Von STEFAN SCHEYTT

So rettete der Roche-Betriebsrat 400 Jobs

Betriebsrat Mit einer Betriebsvereinbarung will der Betriebsrat des Pharmakonzerns Roche eine umfassende Kulturveränderung im Mannheimer Logistikzentrum anstoßen – und damit 400 Arbeitsplätze gegen Auslagerung sichern.

Von STEFAN SCHEYTT

Das Logistikzentrum der Firma Roche in Mannheim ist ein riesiger, abweisender Funktionsbau, vor dessen hoch aufragenden Wänden Brigitte Bauhoff noch zierlicher wirkt. Im bunten Sommerkostüm steht die Betriebsratsvorsitzende vor einer der gesicherten Türen und zieht Bilanz über die Arbeit der zurückliegenden Monate: „Es hat sich gelohnt, für die zu kämpfen, die hier arbeiten“, sagt sie und öffnet mit ihrem Firmenausweis die Tür. Auf den vier Etagen des Logistikzentrums arbeiten knapp 400 Kollegen von morgens 6 bis abends 22 Uhr, manchmal bis 23 Uhr, oft auch an Feiertagen; täglich machen sie rund 13000 Produkte, die in den umliegenden Gebäuden hergestellt werden, versandfertig für den Transport in Krankenhäuser, Labore, Apotheken und Arztpraxen in aller Welt – Tests für die Krebsvorsorge, Geräte zur frühzeitigen Herzinfarktdiagnose, Antikörper-Tests auf Viren, Systeme zur Messung der Blutgerinnung, Tests zur Schilddrüsenfunktion, Insulinpumpen und vieles mehr.

Vor gut zwei Jahren schien die Gefahr real, dass diese 400 Arbeitsplätze verloren gehen könnten. Brigitte Bauhoff und ihre Betriebsratskollegen haben das verhindert: Bis Ende 2020 sind die Jobs durch eine clevere Betriebsvereinbarung gesichert; zusätzlich sind die Weichen gestellt, dass das Logistikzentrum auch dieses Datum weit überdauern kann. Diese Betriebsvereinbarung ist für den Deutschen Betriebsräte-Preis 2016 nominiert.

Unruhestiftende Umstrukturierungen

Im Büro von Brigitte Bauhoff hängt die große Schwarz-Weiß-Aufnahme des Fotokünstlers Robert Häusser, auf dem Bild sitzt ein Mensch auf freiem Feld in einem Sessel und betrachtet die Silhouette eines nahegelegenen Industriegeländes mit rauchenden Schloten. Es sind die Anlagen der BASF, keine drei Kilometer entfernt auf der anderen Seite des Rheins in Ludwigshafen; aber auch diesseits, am Mannheimer Standort des Schweizer Pharmakonzerns, brummt das Geschäft. Anfang 2016 vermeldete die gesamte Roche-Gruppe steigende Umsätze (plus fünf Prozent auf gut 48 Milliarden Franken) und Gewinne (plus sieben Prozent), allein an den beiden deutschen Standorten Mannheim und Penzberg in Bayern investierte der Konzern 570 Millionen Euro. „Ja, der Standort Mannheim wächst, ständig gibt es hier irgendwelche Spatenstiche“, sagt anerkennend Brigitte Bauhoff, die den Betriebsrat am 8000-Mitarbeiter-Standort Mannheim seit 2012 führt und seit 2014 auch dem Europa Forum vorsteht, wie der Eurobetriebsrat bei Roche heißt.

Allerdings gehören zur Dynamik bei Roche auch immer wieder Umstrukturierungen. Zuletzt traf es die Sparte Diabetes Care, deren Umbau unter anderem mit sich brachte, dass ein Großteil ihrer Logistik an ein externes Speditionsunternehmen vergeben wurde. Ähnliches befürchteten die Arbeitnehmer deshalb auch für die Logistik im Bereich Diagnostika: Im Raum standen zehn Millionen Euro, die Roche Diagnostics durch Outsourcing jährlich einsparen könne; in der Geschäftsleitung signalisierten manche, man müsse, um eine Auslagerung zu verhindern, dann eben an den Chemietarif ran.

