Bildungsaufsteiger

Der Weg nach oben

Warum haben manche Leute auch bei schlechten Startchancen Erfolg im Bildungssystem, andere nicht? Wissenschaftler suchen nach Antworten, von denen Pädagogen und Politiker lernen können. Sicher ist: Förderer und Paten spielen eine wichtige Rolle. Von Andreas Kraft.


Als Rita Meyer studieren wollte, sagten ihre Eltern nur: „Ein Studium? Das brauchst du nicht!“ Vater und Mutter waren im Krieg groß geworden. Er hatte einen Abschluss von der Hauptschule, sie gar keinen. Beim Abitur hatten sie ihre Tochter unterstützt, auch bei der anschließenden Lehre. Aber als Rita Meyer ihre gut bezahlte Stelle beim Reifenhersteller Continental kündigen wollte, um sich an der Uni einzuschreiben, konnten sie es nicht verstehen.

„Meine Mutter redet bis heute nicht darüber“, sagt Meyer. Sie verleugnet quasi den Bildungsaufstieg ihrer Tochter. Dabei hätte sie genug Grund, stolz zu sein. Rita Meyer schloss schließlich nicht nur ihr Magisterstudium in Berufs- und Wirtschaftspädagogik, Soziologie und Philosophie zügig und erfolgreich ab, sondern promovierte anschließend und legte eine Karriere als Wissenschaftlerin hin. Heute ist sie Professorin in Hannover und Mitglied des Kuratoriums der Hans-Böckler-Stiftung.

Ein schwieriges Verhältnis zu den Eltern ist bei Bildungsaufsteigern häufig, wie Aladin El-Mafaalani, Politik-Professor an der FH Münster, in seinen Studien gezeigt hat. Inzwischen hat er mehr als 40 Interviews geführt, hat Lebenswege von Professoren, Richter, Managern oder Politikern recherchiert und sie dann um ein Gespräch gebeten. Es sind Leute in Spitzenpositionen, die aus der Unter- oder aus der Mittelschicht stammen. Bei den Interviews verschweigt El-Mafaalani absichtsvoll, dass er die Bedingungen des Bildungsaufstieges erforscht. Denn mit dieser Frage im Hinterkopf, sagt er, werde das eigene Leben anders erzählt: „Die Antworten sind dann vorgeformt von den öffentlichen Debatten.“

Was macht am Ende den Erfolg aus? El-Mafaalani hat beobachtet, dass Bildungsaufsteiger die Motivation für ein Studium selbst entwickeln müssen. Während in Akademikerhaushalten Bildung ein Wert an sich ist, müssen Aufsteiger erst erkennen, dass der Weg sich lohnen kann. Die Eltern reagieren dann oft skeptisch. Den Milieuwechsel ganz allein zu vollziehen sei daher kaum möglich, sagt der Politik-Professor: „Alle Interviewten hatten einen sozialen Paten. Jemanden, der ihnen das Selbstvertrauen gegeben hat, dass sie das auch schaffen können.“ In der Regel seien das reine Zufallsbegegnungen: Eltern von Schulfreunden, Nachbarn, Vorgesetzte, Parteifreunde.

Auch Rita Meyer hatte so einen Paten: Ihr damaliger Freund und späterer Mann hatte studiert und ermutigte sie, an die Uni zu gehen. Später – bei der Promotion – war es ein Professor, der ihr zusprach: Sie solle nicht unter ihren Möglichkeiten bleiben. Auch die Einbindung in die Gewerkschaften half. Während ihrer Ausbildung bei Continental war Meyer Mitglied in der JAV. Ihr Studium finanzierte sie mit einem Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung. Auch aus Düsseldorf kam immer wieder Zuspruch.

Entscheidend sei, so ihr Kollege El-Mafaalani, aber auch, dass die jungen Menschen selbst entscheiden, an sich zu arbeiten, sich zu verändern – oft in einer emotionalen Krise. Einen konkreten Masterplan für den sozialen Aufstieg hätten seine Interviewpartner aber nicht gehabt: „Ziel war nicht das Ende der sozialen Leiter, sondern immer die nächste Sprosse.“ Gefragt, ob man für den sozialen Aufstieg auch eine besondere Persönlichkeitsstruktur braucht, ist er vorsichtig. Nach seinen Studien entscheidet nicht unbedingt der Charakter über den Aufstieg – aber der Aufstieg verändert den Charakter. Denn zu einem Aufstieg in die Elite braucht man eine „enorme Trennungskompetenz“, wie er feststellt.

