Interview

"Das kann zur Giftmischung werden"

Peter Gasse, Arbeitsdirektor der Hüttenwerke Krupp Mannesmann, über die „Zweite Chance“ und warum Migrationshintergrund per se kein Hindernis ist für eine Industrieausbildung. Mit Peter Gasse sprachen Cornelia Girndt und Carmen Molitor


Peter Gasse, die Debatte um die Integration von jungen Migranten hat erneut Brisanz – durch die Pariser Anschläge und Verhaftungen in der Industriesiedlung von Dinslaken-Lohberg. Warum machen Sie sich seit vielen Jahren so stark für Integration und Diversity? 

Integration im Betrieb ist nicht ausschließlich ein ethnisches Problem, sie hat viele Facetten. Unser Unternehmen funktioniert nur bei einer hohen Ausformung der Teamfähigkeit. Anders sind Prozesse in einem Stahlwerk nicht beherrschbar. Dabei schätzen wir das Erfahrungswissen älterer Mitarbeiter genauso wie die digitale Kompetenz der Jüngeren. Integration muss auch Frauen einschließen, da bin ich absoluter Verfechter einer Quote. Und natürlich können wir uns in den Teams auch keine ethnischen Konflikte leisten.

Sie haben bei HKM das Projekt „Zweite Chance“ aufgelegt, um die Ausbildungsfähigkeit von Jugendlichen zu fördern, die ansonsten keine Chancen auf eine Lehrstelle haben. Profitieren davon vor allem Migrantenkinder? 

Das Auswahlkriterium ist nicht der Migrationshintergrund. Die „Zweite Chance“ zielt auf Jugendliche, die aus der Sekundarstufe I herauskommen, also zehn Jahre Schulverweildauer hatten, aber in ihren weiteren Perspektiven chancenlos sind. Mit ihnen machen wir ein Berufsvorbereitungsjahr, praktische Dinge mit Hand- und Kopfarbeit, und verhelfen ihnen zu einer Reife, damit sie überhaupt einen Beruf erlernen können. Daneben fördern wir auch das Sozialverhalten, wobei die Sozialarbeiter von der Katholischen Jugendberufshilfe diesen Part übernehmen. Wir vermitteln: Lernen ist etwas Schönes, man kann Erfolge haben. Und wer das Jahr anständig durchsteht, der bekommt bei HKM einen Ausbildungsplatz. 

Resultiert dieses Nachqualifizieren aus der besonderen Verantwortung eines montanmitbestimmten Unternehmens?

Ja. Weil wir leicht zehn besser vorbereitete Azubis kriegen könnten. Aber wegen der gestiegenen Nachfrage nach Facharbeit mag die Situation in fünf Jahren schon eine andere sein, und dann könnte unser Know-how zum eigenen Nutzen mutieren.

Der Bildungsforscher Martin Baethge beklagt, dass es für Sekundarstufe-I-Abgänger fast aussichtslos geworden ist, einen Ausbildungsplatz in der Industrie zu bekommen.

Das haben die Sozialpartner zu verantworten. Das gilt für die IG Metall – zumindest für Metallberufe – genauso wie für den Arbeitgeberverband Gesamtmetall und das Bundesinstitut für Berufsbildung. Als sie die Ausbildung neu ordneten, wurden in viele Industrieberufe eine Menge an neuen Inhalten hineingedrückt. Nehmen wir den Elektroniker für Automatisierungstechnik, da müsste der Satz „Voraussetzung ist ein Hauptschulabschluss“ den Neuordnern die Schamesröte ins Gesicht treiben. Jeder weiß, dass die Wirklichkeit eine völlig andere ist. So wirkt die Neuordnung als Selektionsmittel.

Und das ist für die Integration schlecht? 

Ja. Aber: Es kriegt nicht der keine Lehrstelle, der einen Migrationshintergrund hat. Es kriegt der keine Lehrstelle, der ein schwacher Hauptschüler ist. Wenn darunter sehr viele mit einem Migrationshintergrund sind, dann ist das erst das zweite Thema. Wir haben auch genügend Deutsche, die keine Lehrstelle kriegen.

