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: Praxis als Sprungbrett

Ausgabe 04/2012

WEITERBILDUNG Offene Hochschulen werben um berufs­erfahrene Nichtabiturienten. Gerät die klassische berufliche Aus- und Weiterbildung durch die fortschreitende Akademisierung der Arbeitswelt ins Hintertreffen? Von Hermann Horstkotte

Von HERMANN HORSTKOTTE, Journalist in Bonn/Foto: Armin Weigel, dpa

 Zum Wintersemester 2011/12 nahmen mehr als eine halbe Million Studienanfänger ein Studium an einer deutschen Hochschule auf, so viele wie noch nie. „Das große Interesse am Studium ist ein ermutigendes Signal gegen den Fachkräftemangel und für die Zukunftsfähigkeit unseres Landes“, betont Bundesbildungsministerin Annette Schavan. Gut 60 000 Abiturienten haben im vergangenen Jahr sogar ein sogenanntes duales Studium begonnen, also gleichzeitig eine Berufsausbildung im Betrieb. Trotzdem moniert die OECD regelmäßig die Abiturientenquote in Deutschland von inzwischen knapp 50 Prozent eines Jahrgangs im europäischen Vergleich als zu niedrig.

In der wissensgetriebenen Wirtschaft ist die lebenslange Mitarbeiter-Qualifizierung in Theorie und Praxis der maßgebliche Hebel für Innovation und Wachstum. Ein Instrument ist die Akademisierung der Berufswelt. Dabei schwingt allerdings nicht selten nach wie vor eine Überhöhung der allgemeinen (Schul- und Hochschul-)Bildung gegenüber der beruflichen Aus- und Fortbildung mit, wie der Erziehungswissenschaftler Andrä Wolter beobachtet. Das akademische Vorurteil aus dem frühen 19. Jahrhundert sei mit der Industrialisierung zwar brüchig geworden, aber bis heute nicht ganz verschwunden.

Die traditionelle Weiterbildung im Beruf, Garant der deutschen Wirtschaftskraft seit über 100 Jahren, droht dabei vorschnell ins Hintertreffen zu geraten, jedenfalls im internationalen Vergleichsrahmen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es in den europäischen Nachbarländern – außer in Österreich und in der Schweiz – keine dem deutschen dualen System der Berufsbildung vergleichbaren Strukturen gibt. Aussagekräftiger als ein Vergleich von reinen Studierendenzahlen und -quoten ist deshalb ein Blick auf den gesamten tertiären, also nachschulischen Bildungssektor, der die Studierenden ebenso erfasst wie die Teilnehmer an Berufs- und anschließender Aufstiegs-Fortbildung. So zählt die berufliche Weiterbildung Jahr für Jahr rund 100 000 Absolventen. Demgegenüber studieren auf dem dritten Bildungsweg ohne – vorheriges oder nachgeholtes – Abitur derzeit gerade rund 20 000 beruflich Qualifizierte, namentlich Meister und Fachwirte.

KONKURRENTEN AUF DEM ARBEITSMARKT_ Ein realistischer Vergleich der tatsächlichen Kenntnisse und Fähigkeiten, die im Studium beziehungsweise der Berufsbildung erworben werden, steht bis heute aus. Er soll demnächst in einem europäischen und einem nationalen „Qualifikationsrahmen“ möglich werden, an dem die unterschiedlichen Bildungsträger, die Sozialpartner und die Bildungspolitik gemeinsam arbeiten. Ein Zwischenergebnis liegt seit Anfang des Jahres vor. Danach stehen etwa der deutsche Meister, der Fachwirt und der akademische Bachelor auf einer Stufe. Branchenbezogen stellte das Bundesinstitut für Berufsbildung (BiBB) schon vor Jahren klar: „Die berufspraktische Weiterbildung in der Informatik erreicht heute Bachelorniveau wie in einem Studium.“ Praktisch überall, wo es alternative Ausbildungswege in Beruf oder Hochschule gibt, stehen die Absolventen also in direktem Wettbewerb. Die „Konferenz Biologischer Fachbereiche“ an Universitäten sagt es so: „Der Bachelor ermöglicht einen früheren Einstieg ins Berufsleben unterhalb der Besoldungsschwelle eines Vollakademikers“, nämlich auf der Stufe von (in diesem Fall biologisch-technischen) Assistenten, die eine Berufsfachschule absolviert haben. In der Metallindustrie gruppiert der Tarifvertrag etwa für Sachsen den Ingenieur-Bachelor genau so ein wie den Facharbeiter mit einer spezielleren Ausbildung, etwa in Elektrik.

