zurück
Magazin Mitbestimmung Magazin Mitbestimmung

: 'Das Sein bestimmt das Bewusstsein'

Ausgabe 10/2004

Empirische Daten bestätigen eindrucksvoll, was die Gewerkschaften Tag für Tag erfahren: Die Globalisierung, die Wissensgesellschaft, und eine autonome Öffentlichkeit machen ihnen das Leben schwer. Doch paradox genug: Zugleich eröffnen sie ihnen den Weg in die Zukunft.

Herr Professor Inglehart, welchen Nutzen können Politik und Gewerkschaften aus Ihren Forschungen ziehen?
Politiker wollen wissen, was die Wähler wünschen. Sie haben einen akuten Informationsbedarf und suchen ständig Feedback. Dabei laufen sie Gefahr, bestimmte Werthaltungen als unwandelbar anzunehmen. Sie sind es aber nicht. Die Motive der Wähler, ihre Prioritäten festzulegen, verschieben sich. Der Aufstieg der Grünen spiegelt fundamentale Veränderungen dessen wider, was die Leute wollen. Mit Löhnen, Steuern und Sozialpolitik beschäftigen sie sich laufend. Aber diese klassischen Themen haben nicht mehr notwendigerweise und jederzeit die höchste Priorität. Sie teilen jetzt die Bühne mit neuen Fragen - Lebensqualität, Lebensstil, Ökologie. Unsere weltweit angelegten Untersuchungen, die "World Value Surveys", zeigen, dass sich Wertekonstellationen in eine Richtung ändern, die ziemlich genau vorhersagbar ist. Das ist für Langzeitstrategien interessant.

Ein Ergebnis Ihrer Forschungen ist: Die ökonomische Entwicklung hat unvermeidlich Folgen für die Wertvorstellungen einer Gesellschaft. Hatte Marx mit seiner Basis-Überbau-Theorie und dem Satz "Das Sein bestimmt das Bewusstsein" recht?
Offenkundig lag Marx mit einer Reihe von Vorhersagen falsch. Die Einsicht aber, dass die ökonomische Entwicklung Veränderungen der sozialen Beziehungen, der Kultur, der Religion, der Politik nach sich zieht, ist absolut wahr. Wir haben empirische Daten über 80 Prozent der Weltbevölkerung, von den allerärmsten bis zu den reichsten Ländern, wir haben Zeitreihen aus vier Befragungswellen, und wir können erstaunlich kohärente Muster feststellen. Wenn es eine spürbare ökonomische Entwicklung gibt, verschieben sich auch die Wertsysteme. Dann tendieren sie in Richtung auf säkulare und individuelle, selbstbezogene Werte. Woran die Leute in armen und reichen Gesellschaften glauben, unterscheidet sich systematisch. Aber es wäre närrisch, anzunehmen, der Wertewandel sei eine einfache mechanische Angelegenheit.

Wie verändern sich Wünsche, Hoffnungen und Interessen der Menschen?
Der Sprung von einem Einkommen am Rande des Verhungerns zu einem Einkommen, das die Gewissheit bietet, genug zu essen zu bekommen, korreliert nicht nur mit einer Zunahme der Lebenserwartung, sondern auch des subjektiven Wohlbefindens. Jenseits dieser Schwelle werden Lebensqualität, Lebensstil und subjektives Wohlbefinden, persönliche Autonomie, Selbstverwirklichung, Redefreiheit wichtiger. Die ökonomische Entwicklung ist voller Zufälle, und die Globalisierung ist kompliziert. Aber wenn der Prozess erfolgreich verläuft, verleiht er der Demokratie einen Schub.

Wird der Wertewandel durch die Globalisierung beeinflusst?
Wir reisen, sehen fern und kommunizieren im Internet mit Menschen in aller Welt. Coca-Cola, Blue Jeans, McDonald's sind universell. Diese Globalisierung weckt aber den irreführenden Eindruck, dass sich auch die grundlegenden Werte angleichen. Tatsächlich bewegen wir uns nicht auf eine Globalisierung der Werte zu, ändern sich die globalen Wertekonstellationen wenig. Nur in den reichen Ländern verändern sich die Werte schnell und in eine bestimmte Richtung, die Werte der armen Länder bleiben dagegen weitgehend, wie sie sind. Erst in jüngster geschichtlicher Zeit und in den reichen Ländern wachsen die Leute mit dem Gefühl auf, dass das Überleben gesichert ist. Die bedeutenden Veränderungen der Wertemuster finden in Ländern statt, die ein hohes Niveau existenzieller Sicherheit erreicht haben. 2001 lassen sich größere Unterschiede zwischen den reichen und armen Ländern feststellen als 1981.

