zurück
Magazin Mitbestimmung Magazin Mitbestimmung

: Das Zeitfenster

Ausgabe 01+02/2009

GEWERKSCHAFTEN In den Augen vieler Kollegen seiner Zunft vertrat DGB-Chefökonom Dierk Hirschel bis vor kurzem Positionen aus der Mottenkiste. Jetzt sieht er wieder Konjunktur für seine Ideen, die er klug nutzen will.

Wäre Dierk Hirschel ein Zyniker, könnte er sich jetzt damit brüsten, schon immer Recht gehabt zu haben. Derjenige gewesen zu sein, der vorausgesagt hat, wohin all das führt: die Vergötzung des freien, unregulierten Marktes, die wirtschaftspolitische Selbstamputation des Staates, die Spekulationswut.
Als DGB-Chefökonom gehörte Hirschel bis vor einigen Monaten zu der kleinen Sekte unter den Wirtschaftswissenschaftlern, die eindringlich, aber erfolglos warnten vor den Auswüchsen des Kasinokapitalismus, vor der Missachtung der Verteilungsfrage. Die herrschende Meinung in der Ökonomenzunft geißelte Hirschels Position als Wirtschaftspolitik aus der Mottenkiste. Jetzt, angesichts der Finanz- und Wirtschaftskrise, haben die Wirtschaftsprofessoren die Vorzüge der eigentlich totgesagten staatlichen Konjunkturpolitik wieder entdeckt. Je massiver, desto besser.

Aber Dierk Hirschel ist niemand, der sich mit dem zweifelhaftem Ruhm des Rechthabers schmückt, sondern ein politischer Ökonom, der sich plötzlich mit einer Weltwirtschaftskrise konfrontiert sieht. "Da ist weltweit keine Region in Sicht, die in irgendeiner Weise stabilisierend wirkt", sagt er. Die große Tabula rasa. Die Statistiken, die Arbeitsmarktdaten für Januar etwa, "fangen die Dramatik noch gar nicht ein." Wenn die Arbeitslosigkeit erst einmal die Fünf-Millionen-Marke durchbricht, was seiner Meinung nach relativ schnell passieren könnte, "dann haben wir es nicht nur mit einem Konjunktureinbruch zu tun, sondern mit einen Legitimationsproblem des Kapitalismus". Starke Worte.

In der Krise sieht Hirschel freilich auch eine historische Chance, das Ruder in der Wirtschaftspolitik herumzureißen. Die stärkere Rolle des Staates müsse für grundlegende gesellschaftliche Reformen genutzt werden. "Die richtige Antwort auf die unsichtbare Hand anonymer Finanzinvestoren ist ein Mehr an Wirtschaftsdemokratie", entwirft Hirschel Ansätze einer Alternative, die unter anderem auf einem "besseren Mix der Eigentumsformen" basiert, "zugunsten gesellschaftlichen, staatlichen und genossenschaftlichen Eigentums".

Er hofft, dass auch die Kämpen in den eigenen Reihen nicht länger eingelullt sind von den zweifelhaften Segnungen der Marktideologie. "Die Gewerkschaften müssen die Verteilungsfrage in den Mittelpunkt der gesellschaftlichen Auseinandersetzung stellen", fordert er. Woher stammte denn das vagabundierende Kasino-Kapital? Zu dieser Frage hätte er einiges zu sagen, schließlich hat er über "Einkommensreichtum und seine Ursachen" promoviert.
Die Diskussion über die Renaissance des Staates in der Wirtschaftspolitik dürften die Gewerkschaften nun nicht den vorübergehend geläuterten Ordoliberalen überlassen, die jetzt emsig Konjunkturpakete schnüren. "Der Staat darf nicht zum Arzt am Krankenbett eines sozial und ökonomisch blinden Finanzmarktkapitalismus mutieren", postuliert der DGB-Ökonom. Wenn er sich jetzt beispielsweise an konkursbedrohten Unternehmen beteiligt, dann müsse auch "Schluss sein mit der Aktionärspflege und mit Aktienoptionsprogramme für die Manager".

"Die Gewerkschaften dürfen diese Chance jetzt nicht durch Zögerlichkeit verspielen", fordert ein zunehmend ungeduldiger Dierk Hirschel. "Lange wird das Zeitfenster nicht offen sein." Wer, wenn nicht die Gewerkschaften, seien denn gefordert, wenn es darum geht, Privatisierungen wie die der Bahn in Frage zu stellen, die Rahmenbedingungen von Hartz IV zu hinterfragen, gleiche Entlohnung für Leiharbeiter und Stammbelegschaften zu fordern, auf eine Eindämmung der Minijob-Flut zu drängen, eine Diskussion über die höhere Besteuerung großer Vermögen und Spitzeneinkommen zu entfachen? Und müsste man nicht langsam mal darüber nachdenken, was eigentlich passiert, wenn immer mehr große Konzerne an den Rand der Pleite gedrängt werden? "Was heißt denn das für die Wirtschaftspolitik?", fragt Hirschel, "und welche Position nehmen die Gewerkschaften dazu ein?"

Auch im eigenen Lager, so scheint es, haben offenbar noch nicht alle verstanden, dass dies eine Krise historischen Ausmaßes ist. In den Fernseh-Talkshows zur Finanzkrise debattierten andere. Allzu oft musste Norbert Blüm in die Bresche springen. Wo war Michael Sommer? Wo war Berthold Huber? Anfragen gab es einige, heißt es bei den Fernsehsendern. Aber eben auch Absagen.


zur Person
Dierk Hirschel, 38, absolvierte zunächst eine Tischler-Ausbildung. Nach einigen Jahren im erlernten Beruf studierte er Volkswirtschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg und an der Universität Bremen. Hirschel verfasste eine Dissertation zum Thema "Einkommensreichtum und seine Ursachen", die 2004 im Metropolis-Verlag erschien. "Die Ergebnisse von Hirschels Arbeit stellen die Relevanz von Chancengleichheit und Leistungsprinzip ernsthaft infrage", hieß es in einer FAZ-Rezension.
Seit 2003 ist Hirschel Chefökonom des Deutschen Gewerkschaftsbundes, eine Position im Vorstandsbereich von Claus Matecki. Immer wieder hat Hirschel eine aktivere Rolle des Staates in der Wirtschaftspolitik eingefordert. "Ohne einen solchen Politikwechsel ertönt im nächsten Abschwung wieder nur das Klagelied vom Ende der Lohnarbeit", schrieb er im Mai vorigen Jahres fast prophetisch in einem Debattenbeitrag der Süddeutschen Zeitung.

Zugehörige Themen

Weitere Inhalte zum Thema

Newsletter mit Ihren Themen

Bleiben Sie informiert: Neueste Forschungsergebnisse und Infos zu den Themen Mitbestimmung, Arbeit, Soziales, Wirtschaft. Unsere Newsletter können Sie jederzeit abbestellen.

Der Beitrag wurde zu Ihrerm Merkzettel hinzugefügt.

Merkzettel öffnen