Für Brigitte Bauhoff und ihre Kollegen war die Öffnung des Tarifvertrags keine Option. „Wir sahen, dass wir kostengünstiger werden müssen, aber niemals so billig werden können und auch nicht wollen wie ein externer Konkurrent.“ Also ging es darum, das Logistikzentrum besser, produktiver zu machen. Und damit auch zukunftssicher über das Jahr 2020 hinaus.

Selber besser machen

Stehen auf der Haben-Seite der Betriebsvereinbarung die Job-Garantie bis Ende 2020 und der unangetastete Tarifvertrag, gehören zu den Zugeständnissen mehrere Maßnahmen. So werden bis Ende 2020 stufenweise 62 Arbeitsplätze abgebaut, allerdings ohne Kündigungen, sondern durch natürliche Fluktuation oder sozialplanbewehrt durch Altersteilzeit, Abfindungen oder Weiterqualifizierung, die die Chancen der betroffenen Mitarbeiter auf dem internen und externen Jobmarkt erhöht.

Um trotz geringerer Personalstärke möglichst viele Aufträge „tagfertig“ bearbeiten zu können, werden die Arbeitszeiten der Vollzeitbeschäftigten durch „tägliche Zeitbandbreiten“ noch flexibler der Auftragslage angepasst. „Wenn zum Beispiel montags mehr Leute gebraucht werden, sind montags auch mehr Leute da“, sagt Brigitte Bauhoff. Die Mitarbeiter haben allerdings Vorwarnzeiten und können sich teilweise selbst einteilen. Für die relativ vielen Teilzeitkräfte gibt es ein neues Bereitschaftsmodell: Sie bieten freiwillig zusätzliche Stunden an, die dann kurzfristig abgerufen werden können; nicht abgerufene Bereitschaftszeiten werden mit 25 Prozent des Stundenlohns vergütet, tatsächlich geleistete Stunden voll, wobei sich Einmalzahlungen wie Jahresleistung oder Leistungen zur betrieblichen Altersvorsorge an der tatsächlich erbrachten Arbeitszeit orientieren.

Auch räumlich sind die Mitarbeiter in Zukunft flexibler, wechseln bei Bedarf stundenweise schon mal das Stockwerk oder die Abteilung. Das geschah auch früher schon, soll jetzt aber systematischer geschehen und mit Kennzahlen hinterlegt werden. „Wir müssen allerdings aufpassen, dass das nicht zu einer unerwünschten Arbeitszeitverdichtung führt“, kommentiert Betriebsratschefin Bauhoff.

Erfolgsfaktor Unternehmenskultur

Der wichtigste Punkt der Vereinbarung ist für Brigitte Bauhoff jedoch jener über „Führung und Zusammenarbeit“, ohne den der Betriebsrat die Vereinbarung wohl nicht unterschrieben hätte. Der Vertrag spricht selbst davon, dass eine „umfassende Kulturveränderung“ nötig sei. In der alten Kultur, so Bauhoff, unterhielten sich Vorgesetze und Mitarbeiter im Logistikzentrum oft nicht auf Augenhöhe, wurden Festangestellte, befristet Beschäftigte und Leiharbeiter mitunter gegeneinander ausgespielt. „Es gab Führungskräfte, die ihre ‚Lieblinge‘ hatten, und unter den Kollegen gab es immer wieder Stress. Insgesamt war die gegenseitige Wertschätzung nicht wie man es sich wünscht.“

