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Bilanzen: Ehrlich versus aggressiv

Ausgabe 04/2020

Mitbestimmte Unternehmen greifen vergleichsweise selten in die Trickkiste. Von Andreas Molitor

Es ist der bislang wohl dreisteste Fall von Bilanzmanipulation in Deutschland: Ende Juni war bekannt geworden, dass der Zahlungsdienstleister Wirecard jahrelang systematischen Bilanzbetrug kaum vorstellbaren Ausmaßes betrieben hat. Wirecard musste Insolvenz anmelden, das Gros der 5000 Jobs ist vermutlich verloren, es gab Festnahmen und Haftbefehle gegen führende Manager.

Die Grenzen zwischen Betrug und legalen Praktiken der Bilanzschönung sind schwer auszumachen. Bilanzielle „Optimierung“, die legale Spielräume nutzt, um Gewinne aufzupeppen oder Steuerzahlungen zu vermeiden, gehört in vielen Unternehmen zum Managementalltag.

Wissenschaftler der Universität Duisburg-Essen haben in einer von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Studie die Praxis von Steuervermeidung und aggressiver Bilanzgestaltung in deutschen Unternehmen mit starker und mit schwach ausgeprägter Mitbestimmung untersucht. Fazit der Forscher um den Ökonomen Marc Eulerich: „Mitbestimmung führt zu einer geringeren Ausnutzung von Bilanzierungs- und Steuergestaltungsspielräumen.“ Wo es eine starke Mitbestimmung gibt, wird seltener getrickst.

Die Forscher untersuchten Hunderte börsennotierter deutscher Unternehmen. Ein deutlicher Hinweis darauf, dass schwach mitbestimmte Firmen eher zu „aggressiver“ Steuervermeidung neigen als solche mit starker Mitbestimmung, waren die deutlich höheren Steuerraten (Anteil der Steuern am erwirtschafteten Gewinn) sowie höhere Steuerzahlungen bei den Unternehmen mit starker Arbeitnehmerbeteiligung. Kein Unternehmen zahlt schließlich freiwillig mehr Steuern als nötig. Auch wenn es darum geht, Gewinne durch Bilanzierungstricks kurzfristig legal „aufzupumpen“, schneiden stark mitbestimmte Firmen nach der Analyse der Forscher besser ab. Schwach mitbestimmte Unternehmen, so die Studie, „nutzen häufiger Bilanzierungsspielräume aus, um die wirtschaftliche Lage besser darzustellen, als sie tatsächlich ist“.

Die Trickserei gegenüber Finanzamt und Wirtschaftsprüfern bringt allerdings auf lange Sicht keinen wirtschaftlichen Vorteil. Die Wissenschaftler verglichen dazu über fünf Jahre die Gesamtrentabilität (Return on Assets, ROA), eine gebräuchliche Kennzahl für die Rentabilität des eingesetzten Kapitals. Die „aggressiv“ bilanzierenden Unternehmen erwirtschafteten im Schnitt zunächst einen deutlich höheren ROA. Allerdings schmolz der Vorsprung schon im zweiten Jahr stark dahin. Nach drei bis vier Jahren kehrte sich der Trend um – dann lagen die ehrlich bilanzierenden Unternehmen im Schnitt klar vorn. „Starke Mitbestimmung trägt zu einer verantwortungsbewussten und weitsichtigen Unternehmensführung bei“, so das Fazit der Forscher. „Statt kurzfristig Gewinne durch risikoreiche Bilanzierungspraktiken zu erhöhen, berichten Unternehmen mit starker Mitbestimmung eher konservativ und erzielen deswegen langfristig höhere Gewinne.“

Wie stark die Mitbestimmung verankert ist, bestimmten die Forscher mit dem Mitbestimmungsindex MB-ix. Er misst u. a., wie viele Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat sitzen und wie stark seine formellen Einflussmöglichkeiten sind.

Marc Eulerich/Benjamin Fligge: Aggressive Berichterstattung in deutschen Unternehmen. Der Einfluss der Mitbestimmung auf die Ausnutzung von Bilanzierungs- und Steuergestaltungsspielräumen. Mitbestimmungsreport Nr. 62 der Hans-Böckler-Stiftung, Juli 2020

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