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Zeitgeschichte: Die Kraft der Erinnerung

Ausgabe 11/2014

Gewerkschafter hatten nach 1945 einen wesentlichen Anteil am Aufbau der Demokratie. Doch in der Geschichtsschreibung und im kulturellen Gedächtnis sind sie unterrepräsentiert. Das Oral-History-Projekt „Individuelle Erinnerung und gewerkschaftliche Identität“ will das ändern. Von Ingo Zander

Als Monika Wulf-Mathies 1982 zur ÖTV-Vorsitzenden gewählt wurde, kam das einer Sensation gleich. Niemand hatte damit gerechnet, dass es eine Frau in diesem Männerclub an die Spitze schaffen würde. Bei der Wahl „stand eine Frau und Intellektuelle gegen einen gestandenen Gewerkschafter von altem Schrot und Korn, das passte vielen nicht“, erinnert sich die heute 72-Jährige. „Die gesamte veröffentlichte Meinung war damals gegen mich.“ Sogar die linksliberale „Frankfurter Rundschau“ habe damals von „Bizeps“, „Stallgeruch“ und „Ochsentour“ schwadroniert, die einen „glaubwürdigen Gewerkschaftsführer“ ausmachen. In der ÖTV hingegen habe man erstaunlich differenziert diskutiert. „Um neue Mitgliederschichten zu gewinnen, glaubten viele, sei auch ein neuer Typ Gewerkschafter erforderlich, also weniger Faust auf den Tisch, was Heinz Kluncker in seiner ganzen Breite, die jeden Bildschirm ausfüllte, gezeigt hatte“, so Wulf-Mathies.

Die ehemalige ÖTV-Vorsitzende – und spätere EU-Kommissarin – ist eine von 31 führenden Gewerkschaftern der Nachkriegszeit, die sich für das Projekt „Individuelle Erinnerung und gewerkschaftliche Identität“ zur bio­grafischen Spurensuche aufmachten und einem Forscherteam unter Federführung des Archivs der sozialen Demokratie in der Friedrich-Ebert-Stiftung Rede und Antwort standen. Ziel dieses von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Projekts ist es, „Erinnerungen von Protagonistinnen und Protagonisten der deutschen Zeitgeschichte nicht nur für die Geschichtswissenschaft, sondern auch für die historisch-­politische Bildung zu sichern“, formuliert Projektkoordinator Stefan Müller. Zumal von diesem Personenkreis – anders als etwa von Spitzenpolitikern oder Unternehmern dieser Generation – bisher kaum Autobiografien oder andere Selbstzeugnisse vorliegen. Neun der Befragten waren Frauen, einer hatte einen Migrationshintergrund. Damit spiegeln die Führungspositionen der westdeutschen Gewerkschaften in etwa die gesellschaftlichen Machtverhältnisse der alten Bundesrepublik wider. 

TARIFVERHANDLUNGEN AUF DER FRAUENTOILETTE

Die promovierte Historikerin Monika Wulf-Mathies, Jahrgang 1942, trat 1972 in die ÖTV ein. Mit Blick auf Herkunft und Beruf war das eher ungewöhnlich: Ihr Vater, den die Tochter als „Schöngeist“ beschreibt, hatte in der Finanzverwaltung gearbeitet, ihre Mutter hatte sich „durchbeißen müssen und es dann schließlich bis zur Abteilungsleiterin in einer Krankenkasse gebracht“. Sie selbst arbeitete damals im Bundeskanzleramt unter Willy Brandt. 

Freimütig erzählt Monika Wulf-Mathies in ihrem Interview unter anderem darüber, wie sie sich in ihrer ersten Tarifrunde behauptete. „Für die Arbeitgeberseite führte damals die niedersächsische Finanzministerin Birgit Breuel (CDU) die Verhandlungen.“ Erstmals rückten also zwei Frauen in die bis dato in einer reinen Männerrunde geführten Tarifverhandlungen des öffentlichen Dienstes ein. „Breuel und ich waren politisch so gegensätzlich, wie man sich das nur denken konnte.“ Die beiden Frauen waren sich aber auch stillschweigend einig, dass sie den Chauvinisten in ihren Reihen nicht das Vergnügen bereiten wollten, genüsslich zu beobachten, wie sich die beiden ehrgeizigen Frauen gegenseitig mit Schlamm bewerfen: „Als wir uns einmal zufällig auf der Damentoilette trafen, stellten wir überrascht fest, dass dies ein Ort für informelle Gespräche sein kann, der Frauen in einer männerdominierten Welt verschlossen war.“