Sind die Deutschen ein besonderes Volk?
Deutschland ist relativ reich und hat seit geraumer Zeit Erfahrungen mit Prosperität. Es ist eine solide Demokratie mit protestantischem Erbe, nicht sonderlich verschieden von den Schweden, Norwegern, Dänen oder Holländern. Die Deutschen gehören zu den mehr postmodern, aber nicht zu den am meisten postmodern eingestellten Völkern. Nur in einer Hinsicht sind sie wirklich anders: Das Bewusstsein der Schrecken des Zweiten Weltkriegs ist in Deutschland besonders lebendig und die Aversion gegen Nationalismus und Militarismus ungewöhnlich hoch. Dass eine extreme Rechtspartei wie in Frankreich 15 Prozent erhält und die Nummer zwei bei den Präsidentschaftswahlen wird, scheint in Deutschland aufgrund des politisch-kulturellen Lernprozesses unwahrscheinlich.

Sehen Sie Trends, die die Demokratie gefährden könnten?
Wenn die Deutschen eine ökonomische Katastrophe erleben würden, könnte das die Demokratie bedrohen - siehe Weimarer Republik. Russland ist ein aktuelles Beispiel für problematische Trends und ernste Umstände. Demokratie ist nie fertig und überlebt nicht automatisch. Schwere wirtschaftliche Depressionen können sie zerstören. Offenkundig sorgen sich viele Deutsche um die Zukunft ihrer Gesellschaft und ihres Sozialstaates. Aber nichts weist darauf hin, dass die Demokratie in Deutschland derzeit in Gefahr ist.

Wie entwickelt sich das Vertrauen in die Marktökonomie?
Völlig an Glaubwürdigkeit verloren haben staatlich organisierte Volkswirtschaften. Der Issue "Verstaatlichung der Industrie" ist tot. Dagegen erscheint die Perspektive "Marktökonomie plus Demokratie" praktisch universell. In jüngster Zeit nimmt aber auch das Zutrauen in die Marktökonomie ab, weil sie allein nicht alle Probleme lösen kann. Ungefähr von 1850 bis 1970 sah die Zukunft eine größere Rolle für die Regierungen vor. Zwischen 1970 und 1980 breitete sich die Idee aus, dass Regierungen eher zurückgestutzt werden müssen. Diese Vorstellung wurde bis ins Extrem getrieben, man brauche Regierungen für fast überhaupt nichts mehr. Aber die Öffentlichkeit ist für eine reine Marktökonomie nicht mehr so zu begeistern, wie sie das schon mal war.
 
Ist es möglicherweise ein Problem für die Politik, dass derzeit die Hoffnung auf ständig steigende soziale Sicherheit zerbricht?
Es gibt mittlerweile sehr wenig Zutrauen, dass der Level des ökonomischen Wohlergehens und des subjektiven Wohlbefindens ständig steigt. Deutschland hat 50 Jahre lang die Erfahrung eines fast kontinuierlichen Aufstiegs gemacht. Diese Befindlichkeit erodiert jetzt. Das Vertrauen in die Zukunft ist schwächer geworden, das Gefühl, dass die Dinge kontinuierlich besser werden, ebenfalls. Das Vertrauen, Wissenschaft und Technik brächten automatisch nur Gutes hervor, geht schon seit geraumer Zeit zurück und bewegt sich auf einem niedrigeren Niveau als in weniger entwickelten Ländern. Es könnte sogar so weit abnehmen, dass Wissenschaft und Technik unterschätzt werden.

Wie weit trauen die Bürger den Politikern, Parteien und Großorganisationen noch?
Das Vertrauen in die Kompetenz der Politiker nimmt ab. Alle hierarchischen Organisationen schwächeln: Parteien, Gewerkschaften, Kirchen. Alle Formen bürokratisierter Partizipation verlieren an Ansehen, einschließlich des Wählens. Für die Mobilisierung an den Wahlurnen hatten die Parteimaschinerien, teilweise auch die Kirchen eine große Bedeutung. Die Wahlbeteiligung nimmt ab, weil deren Zugriffsmöglichkeiten schwinden. In hochentwickelten Ländern sind die Menschen immer weniger bereit, den oligarchischen und bürokratischen Organisationstyp zu akzeptieren, obwohl er sehr effektiv war, Verhandlungsmacht für die Arbeiter zu organisieren und Disziplin in politische Bewegungen zu bringen. Die Menschen sind gebildeter, unabhängiger und gewohnt, für sich selbst zu denken. Sie beziehen ihre Arbeitserfahrungen mehr und mehr aus einer Wissensökonomie und halten deshalb bürokratische Organisation immer weniger für angemessen und effektiv. Die Ökologiebewegung oder die Frauenbewegung dagegen haben immer noch hohe Vertrauenswerte.