Wenn das so ist, wieso dann überhaupt noch studieren? Die Antwort hängt vom jeweiligen Arbeitsfeld und Einzelfall ab. So hat etwa Stefan Schiewietz nach der Hauptschule Altenpfleger gelernt. Demnächst will der 29-Jährige selber Pflegekräfte ausbilden. Nach einigen Fortbildungen studiert er deshalb berufsbegleitend Pflegepädagogik an der Fachhochschule Deggendorf. Voraussetzung dafür war seine abgeschlossene Berufsausbildung und mehrjährige Praxis­erfahrung. Das Studium dauert insgesamt neun Semester mit drei, höchstens sechs Studientagen im Monat. Unter der Woche kommen noch zehn Stunden Vor- und Nacharbeit am heimischen Schreibtisch hinzu. Mit dem Examen winkt der akademische Grad und Titel „Bachelor“.

Damit will Schiewitz seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessern. Traditionell findet die Ausbildung in den Gesundheits­berufen (wie etwa auch zum Ergo- oder ­Physiotherapeuten) in Deutschland an Fachschulen statt. Doch nach Vorbildern in den Niederlanden, Großbritannien und Skandinavien hat seit den 1990er Jahren auch zwischen Rhein und Oder verstärkt eine Akademisierung eingesetzt. Heute gibt es annähernd 100 erstqualifizierende Bachelor-Studiengänge für Studierende ohne Berufsausbildung – zum Beispiel an der staatlichen „Hochschule für Gesundheit“ in Bochum. Die Studierenden erwerben einen staatlichen Abschluss, von dem die Berufsqualifikation und -bezeichnung abhängt, und einen daran angepassten „Bachelor of Science“. Solche doppelt qualifizierten Absolventen (im Alter von höchstens Mitte 20) machen den rein beruflich fortgebildeten Fachwirten im Sozial- und Gesundheitswesen bei der Besetzung von Leitungspositionen oder Lehrerstellen wachsende Konkurrenz.

BILDUNGSPOLITISCHER ZUKUNFTSMARKT_ Herkömmlich ist es immer noch so: Nach der Schule erst das Studium und anschließend die berufspraktische Ausbildung – etwa im Vorbereitungsdienst zum Lehrer oder Juristen, im „praktischen Jahr“ als angehender Arzt oder als Trainee in einem Unternehmen. Der Beschluss der Kultusministerkonferenz 2009 ermöglicht nun auch die umgekehrte Reihenfolge. Seither steht die Hochschule generell auch beruflich Qualifizierten offen, zum Beispiel dem sprichwörtlichen deutschen Meister. Das Nähere regeln die Bundesländer mit zum Teil ganz unterschiedlichen Sondervorschriften. Die Vorqualifikationen können allerdings bis zu 50 Prozent auf das akademische Lernpensum angerechnet werden. Dabei lernen die berufserfahrenen Studenten aber üblicherweise im Hörsaal oder Labor denselben Stoff wie die noch praxisfernen Abiturienten.

Mit ausschließlich berufsbegleitenden Bachelor-Studiengängen wie etwa für die Pflegepädagogik in Deggendorf wird die wissenschaftliche Ausbildung beruflich Qualifizierter nun neben dem Abiturientenstudium als Regelstudium eigener Art anerkannt und angeboten. Bayern hat seit zwei Jahren mehr als ein Dutzend solcher neuen Programme an verschiedenen staatlichen Fachhochschulen eingerichtet, so auch für Versicherungskaufleute und Betriebswirte. Nach deren Vorwissen und Zeitbudget muss sich die akademische Lehre deutlich von herkömmlichen Lehrplänen unterscheiden. Eine entsprechende Erwachsenendidaktik ist ein Ziel noch in der Ferne. Die Teilnehmer müssen für ihre besonderen Ansprüche Studiengebühren bis zu 4000 Euro im Jahr aufbringen, in technischen Fächern sogar mit 6000 Euro rechnen.

Bayerns Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch spricht von einem neuen bildungspolitischen „Zukunftsmarkt“. Sein Ziel ist ein flächendeckendes Angebot an allen staatlichen Hochschulen – mit dem Nebeneffekt, die aus demografischen Gründen rückläufige Zahl von studierwilligen Abiturienten mit berufserfahrenen Interessenten auszugleichen. Bildungsforscher Wolter warnt die traditionellen Fachhochschulen und Universitäten vor einem „substanziellen Funktionsverlust“, wenn sie die neuen Marktchancen in der Berufswelt noch länger etablierten privaten Bildungsunternehmen überlassen.

Mit den Extra-Studiengängen für beruflich Qualifizierte machen die staatlichen Anbieter aus der drohenden Not eine Tugend. Für das Berufsbildungssystem heißt das umgekehrt, sich auf die neue Wettbewerbslage offensiv einzustellen. In dieser Perspektive schworen sich die Sozialpartner und die Bundesregierung auf einer gemeinsamen Image-„Konferenz zur Aufstiegsfortbildung“ im März in Berlin, „den Ausbau und die Aktualisierung der Fortbildungen voranzutreiben und weiterzuentwickeln“.

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