MIT FREMDSPRACHENKENNTNISSEN GEPUNKTET

Die gewerkschaftlichen Erfahrungen von Ruth Köhn, die von 1970 bis 1988 Mitglied im Hauptvorstand der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten war, reichen in die unmittelbare Nachkriegszeit zurück. 1927 in Berlin geboren, ist sie die Älteste der befragten Zeitzeugen. Aus finanziellen Gründen konnte die Tochter eines Kraftfahrzeugmechanikers trotz Abitur nach dem Krieg nicht studieren. Sie lernte Stenografie und Schreibmaschine und absolvierte eine Ausbildung als Dolmetscherin. 1948 wurde sie NGG-Mitglied. Eine Tante, die schon vor 1933 Mitglied war, hatte sie mit gewerkschaftlichem Gedankengut vertraut gemacht. Seit 1949 war sie als hauptamtliche Gewerkschaftssekretärin für die Fachgruppe Süßwaren und Tabak sowie Frauen, Jugend und Bildung tätig. Voller Stolz erinnert sie sich an den gewerkschaftlichen Kampf für das Betriebsverfassungsgesetz und die Mitbestimmung Anfang der 50er Jahre: „Wir hatten eine Großveranstaltung in den Messe­hallen am Funkturm in Berlin, wo sich die Gewerkschaften versammelten, um für die Mitbestimmung zu demonstrieren. Ich durfte vor diesem großen Publikum für meine Gewerkschaft die Stellungnahme vortragen. Das machte mich stolz.“ Köhn war wissbegierig und besuchte das Abendseminar der Hochschule für Politik in Berlin. „Ich fand es immer schade, dass nur ich Abitur hatte und die Kolleginnen und Kollegen nur die Hauptschule besucht hatten.“ Sie engagierte sich deshalb auch in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit. 

Gewerkschafter mit Fremdsprachenkenntnissen gab es damals kaum – deshalb lief es geradezu zwangsläufig darauf hinaus, dass Ruth Köhn immer zur Stelle sein musste, wenn ihre Gewerkschaft auf internationalem Parkett Präsenz zeigen musste. So überrascht es kaum, dass sie im NGG-
Hauptvorstand, dem sie von 1970 bis 1988 angehörte, auch für Internationales zuständig war. „Ich habe mich als Delegierte bei der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Genf dafür eingesetzt, dass Nachtarbeit – außer in lebensnotwendigen Bereichen wie im Krankenhaus – verboten bleibt“, erinnert sich Köhn an ein Politikfeld, das ihr wichtig war – und bis heute ist: „In diesem Punkt haben wir verloren, obwohl arbeitsmedizinisch klar belegt ist, dass Nachtarbeit gesundheitsgefährdend ist.“ 

QUELLENSICHERUNG DANK ORAL HISTORY

Die jeweils mehrstündigen Interviews liefen in zwei Phasen ab. In einem ersten Teil erzählten die Zeitzeugen über ihren Lebensweg, über prägende Erfahrungen in der Kindheit und Jugend, den Eintritt in die Gewerkschaft sowie über ihren beruflich-politischen Werdegang. „Es kostet erst einmal eine gewisse Überwindung, über sein Leben nachzudenken, um es am Stück zu erzählen“, räumt Monika Wulf-Mathies ein. „Was ist der rote Faden in meinem Leben?“ Das erleichterten in einem zweiten Teil die Interviewer mit Leitfragen und Nachfragen, mit denen sie die Zeitzeugen anregten, ihre Erinnerungen vor dem Hintergrund der heutigen Probleme gewerkschaftlicher Arbeit zu vertiefen. 

Dabei folgten die Interviewer einem weichen Verständnis der sogenannten Oral-History-Methode. Im strengen Sinne basiert dieses Verfahren auf dem freien Sprechenlassen von Zeitzeugen, ohne Steuerung durch den Interviewer, wie sie teilweise in der Ethnologie zur Anwendung kommt. In der deutschen Geschichtswissenschaft wurde mit Zeitzeugeninterviews bislang vor allem gearbeitet, um die Geschichte des Nationalsozialismus, des Zweiten Weltkrieges und des Holocaust zu erhellen. Mit ihrer Hilfe nun auch einen genaueren Blick auf die Geschichte der inneren Demokratisierung Deutschlands nach 1945 zu werfen ist ein Verdienst des Projekts von Hans-Böckler- und Friedrich-Ebert-Stiftung. 

„WIR“ STATT „ICH“

Die meisten der befragten ehemaligen deutschen Spitzengewerkschafter wuchsen in Arbeiterhaushalten auf, kommen aus sogenannten „kleinen“ Verhältnissen. Die Ausnahme bildet Detlef Hensche, der ehemalige Vorsitzende der IG Medien, als Sohn eines wohlhabenden Unternehmers aus Wuppertal. Etwas aus der Reihe fällt auch Gisbert Schlemmer, von 1993 bis 1999 Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Holz und Kunststoff (GHK), dessen Vater eine Drogerie leitete. „Von meinen Eltern hatte ich nichts über die Gewerkschaften erfahren“, sagt Gisbert Schlemmer den Interviewern. 

