Altstipendiat

Der Schriftsteller

Ralph Hammerthaler schreibt Romane, Theaterstücke und Opernlibretti. Seine Geschichten spielen da, wo die Abgründe sind. Von Karin Hirschfeld


„Das Moralische interessiert mich nicht besonders – mich interessiert das Leben“, erklärt Ralph Hammerthaler am Rande einer Lesung in Berlin. „Der Sturz des Friedrich Voss“ heißt sein neuester Roman, den er in einer Galerie vorstellt. Es ist die Geschichte eines in der DDR mächtigen, gefeierten Arztes, der in der Nachwendezeit seine gesellschaftliche Stellung verliert und sich schließlich erschießt. Den Mann, der Vorbild für diese Figur war, gab es wirklich. „War das jetzt ein guter Mensch“, fragt eine Frau aus dem Publikum, „oder hat er sich schuldig gemacht?“ Das eindeutig zu beantworten ist Ralph Hammerthalers Sache nicht. Es ist das Kantige, das nicht so einfach Aufzulösende, das den Schriftsteller fasziniert. So bleiben für die Zuhörer und Leser manche Fragen offen. Durchaus mit Absicht.

Wäre die Welt klar und einfach, gäbe es keine Kunst. Zumindest nicht die von Ralph Hammerthaler. „Die Rolle von Literatur liegt darin, zu zeigen, wie kompliziert und widersprüchlich Menschen sind“, sagt er. Seine Skepsis gegenüber dem allzu fest Gefügten reicht bis in seine Jugend zurück. In Wasserburg am Inn wuchs Ralph Hammerthaler auf: ein 12 000-Seelen-Städtchen in Oberbayern mit einer hübschen Altstadt und klaren Regeln, in welchen Bahnen das Leben zu verlaufen hat. Ein idyllisches Umfeld, das durchaus beengend werden kann. So jedenfalls empfand es der heutige Wahlberliner, als er dort zur Schule ging: „Eine Kirche, ein Gymnasium und eine Zeitung. Da stößt man schnell an Grenzen.“ 

Sobald es ging, zog Ralph Hammerthaler nach München und weiter nach Berlin, wo er Politikwissenschaften und Soziologie studierte. Schon damals in der Kunstszene aktiv und mit gesellschaftskritischen Themen befasst, bewarb er sich erfolgreich um ein Promotionsstipendium der Hans-Böckler-Stiftung und besuchte das von der Stiftung geförderte Graduiertenkolleg „Konsens und Konflikt“ in Jena. Das Kolleg empfand er als Glücksgriff: „Man unterstützt sich gegenseitig und verzettelt sich nicht – ein ideales Gegenstück zum Einzelkämpfertum, unter dem so viele Doktoranden leiden.“ Die Soziologie, so Hammerthaler, habe seinen Blick geschärft für die gesellschaftlichen Bedingungen, in denen das Individuum lebt und handelt: „Meine Erzählungen sollen nicht nur den Bauchnabel umkreisen.“ 

Während des Studiums hatte er freiberuflich für die liberale Wiener Tageszeitung „Der Standard“ und die „Süddeutsche Zeitung“ geschrieben, für die SZ wurde er im Jahr 2000 Kulturredakteur in Berlin. So spannend die Arbeit war: Als die Berlin-Seite zwei Jahre später eingestellt wurde und er seinen Job verlor, traf ihn das nicht einmal als Unglück. Denn schon seit Langem zog es ihn zur Literatur. „Ich weiß nicht, ob ich von alleine den Mut gehabt hätte, den angesehenen, gut bezahlten Redakteursjob an den Nagel zu hängen.“ 

Wenngleich das Schriftstellerdasein keinen Reichtum verheißt, sondern die immer neue Mühe, das nächste Projekt an Land zu ziehen: „Es ist der schönste Beruf, den ich mir vorstellen kann.“ Dabei liebt der Endvierziger die Abwechslung zwischen den einsamen Stunden an der Tastatur und der Zusammenarbeit mit anderen Kreativen, wenn er für das Theater oder die Oper schreibt und sich alles um die nächste Premiere dreht. 

Schon als Jugendlicher verfasste er seine ersten Kurzgeschichten. „Nur eine oder zwei davon würde ich heute noch lesen“, sagt er. Die eine handelte, was sonst auch, von Frauen. Die andere von einem verzweifelten Fabrikarbeiter. Die Industriearbeit kennt Hammerthaler aus eigener Erfahrung. Denn große Wünsche konnten die Eltern – der Vater Steuergehilfe, die Mutter Krankenschwester – sich und den Kindern selten erfüllen. So verdiente er als Schüler und Student immer sein eigenes Geld dazu. Beim Abladen von Joghurts vom Fließband. Beim Sortieren von Paketen. In einer Gurkenfabrik. „So lernte ich verschiedene Milieus kennen.“ Die Neugier ist ihm geblieben, der Radius ist inzwischen gewachsen. In Kolumbien traf Hammerthaler einen ehemaligen Guerillero und Scharfschützen, der später Held seines Romans „Aber das ist ein anderes Kapitel“ wurde. In Mexico City und im sibirischen Omsk wurden seine Bühnenstücke aufgeführt. Sein aktuelles Projekt, das Balkan-Tagebuch, begann er in Priština und Split. 

Nach seinen Freizeitaktivitäten gefragt, winkt der Schriftsteller ab. „Freizeit gibt es für mich nicht.“ Auch der Begriff Arbeit bedeutet ihm wenig. Da die Schriftstellerei das Leben durchdringt, machen solche Unterscheidungen wenig Sinn. Einen Großteil seiner Zeit verbringt er in seinem Lieblingscafé in Berlin-Kreuzberg, wo er bei Selbstgedrehten und Latte macchiato schon viele Manuskripte korrigiert und neue Projekte geplant hat. Eindrücke, Ideen und Inspirationen, das findet der Schriftsteller überall. Vielleicht sitzt die nächste Romanfigur nur ein paar Meter entfernt.

zurück

Zum Inhaltsverzeichnis dieses Heftes

X

Hinweis zur Nutzung von Cookies auf dieser Website

Diese Website benutzt Cookies. Indem Sie die Website und ihre Angebote nutzen und weiter navigieren, akzeptieren Sie diese Cookies. Die Nutzung der Cookies können Sie in Ihren Browser-Einstellungen ändern. Wir benutzen außerdem Tracking-Cookies der Tracking-Tools Matomo und Webtrekk. Diese werden nur gesetzt, wenn Sie auf den „Einverstanden“-Button klicken. Solange Sie dies nicht tun, nutzen Sie die Website und Ihre Angebote, ohne dass die genannten Tracking-Tools aktiviert werden. Durch die Betätigung des Einverstanden-Buttons willigen Sie auch in das durch Facebook Insights getätigte Tracking auf der Facebook Fanpage der Hans-Böckler-Stiftung ein. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.


Einverstanden