Laut einer Bertelsmann-Studie haben 60 Prozent der Ausbildungsbetriebe in Deutschland noch nie einen Jugendlichen mit Migrationshintergrund ausgebildet. Die Chancen, mit einem ausländisch klingenden Namen eine Lehrstelle zu bekommen, sind schlechter. Wie passt das zu Ihrer These?

Da bin ich skeptisch. Ich war auch einmal Chef der IG Metall in Nordrhein-Westfalen und kann von daher für die Metallbetriebe NRW sagen: Bei der Auswahl der Azubis spielt in dieser Branche der Migrationshintergrund keine Rolle. In Banken, Hotels oder in kleineren Betrieben, die nur ein oder zwei Auszubildende pro Jahr haben, mag das anders sein. Die Frage ist nur, welche Aussagekraft das hat, wenn ich statistisch einen Betrieb wie HKM, der jedes Jahr bis zu 70 Azubis einstellt, mit einem Hotel im Duisburger Süden vergleiche, das alle drei Jahre ein oder zwei Azubis einstellt.

Sie bezweifeln, dass es eine strukturelle Benachteiligung für Jugendliche mit Migrationshintergrund gibt? 

Bei gleicher Qualifikation? Ja, das bezweifle ich für industrielle Berufe ganz deutlich. Zum Handwerk oder Dienstleistungssektor kann ich nichts sagen.

Führen wir dann eine Scheindiskussion, wenn eine Radikalisierung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund behauptet wird, weil sie in der Arbeitswelt diskriminiert würden und deshalb in unserer Gesellschaft nicht Fuß fassen könnten? 

Nein, das ist keine Scheindiskussion. Es kann zur Giftmischung werden, wenn junge Bürger mit Migrationshintergrund gleichzeitig Bildungsdefizite haben. Hierbei gerät manchmal aber auch einiges durcheinander. Da sagt dann der junge Mann: Ich habe einen Migrationshintergrund, deswegen kriege ich den Job nicht. Somit muss er sich nicht eingestehen: Ich kriege deswegen nichts, weil ich ein fauler Typ und nicht in der Lage bin, einen Lehrgang durchzuhalten. Aber, ehrlich gesagt, ich würde genauso reagieren an seiner Stelle, das ist menschlich.

Wie kann man gegen die Bildungsdefizite angehen?

Die Sprache ist der Schlüssel. Deshalb haben wir Probleme in Stadtteilen wie Duisburg-Marxloh, wo Kinder groß werden, die bis zu ihrem sechsten Lebensjahr kein Wort Deutsch gesprochen haben. Da müssten wir möglichst früh ansetzen. Aber die CDU hat mit dem Betreuungsgeld ja noch dafür gesorgt, dass die Eltern auch noch Geld dafür kriegen, das sie ihre Kinder nicht in den Kindergarten schicken. 

Der scheidende Bürgermeister von Berlin-Neukölln, Heinz Buschkowsky, zählt zu Ihren Vorbildern. Wieso? 

Er kennt die Wirklichkeit. Er spricht Dinge an, die politisch nicht korrekt sind. Das macht ihn umstritten. Die Integrationsdiskussion hat Lebenslügen. Wenn mir einer erzählt, wir Deutschen müssten unsere Vorurteile abbauen, frage ich sofort: „Wann bauen denn die Türken ihre Vorurteile ab?“ Warum sollten die denn keine Vorurteile gegen Deutsche haben? 

Was ist Grundlage guten Zusammenarbeitens im Betrieb? Nimmt HKM Rücksichten auf Kultur und Religion?

Wir machen dazu keine Vorschriften. Wir haben aber eine Arbeitsordnung und eine Führungsmatrix, die für alle gleichermaßen gelten. Das Entscheidende ist Gleichbehandlung. Wobei man behaupten könnte, ich „bevorzuge“ die Muslime, weil ich als Arbeitsdirektor hier in Duisburg den benachbarten Moschee-Vereinen zum Zuckerfest einen Glückwunsch schicke. Dagegen schicke ich den christlichen Kirchen keinen Weihnachtsgruß.

