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Südafrika: Der Hunger kehrt zurück

Ausgabe 04/2020

In Südafrika steigt die Arbeitslosigkeit, die schon ohne Corona bei 30 Prozent lag, in schwindelnde Höhen. Wer noch ein Einkommen hat, gehört zu den Glücklichen. Von Andreas Wenderoth

Die Mitarbeiter des kleinen Warenlagers, das der Schreibgerätehersteller Staedtler in Johannesburg unterhält, waren geschockt: Als das Lager wegen Corona schließen musste, sollten sie nur noch sieben Prozent ihres Monatslohns bekommen – den Gegenwert von 15 Euro. Als lokale Vertreter der Gewerkschaft CEPPWAWU – die Abkürzung steht für Chemie, Energie, Papier, Druck, Holz und verwandte Branchen – wegen der massiven Lohnkürzungen um ein Treffen mit der Unternehmensleitung baten, blieb die Antwort aus. Erst als sich der globale Gewerkschaftsbund, die Bau- und Holzarbeiter Internationale (BHI) einschaltete und auf eine bestehende Internationale Rahmenvereinbarung hinwies, lenkte Staedtler ein und sicherte die volle Lohnfortzahlung zu.

Der stellvertretende Bildungssekretär der BHI, Yasmin Redzepovic, sieht darin „einen gewaltigen Erfolg“. Die CEPPWAWU war von Staedtler im vergangenen Jahr als Betriebsgewerkschaft anerkannt worden, auch auf Druck der IG Metall. Diese Tatsache und die Existenz der Rahmenvereinbarung haben den Mitarbeitern den Lebensunterhalt gesichert. Denn „deutsche Unternehmen verhalten sich in dieser Situation besser als andere multinationale Unternehmen“, sagt der Direktor des zur Friedrich-Ebert-Stiftung gehörenden Gewerkschaftskompetenzzentrums im südlichen Afrika, Bastian Schulz. Nicht weil sie das in jedem Fall wollten, „sondern deshalb, weil es Mechanismen gibt, die dafür sorgen.“

Die Situation verschärft sich

Nicht viele Leute hier haben so starke Verbündete. Die Situation wird täglich dramatischer: Das Militär wurde mobilisiert, weil die Regierung Unruhen in den Townships befürchtet. Voll besetzte Minibusse und Großfamilien, die in Wellblechhütten leben – solche Zustände widersprechen jedem Hygienekonzept. Alle Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie, wie zum Beispiel Grenz- und Geschäftsschließungen, Hausarreste und Abstandsregeln, sind eine besondere Herausforderung für Afrika – die KfW etwa schätzt den Anteil „lokaler und informeller Transaktionen im Einzelhandel“ auf 90 Prozent.

Hinzu kommen die kaum belastbaren Gesundheitssysteme. In Südfafrika gibt es maximal 4000 Intensivbetten, meist in Privatkliniken. Die Arbeitslosenzahlen, schon vor Corona bei 30 Prozent, steigen in schwindelerregende Höhen. Viele Menschen hungern, an den Ausgabestellen für Lebensmittel bilden sich kilometerlange Schlangen, und der Staat, an der Schwelle zur Zahlungsunfähigkeit, verspricht ein Grundeinkommen, von dem er nicht weiß, wie er es finanzieren soll.

Die internationalen Unternehmen gehen mit der schwierigen Situation unterschiedlich um. Der Autobauer VW wollte Arbeitszeitkonten nutzen, also Minusstunden, die irgendwann wieder aufgearbeitet werden müssen. Doch was in Deutschland gute Praxis ist, wurde von südafrikanischen Arbeitern abgelehnt, weil jede Überstunde zusätzliche Einnahmen bedeutet. Viele Arbeiter wurden offenbar in den Zwangsurlaub geschickt. Bei Lear, einem amerikanischen Autozulieferer mit mehreren Fabriken in Deutschland, gab es zunächst Probleme mit der Auszahlung des staatlichen Kurzarbeitergeldes, aber nachdem über den Europäischen Betriebsrat interveniert wurde, fanden die Betriebsparteien schnell eine Lösung.

Ein Vorteil bei den Verhandlungen: Das Management in Südafrika ist das gleiche, das auch für Europa zuständig ist. „So konnten wir den Prozess auch aus Deutschland sehr dicht begleiten“, sagt der Vorsitzende des Europäischen Betriebsrats von Lear, Steven Johnson. Von den 4250 Mitarbeitern der insgesamt drei Standorte darf die Hälfte wieder an ihren Arbeitsplatz. Er zieht eine vorsichtig positive Bilanz: „Bis jetzt gibt es trotz einiger Quarantänefälle keine größeren Ausbrüche oder Todesfälle.“

Johnson hat selbst dazu beigetragen, dass sich Unternehmensleitung und südafrikanische Partnergewerkschaft NUMSA wieder an einen Tisch setzten und die Arbeitnehmervertreter eine bessere technische Ausstattung erhielten. Viele Kollegen besaßen weder Computer noch Firmen-E-Mail-Accounts. „Für eine Skype-Konferenz mussten sie bis vor Kurzem ins Personalbüro hochgehen.“ Und wenn sie Pech hatten, saß der Personalchef gleich daneben. „Durch unsere direkten Kontakte konnten wir das ändern.“ Damit die Arbeitnehmerrechte nachhaltig gesichert werden, streben der Eurobetriebsrat und die IG Metall eine internationale Rahmenvereinbarung an. Für den amerikanischen Mutterkonzern ist das sicher eine Herausforderung.

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