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Von MARTIN KALUZA: Paul Simon in Südafrika: Zwischen allen Stühlen

Ausgabe 01/2017

Das politische Lied Der US-Musiker Paul Simon reist zu einer Zeit nach Südafrika, als es politisch korrekt ist, am Kulturboykott gegen das Apartheidsregime teilzunehmen.

Von MARTIN KALUZA

Der US-Musiker Paul Simon sucht Mitte der 1980er Jahre einen  künstlerischen Befreiungsschlag. Sein Album „Hearts and Bones“ war ein Flop. Die Hitmaschine stockt. Die Zeiten, als er als Teil des Folk-Rock-Duos „Simon & Garfunkel“ den kommerziellen Durchbruch schaffte, liegen fast zwei Jahrzehnte zurück. Seine Plattenfirma erwartet nichts mehr von ihm. Da hört Simon immer wieder eine Musik-Kassette: Der fröhliche Akkordeon-Jive der Boyoyo Boys aus Südafrika hält ihn ganz gefangen – ein Zeichen!

Simon fliegt mit einem Toningenieur nach Johannesburg und spielt dort zwölf Tage lang mit südafrikanischen Musikern: Mit Ray Phiri, dem Chor Ladysmith Black Mambazo, mit General MD Shirinda & the Gaza Sisters. Er lässt sich ihre Songs vorspielen, stimmt mit ein und strickt seine eigenen Songs um sie herum. Ein unkonventionelles Konzept, doch das Album „Graceland“, das aus diesen Sessions entsteht, soll Simons größter Hit werden.

Politisch hat sich Simon damit zwischen alle Stühle gesetzt. Der African National Congress (ANC), der damals gegen das Apartheidsregime in Südafrika kämpft, verfolgt einen strengen, von der UN angeregten Kulturboykott. Aus Solidarität sollten keine ausländischen Musiker in Südafrika auftreten – und keine südafrikanischen im Ausland. Naiv ist Simon nicht. Er hat Harry Belafonte von seinen Reiseplänen erzählt. Der empfiehlt ihm, erst das OK des ANC einzuholen und bietet sogar an, den Kontakt herzustellen.

„Doch es war gegen seinen Instinkt, eine politische Macht um die Erlaubnis zu bitten“, erinnert sich Belafonte später. Paul Simon ahnt vielleicht auch, dass er die Erlaubnis nicht bekommen würde. Als Simon für die Aufnahmen nach Johannesburg fliegt, heißt der Präsident Pieter Willem Botha. Das Apartheidsregime ist noch nie so unnachgiebig gewesen wie zu diesem Zeitpunkt. Den Texten des Albums merkt man die Spannungen nicht an. „Ich hatte darüber nachgedacht, politische Songs über die Situation zu schreiben, aber ich kann das ehrlich gesagt nicht so gut“, sagt Simon später einmal.

„Als ich mit General Shirinda den Song aufnahm, der zu ‚I Know What I Know‘ werden sollte, fragte ich ihn, worum es in dem Stück geht. Und er sagte: ‚Erinnerst du dich an die sechziger Jahre, als die Mädchen in wirklich kurzen Röcken herumliefen? War das nicht super?‘ Darum ging es. Die Songs waren nicht politisch. Sie waren Popmusik.“ Paul Simon schreibt ein Album mit Popsongs, erzählt Geschichten aus dem New Yorker Intellektuellenmilieu. Die Musiker, mit denen Simon arbeitet, sehen die Zusammenarbeit als Chance. „Unsere Musik stand immer in der Ecke, sie wurde immer als Dritte-Welt-Musik gesehen. Wenn sie jetzt Teil des Mainstream werden konnte, kommt die Chance so schnell nicht wieder“, erinnert sich später der Produzent Koloi Lebona.

Und so hat „Graceland“ sehr wohl eine politische Botschaft: Simon weigert sich, das Stereotyp eines leidenden, von Bürgerkrieg und Hungersnöten geplagten Afrika zu zeigen. Er zelebriert die Schönheit seiner Musik, bringt die Menschen zum Tanzen. Simon geht mit seinen Musikern schließlich auf Welttournee. Das widerspricht dem Boykott noch expliziter als die Aufnahmesessions. Immer wieder muss er sich auf Pressekonferenzen rechtfertigen.

Als die Band in London auftreten soll, erhält Gitarrist Ray Phiri einen Anruf. Exilmitglieder des ANC in London wollen ihn zur Rede stellen. „Erklärt es mir wie einem Siebenjährigen“, sagt Phiri ihnen, „Was habe ich falsch gemacht? Ich bin hier das Opfer. Ich lebe in Südafrika. Wie könnt ihr das Opfer jetzt ein zweites Mal zum Opfer machen?“

Foto: The Paul Simon Official Website/Paul Simon Graceland Tour by Luise Gubb

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