert Beck, bis vor Kurzem Gesamtpersonalratsvorsitzender der Uniklinik Heidelberg und stellvertretender Gewerkschaftsratsvorsitzender bei ver.di, hält diesen Weg für angemessen: „Man muss sich kümmern und das Ganze nicht obskuren Vermittlern überlassen.“ Natürlich sei der Aufwand am Anfang größer, wenn jemand die Sprache noch nicht so gut versteht. Doch das Ziel sei, dass die Menschen nicht nur kommen, sondern auch bleiben möchten. 

Derweil plant die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) Unterstützungsangebote, wie Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen internationales Personal gut integrieren können. „Im Idealfall gibt es dazu eine Betriebsvereinbarung“, so BGW-Referent Stephan Köhler. Klar aber ist: Ohne grundlegende Reformen werden die Personalprobleme in den Kliniken und Pflegeeinrichtungen immer dramatischer werden.


Studien zum Thema

Robert Pütz/Maria Kontos/Christa Larsen/Sigrid Rand/Minna-Kristiina Ruokonen-Engler: Betriebliche Integration von Pflegefachkräften aus dem Ausland (pdf). Study der Hans-Böckler-Stiftung, Nr. 416, Februar 2019

Sigrid Rand/Christa Larsen: Herausforderungen und Gestaltung betrieblicher Integration von Pflegefachkräften aus dem Ausland. Working Paper der Hans-Böckler-Stiftung, Nr. 114, Februar 2019


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