Entsprechend hoch war der Krankenstand, der mit Hilfe der Vereinbarung deutlich gedrückt werden soll. Zu den Instrumenten für die neue Kultur im Logistikzentrum gehören nun regelmäßige Gespräche zwischen Führungskräften und Mitarbeitern mit klaren Verhaltensvorgaben, neue und zusätzliche Maßnahmen zur Gesundheitsförderung sowie weitere Qualifizierungsangebote, die auf einer früheren Betriebsvereinbarung aufbauen. Weil aber der Erfolg von derlei Maßnahmen zu einem guten Teil von den handelnden Personen abhängt, wurden einige der Führungskräfte- und Vorarbeiterstellen neu besetzt. „Es muss uns gelingen, dass Führungskräfte und Mitarbeiter wieder mehr zusammenarbeiten, aber auch untereinander besser kooperieren“, fordert die Betriebsratschefin.

Dass es unter den Kollegen auch Sorgen und Zweifel über die Vereinbarung gibt, will Bauhoff, die auch den Aufsichtsräten von Roche Diagnostics und der Roche Holding angehört, nicht verhehlen. „Es wird spannend, ob die neue Führungskultur auch wirklich entsteht. Was nicht passieren darf: Dass wir unseren Teil leisten, flexibler und produktiver arbeiten, aber sonst alles beim Alten bleibt, also am Ende nur der Druck auf die Kollegen zunimmt.“ Allerdings überwiegt bei ihr deutlich die Zuversicht. Der Personalchef von Roche Diagnostics hat bei der Unterzeichnung der Betriebsvereinbarung geäußert, das Logistikzentrum könne sich nun so verändern, dass „wir im Jahr 2020 nicht über ein Outsourcing reden müssen“. Genau diese Erwartung an das Unternehmen hat auch den Betriebsrat bewogen, die Vereinbarung abzuschließen.

Fotos: Wolfgang Roloff

WEITERE INFORMATIONEN

Zur Person

Brigitte Bauhoff, 56, dürfte zu den wenigen Betriebsräten und Gewerkschaftern gehören, die sich eine Auszeichnung mit Industriekapitänen wie Ferdinand Porsche, Dietmar Hopp (SAP) oder Hans-Peter Stihl teilen. 2015 bekam sie die Wirtschaftsmedaille des Landes Baden-Württemberg verliehen – wie zuvor die genannten Männer. Mit großem Engagement und als faire Verhandlerin habe Bauhoff stets zu tragfähigen Lösungen im Interesse der Beschäftigten und im Dialog mit der Unternehmensleitung beigetragen, hieß es in der Laudatio. Die promovierte Pharmazeutin kam 1991 zu Roche Diagnostics. Zur Gewerkschaft stieß sie (damals zur ÖTV), als sie sich als Studentin in Heidelberg während eines Praktikums in einer Apotheke über das ungerechte Leistungssystem ärgerte. Seit 2002 ist sie ehrenamtliches Mitglied des Hauptvorstandes der IG BCE. Brigitte Bauhoff ist bekennende Mannheimerin, wo man sie als engagierte Kämpferin gegen Rechts kennt und gelegentlich auf dem Alt-Rhein segeln sieht.

Der Roche-Konzern

Mit über 8000 Mitarbeitern ist Mannheim der drittgrößte Standort von Roche weltweit und nach Daimler zweitgrößter Arbeitgeber der Quadratestadt. Weltweit beschäftigt der Konzern mehr als 90 000 Menschen, davon rund 15 000 in Deutschland in den Bereichen Pharma und Diagnostik. Die deutsche Roche-Gruppe mit Sitz im südbadischen Grenzach-Wyhlen ist mit einem Umsatz von knapp 5,8 Milliarden Euro (2015) die zweitgrößte Länderorganisation von Roche weltweit.

Deutscher Betriebsräte-Preis auf dem Deutschen BetriebsräteTag 2016

Vierzehn Projekte sind nominiert: Der Deutsche Betriebsräte-Preis 2016 wird am 10. November in Bonn auf dem Deutschen BetriebsräteTag verliehen.

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