Aber Sie veranstalten jedes Jahr einen weithin bekannten ökumenischen Gottesdienst zum Fest der Heiligen Barbara. Führt so eine katholisch geprägte Tradition tatsächlich die Belegschaft zusammen?

Das ist in der Tat eine christliche Veranstaltung, keine multikulturelle. Selbstverständlich werden dazu die Vertreter der muslimischen Gemeinde eingeladen, und die kommen auch. Aber wir werden den Gottesdienst nicht durch eine Feierstunde ersetzen oder Suren aus dem Koran vortragen. Wir wollen gemeinsam einen christlichen Gottesdienst feiern, und sie sind gerne unsere Gäste. Zur Unterschiedlichkeit gehört auch, Unterschiedlichkeiten zu akzeptieren. Wenn Menschen mit Migrationshintergrund nicht assimiliert werden wollen, halte ich das für absolut berechtigt. Das ist aber keine Einbahnstraße. Die Frage der Toleranz ist immer auch die Frage der gegenseitigen Achtung.

Um die einzuüben besucht jeder Auszubildendenjahrgang des Stahlwerkes ein Wochenseminar zur politisch-historischen Bildung. Organisiert wird es von der HKM-Jugendvertretung zusammen mit dem Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt. Wie kommt das an?

Es ist ein absoluter Homerun und bei unseren Azubis superbeliebt. Die Auszubildenden besuchen zwei Museen: das Nationale Befreiungsmuseum in Groesbeek in Holland, wo es um Krieg, Frieden und die Ursachen des Faschismus geht. Und den Museumspark Orientalis, ein Freilichtmuseum, das sich mit den monotheistischen Religionen befasst. Das Seminar hat drei große Zielrichtungen: Toleranz fürs Anderssein zu entwickeln, zu verstehen, wie eng die Religionen beieinander sind, und: Nie wieder Krieg! 

Es heißt, dass die Pariser Attentäter eine schwierige Jugend hatten, erst Halt in der Szene radikal-islamischer Prediger gefunden haben. Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie die Bilder der jungen Männer sahen?

Das Erste, was man denkt: Wie stark schwappt das jetzt herüber? Ich habe da die gleichen Gefühle wie jeder andere Bürger auch. Was mich stark beschäftigt, ist diese Islamistenzelle in Dinslaken-Lohberg, keine 30 Kilometer von hier. Ich begreife diese ganze Szene noch nicht. Was passiert da mit wem durch was? 

Worüber machen Sie sich vor allem Gedanken?

Ich möchte hier auch keine Hardcore-Muslime haben. Die größte Sorge, die mich umtreibt, ist, dass ein kleiner radikalisierter Kern benutzt wird, um gegen die Muslime insgesamt anzugehen. Deswegen fand ich die Mahnwache zu Charlie Hebdo so gut, die die Muslime in Berlin gemacht haben. Ihre Würdenträger müssen sich deutlicher damit auseinandersetzen, wieso Teile ihrer Community so radikalisiert werden. Wir brauchen eine kritische, aber keine ausländerfeindliche Diskussion.


ZUR PERSON

Peter Gasse, 62, Duisburger, stammt aus einfachen Verhältnissen und lernte Starkstromelektriker. „Meine ganze Biografie ist dazu angetan, dass mir das Thema Integration am Herzen liegt“, sagt der Arbeitsdirektor der Hüttenwerke Krupp-Mannesmann, der im letzten Jahr für seine Initiativen für ein friedliches Zusammenleben der Kulturen mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt wurde. Gasse machte Karriere in der IG Metall, ab 2000 als Leiter des IG-Metall-Bezirks NRW. Bis heute lebt er in der alten Rheinstahl-Siedlung im Stadtteil Wanheim Tür an Tür mit Polen, Spaniern und Türken. „Da bin ich groß geworden, da fühle ich mich wohl“, sagt Gasse. Der Kunstfreund – davon zeugen viele Industriebilder in seinem Büro – ist außerdem Sozialdemokrat.


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