Sind die Menschen nicht mehr mobilisierbar?
Absolut falsch ist, dass sich die Leute nicht mehr engagieren wollen. Sie wählen aber zwischen vielfältigen Formen der Partizipation und operieren mehr themenorientiert. Sie sind weniger bereit, zu wählen, sondern unterzeichnen Petitionen, folgen Boykottaufrufen und demonstrieren. In acht reichen Ländern haben sich diese Aktivitäten in den letzten 30 Jahren mindestens verdoppelt. Die Anti-Irak-Krieg-Demonstrationen waren in manchen Ländern die größten der Geschichte, größer als die Demonstrationen der Vietnam-Ära. Es ist also möglich, die Menschen zu mobilisieren.

Wem trauen die Bürger zu, das Problem der Arbeitslosigkeit zu lösen?
Keiner einzigen Organisation wird das zugetraut. Für dieses Problem hält niemand effektive und glaubwürdige Lösungen bereit.

Welche Rolle spielen die Kluft zwischen Arm und Reich und soziale Gerechtigkeit?
Die Spaltung in Arm und Reich hat gewissermaßen Ewigkeitswert. Aber sie hat sich von der Spaltung mit überwältigender Bedeutung in eine von mehreren wichtigen Spaltungen gewandelt. Es gibt keinen klaren und eindeutigen Klassenkonflikt mehr, in dem alle reichen und halbwegs gut gestellten Leute auf der einen und alle Armen auf der andere Seite stehen. Das macht einerseits das Geschäft für die Gewerkschaften schwerer, ihre früher einfache Agenda ist komplizierter geworden. Andererseits gibt es für eine Politik der Solidarität und für Botschaften der sozialen Gerechtigkeit bei den Mittelklassen mittlerweile genauso viel Akzeptanz wie bei den Arbeitern.

Den Gewerkschaften laufen die Mitglieder weg. Hat das mit dem Wertewandel zu tun?
Der kulturelle Wandel ist mit dem Erfolg der Arbeiterbewegung verbunden. Sie hat ihre Erfolge mit Hilfe der Politik und mit Verhandlungen errungen. Beides war wichtig, um das Kräfteverhältnis in einem übermächtigen Kapitalismus so weit zu verschieben, dass auch die Arbeiter einen genuinen Einfluss in der Gesellschaft geltend machen konnten. In gewisser Weise hat ihr Erfolg die Loyalität zu den Gewerkschaften unterminiert und die Einsicht ausgehöhlt, dass sie notwendig sind. Denn viele Leute halten es für eine Selbstverständlichkeit, dass sie in einem Wohlfahrtsstaat leben und einen erträglichen Lebensstandard haben. Sie beziehen Arbeitslosenunterstützung und sehen nicht mehr, dass man dafür kämpfen musste. Es ist eine Ironie der Geschichte, aber entspricht der menschlichen Natur, alles, was über einen längeren Zeitraum existiert, für garantiert zu halten und sich nach anderen Dingen umzusehen.

Will die Mehrheit der Arbeitnehmer ihre Interessen noch an Großorganisationen mit klassengesellschaftlicher Geschichte delegieren?
Dieses Modell hat heute Probleme mit der Attraktivität, weil die meisten Leute die Welt so nicht mehr sehen. Es mag eine gewisse romantische Erinnerung und Nostalgie bei einem kleinen Segment der Bevölkerung hervorrufen, aber es verspricht keine erfolgreiche Strategie mehr. Zu betonen, dass gewisse Gruppen weniger auf den wirtschaftlichen Wandel vorbereitet sind als andere, bleibt dagegen erfolgversprechend. An sozialer Gerechtigkeit orientierte Konzepte können ein breites Publikum ansprechen.

