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: INTERWIEV "Niemand ist Durchschnitt"

Ausgabe 10/2011

Der US-Arbeitsmarktforscher Dale Mortensen, Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 2010, über chinesische Löhne, die Spaltung der US-Gesellschaft und deutsche Arbeitsmarktreformen.

Die Arbeitswelt verändert sich dramatisch. Wie kann genügend „gute Arbeit“ bereitgestellt werden, wie die deutschen Gewerkschaften das wollen?
Was meinen Sie mit guter Arbeit? Faire Bezahlung, Urlaub, gute Arbeitsbedingungen, Vergünstigungen? Erwarten Sie, dass es diese guten Jobs in China geben wird?

Auch in China wollen die Leute genug verdienen, um leben zu können, und unter anständigen Bedingungen arbeiten.
Westliche Industriestaaten wie die USA und Deutschland hatten jahrelang eine einzigartige Monopolstellung. Sie waren im Vergleich zu allen anderen Güterproduzenten extrem effizient. Deshalb gab es gewaltige Profite, und die Arbeiter, die ihren Anteil verlangten, hatten die Macht, ihn zu erstreiten. In der deutschen Partnerschaft von Kapital und Arbeit, die es in den USA nicht gab, verständigte man sich darauf, dass es irgendwie fair wäre zu teilen. So etwas scheint in China nicht möglich. In der globalen Konkurrenz wird China nie eine so einzigartige Position erringen. Sie haben derzeit einen ökonomischen Vorteil, weil ihre Löhne so niedrig sind.

Welchen Unterschied macht Qualifikation?
Qualifikation eröffnet Chancen. Doch die Leute, die lebensnotwendige Dienstleistungen erbringen, werden vergleichsweise niedrig qualifiziert bleiben. Belohnt wird dagegen die schnelle Reaktion auf Chancen, die sich bieten. Es liegt am einzelnen, diese zu ergreifen. Aber jenseits der Qualifikation verzinsen sich persönliche Fähigkeiten, Verhandlungsgeschick, die Fähigkeit, Beziehungen zu knüpfen. Die Leute, die das große Geld machen, haben nicht nur formale Qualifikationen. Sie haben Charisma, Persönlichkeit. Qualifikation allein reicht nicht. Es gibt etwas wie den Lohn der Kreativität.

Wir haben die am besten ausgebildete Generation von Arbeitnehmern, die wir je hatten. Rechnet sich Qualifikation für die nicht?
Qualifikation führt zur Steigerung dessen, was die Ökonomen Humankapital nennen und zu höherer Produktivität. Aber das ist relativ. Wenn man in den USA die Erträge aus der höheren Bildung mit den Einkünften der Leute vergleicht, die keinen College-Abschluss haben, dann wächst der Unterschied. Aber er wächst nicht, weil College-Absolventen mehr verdienen, denn deren Einkommen ist in den letzten 20 Jahren nicht gewachsen. Die Differenz wächst, weil die Leute, die nicht auf dem College waren, weniger haben.

Die Durchschnittseinkommen sind doch gewachsen.
Aber niemand ist Durchschnitt. In der Generation meiner Eltern, auch in meiner, hatten wir zwei Prozent Einkommenszuwachs im Durchschnitt pro Jahr. Am unteren Ende hatten fast alle mehr als zwei Prozent, die an der Spitze hatten eben geringere Zuwächse. Die Einkommensspaltung hat sich dadurch verringert. Etwa seit dem Jahr 2000 haben wir dieselben zwei Prozent, aber Verluste, Verluste und noch mehr Verluste am unteren Ende.

Brauchen wir also einen Mindestlohn?
Ein Mindestlohn ist absolut nötig. Man braucht Menschen, die die Dinge erledigen, die erledigt werden müssen. Und diese Leute verdienen einen angemessenen Lebensstandard. Wer Teller wäscht – und das ist eine ehrenwerte Arbeit –, soll anständig bezahlt werden. Allerdings ist der Mindestlohn nur in Ländern durchsetzbar, die wenig Schwarzmarkt haben, wie Dänemark und Deutschland. In Ländern wie den USA oder Italien hingegen gefährdet der Schwarzmarkt für Arbeit, zumal wenn er beispielsweise in Folge der Migration wächst, auch den Mindestlohn. Und natürlich ist er nicht das effizienteste Mittel, um Einkommen umzuverteilen.

In den 1990er Jahren waren die USA arbeitsmarktpolitisches Vorbild. Heute erzählen die Daten eine andere Geschichte. Warum steht Deutschland trotz seines angeblich rigiden Arbeitsmarktes besser da?
Deutschland ist in einer glücklichen Lage. Die Deutschen haben sich den Weltmarktbedingungen für Industriegüter sehr schnell angepasst, auch im fernen Osten haben sie noch keine Konkurrenz für ihre Industrieprodukte. Und als die Einkommen in Amerika stiegen, welche Autos haben die Gutverdiener gekauft? Gewiss keine aus Detroit. Deutschland bildet zudem seine Industriearbeiter besser aus. Es hat keine hausgemachte Finanzkrise, die die Konsumenten unmittelbar belastet. Und schließlich war in der Rezession die Kurzarbeitsregelung ein exzellenter Stabilisator. Hat das irgendwas mit Reformen auf dem Arbeitsmarkt zu tun? Ich denke nicht.

Wie können die Gewerkschaften in den neuen Branchen erfolgreich sein?
Um die Koalition zu schmieden, die die Gewinne der neuen Branchen umverteilt, muss man in einer entsprechenden Position sein. Die sehe ich nicht. Der einzige Sektor, in dem die amerikanischen Gewerkschaften in den letzten 20, 30 Jahren erfolgreich waren, ist der öffentliche Sektor, in dem sie mit einem quasi monopolistischen Arbeitgeber, der Regierung, verhandeln können. Aber im globalen Wettbewerb findet man so eine Position nicht mehr. Im traditionellen Sinn kann man diese Trends nicht knacken, es fehlt die Verhandlungsmacht. Ich versuche, realistisch zu sein, und unterscheide das, was ich für wünschenswert halte, von dem, was vor sich geht.

Die Fragen stellte HERBERT HÖNIGSBERGER.

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