Schlemmer, Jahrgang 1946, hatte das Gymnasium vorzeitig verlassen und vagabundierte in verschiedenen Hilfsarbeiterjobs, schließlich machte er eine Ausbildung als Speditionskaufmann. In einem Möbelunternehmen mit rund 650 Mitarbeitern im Rheingau war er danach für die Disposition der Fahrer zuständig, die die Möbel im Direktvertrieb in ganz Deutschland verkauften. „Der Besitzer führte sein Unternehmen nach Gutsherrenart“, so Schlemmer. Da er selbst zu den Fahrern ein Vertrauensverhältnis aufbauen konnte, klagten diese ihm bald ihr Leid „über Willkür jeder Art und Gehaltskürzungen“. Das habe ihn empört und politisiert. Als er feststellen musste, dass Gespräche mit dem Firmeninhaber fruchtlos blieben, nahm er Kontakt mit der Gewerkschaft Holz und Kunststoff auf. Auf deren Anraten gründete er zusammen mit Kollegen den ersten Betriebsrat im Unternehmen. „Dann war ich plötzlich der jüngste freigestellte Betriebsrat in Hessen.“

BIOGRAFIEN FÜR DIE BILDUNGSARBEIT

Insgesamt warten jetzt über 100 Stunden Interviews – gesichert auf Video und transkribiert – im Bonner Archiv der sozialen Demokratie darauf, zur Deutung der Zeitgeschichte herangezogen zu werden. Wer in den transkribierten Interviews liest, wird feststellen, dass die Interviewten lieber vom „Wir“ als vom „Ich“ reden. Dieses „Wir“-Narrativ bestätigt zunächst den englischen Sozial- und Wirtschaftshistoriker Eric Hobsbawm, der diese Erfahrung der Arbeiterbewegung in seinem Klassiker „Das Zeitalter der Extreme“ im Kapitel über die „goldenen Jahre 1945 bis 1990“ so auf den Punkt gebracht hat: „Alle Anstrengungen hatten ihre Kraft einst aus der gerechtfertigten Überzeugung der Arbeiter geschöpft, dass Menschen wie sie Fortschritte nicht durch Einzelaktionen, sondern durch kollektive und vorzugsweise von Organisationen gesteuerte Aktionen erreichen konnten, ob in Gestalt gegenseitiger Hilfe, Streiks oder Wahlen.“ Der „Ich-Habitus“ galt in der gewerkschaftlichen Sozialisation lange Zeit als verpönt. 

Doch in den über 100 Interviewstunden gewinnen die 31 befragten Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter, die bis in die 90er Jahre führende Positionen innehatten, auch als Individuen Konturen und nehmen über ihre Erinnerungen an Erfolge und Niederlagen als Persönlichkeiten Gestalt an. 

Dass sie sich diesen Erinnerungen stellen und bereitwillig Auskunft über ihr Leben, ihr Wollen und Wirken geben, damit helfen sie, eine Leerstelle in der Bildungsarbeit zu füllen, denn „es gibt eine Sehnsucht nach Lebensgeschichte in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit – insbesondere bei den jungen Mitgliedern“, beobachtet Ulrike Obermayr, Leiterin Gewerkschaftliche Bildung beim Vorstand der IG Metall. Damit können die ehemaligen gewerkschaftlichen Führungskräfte auch Reflexionen bei ihren Nachfolgern über die eigene Rolle auslösen. So gibt Gisbert Schlemmer zu verstehen, er habe stets darum gewusst, dass das gesellschaftliche Image eines Gewerkschaftsfunktionärs keineswegs nur positiv besetzt sei: „Je höher die Position, desto größer die Gefahr, dass man selbst abhebt.“ Deswegen habe er sich, während er auf der Karriereleiter nach oben stieg, immer wieder die Frage gestellt: „Was würde jetzt mein Kollege, der als Betriebsrat in seiner Firma mit den alltäglichen Problemen konfrontiert wird, über mein Verhalten und meine Entscheidungen denken?“ 

Und – so formulieren es die wissenschaftlichen Projektverantwortlichen – „sie ermöglichen das historische Ausmessen des gesellschaftlichen Wandels von politischem Selbstverständnis und gewerkschaftlicher Identität aus der Perspektive zentraler Akteure­ “. Das soll nun in einem – ebenfalls von der Stiftung geförderten – Projekt „Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter als Akteure der Zeitgeschichte“ in Angriff genommen werden.

MEHR INFORMATIONEN

Auf der Webseite Zeitzeugen werden aus jedem der 31 Interviews mit ehemaligen Spitzengewerkschaftern – u.a. mit Hans Berger, Ilse Brusis, Hermann Rappe, Dieter Schulte, Klaus Zwickel – Video­sequenzen präsentiert. Daneben gibt es Abschriften der Sequenzen sowie biografische Angaben zur Person. Die vollständigen Abschriften der Interviews sind im Lesesaal des Archivs in Bonn einsehbar. 

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