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Weltwirtschaft: "Zukunftstechnologie kommt heute aus China"

Ausgabe 05/2020

Chinas beeindruckende Aufholjagd ist fürs Erste vorbei. Wirtschaftswissenschaftler Peter Bofinger über die Strategie des Landes, Abhängigkeiten zu schaffen. Das Gespräch führte Fabienne Melzer

In der Corona-Krise kamen Hilfslieferungen nach Italien oder Serbien aus China. Welche Strategie steckt dahinter?

China bietet ganz bewusst anderen Ländern Hilfe an und investiert intensiv in die Infrastruktur. Ich frage mich seit Langem, warum die Europäische Union nicht etwas Vergleichbares unternimmt, warum wir nicht Ländern in Afrika bei der Infrastruktur helfen. China schafft damit politische und ökonomische Abhängigkeiten. Wenn es in einem Land die Eisenbahnlinie baut, kommen die Züge dafür auch aus China.

Will China so zur führenden Wirtschaftsmacht werden?

Das ist eine Strategie. Die andere ist „Made in China 2025“: China fördert gezielt Zukunftstechnik. 5G ist in China nicht von einem talentierten Menschen in einer Garage entwickelt worden, dahinter steckt massive staatliche Förderung. Ein Teil dieser Strategie ist auch, die amerikanischen Internetplattformen vom chinesischen Markt zu halten. Mit dem Ergebnis, dass China eigene, starke Internetunternehmen hat, Europa nicht.

Diese Strategie hätte Europa schwer verfolgen können.

Europa hat aber die Chance vertan, Zukunftstechnologien selbst aufzubauen und zu fördern. In China hat es funktioniert. Ob es die digitalen Plattformen sind, Batteriezellen, Solarzellen oder 5G. Viele glauben ja immer noch, China geht irgendwann die Luft aus, wenn die Aufholphase zu Ende geht. 5G ist ein Beispiel, dass Zukunftstechnologie jetzt aus China kommt und nicht mehr aus Deutschland. Mit Mannesmann waren wir bei dieser Technik auch mal vorne dabei.

Warum hat Europa, hat Deutschland da den Anschluss verloren?

Wir haben oft die falsche Ideologie: Das soll alles der Markt machen, und der Staat soll sich raushalten. Industriepolitik darf nicht technologiespezifisch sein, das ist ja lange Zeit das Credo gewesen. Wirtschaftsminister Altmaier hat 2018 eine Batteriezellen-Allianz ins Leben gerufen. Das hätten wir uns schon sehr viel früher überlegen können. Die Umweltprobleme waren bekannt.

Was wäre die richtige Antwort gewesen?

Wir können nicht darauf warten, dass Informationstechnologien oder 5G irgendwann entwickelt werden. Wenn man Wasserstofftechnik fördern will, muss man auch Wasserstofftankstellen bauen. Im Raum Würzburg gibt es eine einzige Wasserstofftankstelle. Wenn ich so ein Auto hätte, müsste ich 15 Kilometer dorthin fahren.

Kann Europa im Internetgeschäft noch aufholen?

Unser ganzer Stolz in diesem Bereich war Wirecard. Das ist verrückt! Das war das Beste, was wir in dieser Richtung hatten! Da muss man sich tatsächlich europäische Lösungen überlegen. Gerade der Zahlungssystembereich ist spannend. Aber die digitalen Plattformen sind eine Wüste – in ganz Europa. Es ist gar nicht so einfach, gegen die bestehenden Netzwerke anzukommen.

Wie sieht es in der deutschen Wirtschaft aus?

Das deutsche Geschäftsmodell hat drei konzentrische Kreise. Der äußere ist die Exportorientierung, der zweite die Industrieorientierung und der dritte die Autoindustrie. Diese drei Kreise sind jetzt alle bedroht: der Export durch Protektionismus, durch Brexit und Chinesen, die zunehmend ihre eigene Wertschöpfung voranbringen. Die Industrie hat das Problem der Dekarbonisierung und das Fehlen von digitalen Plattformen, und je mehr Industrie ich habe, desto mehr bin ich von der Dekarbonisierung betroffen.

Die Bundesregierung will mit Japan, Indien und Südkorea bei Forschung/Entwicklung zusammenarbeiten. Ist das ein Versuch, sich unabhängiger von China zu machen?

Vernünftig ist es immer, sich mit anderen Ländern zusammenzutun. Aber das Wichtigste ist, dass Europa sich mit einer Stimme in diesem Machtdreieck mit China und USA präsentiert.

Wie wahrscheinlich ist das?

Das ist die einzige Chance, die wir haben. Europa braucht eine industriepolitische Strategie. Wir müssen überlegen, was man auf nationaler Ebene machen sollte, und es in einen europäischen Kontext einbauen. Das wäre zum Beispiel eine europäische Energiestrategie: Wie stellen wir auf erneuerbare Energien um? Wo erzeugen wir sie, und wie bringen wir sie dann in den Rest Europas? Aber da sieht man wenig Enthusiasmus.

Was bedeutet es politisch, wenn China wirtschaftlich aufsteigt?

Die Gefahr der wirtschaftlichen Dominanz ist, dass das politische System gestärkt wird. China scheint fest entschlossen, sehr autoritär mit Widerstand im Innern umzugehen. Je mehr China dominiert, desto weniger werden sich Staaten trauen, sich mit China in dieser Frage anzulegen.

Lässt sich die Entwicklung aufhalten?

Trump hatte nicht Unrecht, als er den Chinesen vorwarf, handelspolitisch nicht immer fair zu sein. Aber anstatt gemeinsam mit den Europäern etwas dagegen zu tun, hat er auch mit ihnen einen Handelskrieg angefangen und damit letztlich die Chinesen gestärkt. Nationale Strategien sind nie eine gute Idee.

Kamen aber offenbar bei den Wählern an.

Weil die Menschen nicht erkennen, dass die Globalisierung und der Warenaustausch den Wohlstand massiv erhöht haben. Allerdings nur den Wohlstand der einzelnen Volkswirtschaften. Innerhalb der jeweiligen Volkswirtschaften ist der Wohlstand nicht gut verteilt worden. Deshalb denken viele Menschen, es bringt nichts.

Zur Person

Peter Bofinger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg. Auf Empfehlung der Gewerkschaften wurde er 2004 in den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung („Wirtschaftsweise“) berufen. Nach seiner dritten Amtszeit schied er 2019 aus dem Gremium aus.

Sein aktuelles Forschungsprojekt, das von der HBS gefördert wird, lautet: Das chinesische Wachstumsmodell - Implikationen für die ökomische Theorie und die Wirtschaftspolitik in Deutschland sowie der Europäischen Union

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