Werden die Gewerkschaften - oder auch die Sozialdemokratie - durch den Wertewandel in ihrer Existenz gefährdet? Kann es passieren, dass sie verschwinden wie die Habsburger oder die Hohenzollern? Oder sind sie so überlebensfähig wie die katholische Kirche?
Eher Letzteres, doch auch die katholische Kirche steckt in Schwierigkeiten. Globalisierung, Wissensgesellschaft, eine autonome Öffentlichkeit und der Wertewandel erschweren den Gewerkschaften eine neue Definition ihrer Rolle. Aber in keiner vorhersagbaren Zukunft werden Unterschiede des Einkommens, der Machtverteilung und des Ansehens zwischen den Leuten an der Spitze und denen, die dort nicht sind, verschwinden. Die Leute, die nicht oben stehen, wollen und können organisiert werden, um ihre pure Zahl in Verhandlungsmacht umzusetzen und ihnen damit einen fairen Anteil zu sichern. Die Idee wird bleiben. Deshalb werden die Gewerkschaften neue Wege der Organisation und Mitgliedergewinnung finden. Die genauen Entwicklungspfade sind nicht prognostizierbar, aber Rolle und Funktion werden überdauern. Die Gewerkschaften haben eine Zukunft, weil die Wirklichkeit ist, wie sie ist.

Wenn Sie gewerkschaftlicher Berater wären, was würden Sie raten?
Zum einen: die Ziele breiter ausfächern und sich einen unhierarchischen Stil zulegen. Allein mit einem Stilwandel, einem neuen, unterscheidbaren Stil kann man bereits Vertrauen gewinnen, wie verschiedene Führer der Linken - besonders aber Tony Blair - gezeigt haben. Die Politik des Dritten Weges ist nie besonders klar artikuliert worden, und Tony Giddens hat wohl auch noch nicht die endgültige Version vorgelegt. Aber allein dass Blair jemandem wie Giddens Aufmerksamkeit schenkte, hat schon belegt, dass er offen für neue Ideen war. Und Blair hat das neue Elektorat, die neue Öffentlichkeit mit einem modernen, wohlinformierten, nicht-autoritären, unprätentiösen Stil mobilisiert. Verspielt hat er das Vertrauen wegen anderer Entwicklungen. Mit einem neuen Stil kann eine Politik der Solidarität und der sozialen Gerechtigkeit erfolgreich sein. Zum anderen: herausfinden, wie Mitglieder in neuen Formen anzusprechen sind. Man muss andere Wege einschlagen, das Internet beispielsweise. Das ist weniger stabil, weniger zentral kontrollierbar. Jedermann kann im Internet für irgendwas mobilisieren. Aber in gewissem Sinn ist das sehr demokratisch. Die Gewerkschaften müssen lernen, damit effektiver umzugehen.

Das Gespräch führte Herbert Hönigsberger.

Zur Person

Ronald Inglehart, 70, ist Professor für Politikwissenschaft und Programmdirektor am Institut für Sozialforschung an der University of Michigan in Ann Arbor. Im Frühsommer dieses Jahres weilte er als Gastwissenschaftler am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB). Bekannt wurde Inglehart Anfang der 70er Jahre mit seinen Untersuchungen über die Veränderungen von Werteprioritäten, die er in der These vom Wertewandel - der Verlagerung von materialistischen zu postmaterialistischen Werten - verdichtete und empirisch untermauerte. Ingelhart ist Mitbegründer des Eurobarometers, mit dessen Hilfe im Auftrag der EU-Kommission die Befindlichkeit der Europäer ausgeleuchtet wird. Bis heute koordiniert und leitet er die internationalen Langzeitstudien der World Value Surveys, die zuletzt Daten in über 70 Ländern erhoben und auf dieser Grundlage Aussagen über 80 Prozent der Weltbevölkerung zulassen.

Zuletzt auf Deutsch erschienen

Ronald Inglehart: Modernisierung und Postmodernisierung. Kultureller, wirtschaftlicher und politischer Wandel in 43 Gesellschaften. Frankfurt/Main, Campus Verlag 1998 

 

Zugehörige Themen

Weitere Inhalte zum Thema

Newsletter mit Ihren Themen

Bleiben Sie informiert: Neueste Forschungsergebnisse und Infos zu den Themen Mitbestimmung, Arbeit, Soziales, Wirtschaft. Unsere Newsletter können Sie jederzeit abbestellen.

Der Beitrag wurde zu Ihrerm Merkzettel hinzugefügt.

Merkzettel öffnen