LEBEN ZWISCHEN DEN WELTEN Um sich in der neuen Schicht behaupten zu können, müssen die Aufsteiger ihre alten Gewohnheiten, Vorlieben und Ansichten oft aufgeben. Mit dem Bildungsaufstieg verändern sich auch die Interessen: Die Aufsteiger hören plötzlich andere Musik, tragen andere Kleidung, mögen andere Filme. Sie passen sich damit auch ihrem neuen Milieu an, legen alten Verhaltensweisen ab – und werden ein Stück weit zu anderen Menschen. Selbst Politiker – wie beispielsweise Gerhard Schröder –, die mit ihrer einfachen Herkunft nachgerade kokettieren, bewegen sich in ihrem neuen Umfeld nach den dort gültigen Codes: trinken teuren Wein, tragen Designer-Anzüge, übernehmen sogar politische Ideen. „Dass Schröder als Genosse der Bosse galt, war ihm offensichtlich nicht peinlich“, sagt El-Mafaalani. „Er schien sich darin zu gefallen.“ Daran merkte er, dass er oben angekommen war.

Doch die Folgen bleiben nicht aus. Das gilt nicht nur für Schröder, sondern für viele Bildungsaufsteiger. Das alte Umfeld reagiert skeptisch bis verärgert auf die Veränderungen. Oft wird den Aufsteigern gar Verrat vorgeworfen. Familie und Freunde erkennen den geliebten Menschen einfach nicht mehr wieder. „Für den Aufstieg müssen gerade die extremen Bildungsaufsteiger die Loyalität zu ihrem alten Milieu weitgehend aufkündigen“, sagt El-Mafaalani. „Sonst geht es nicht.“ Rita Meyer hat das an sich selbst beobachtet. Als sie einen Lehrauftrag an der Bundeswehrhochschule in Hamburg hatte, kleidete sie sich anders. „Um mich herum waren alle uniformiert“, erinnert sie sich. „Also habe ich mich selbst auch uniformiert und bin nur im Hosenanzug an die Uni.“ Sie wollte sich anpassen. Auch um sich sicher zu fühlen. Heute hält sie ihre Vorlesungen auch mal in Jeans und T-Shirt.

UNSICHTBARE GRENZEN Auch Ingrid Miethe, Bildungsforscherin an der Universität Gießen, kennt den Anpassungsdruck. „Aber man darf das nicht überwerten“, sagt sie. „Natürlich bewegen sich die Aufsteiger in einem neuen Umfeld und müssen sich dem auch anpassen.“ Doch ihnen gelinge es meist, sich in beiden Welten zu bewegen. „Sie switchen die Codes mühelos“, hat Miethe beobachtet. „An der Uni sprechen sie hochdeutsch und zu Hause Dialekt. Hier trinken sie Wein, dort Bier.“ Für Miethe ist das auch eine Kompetenz: Die Aufsteiger würden sich das Beste aus beiden Welten holen. Ein gewisses Gefühl der Fremdheit sei bei jungen Menschen, die an die Hochschule kommen, vollkommen normal – auch unter Akademikerkindern. „Die meisten ziehen dann zu Hause aus. Zudem bewegen sie sich an der Universität in einer vollkommen neuen Welt.“

Doch scheint es auch unsichtbare Grenzen zu geben, die längst nicht alle überspringen. Laut der jüngsten Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes vom Sommer 2013 besuchen von 100 Akademikerkindern 77 eine Hochschule. Dagegen nehmen nur 23 von 100 Nicht-Akademikerkindern ein Studium auf. Eine andere Untersuchung der Bildungsexperten Markus Lörz vom HIS-Institut für Hochschulforschung in Hannover und Steffen Schindler von der Universität Mannheim hat zudem gezeigt, dass Kinder von Arbeitern mit Hauptschulabschluss heute zwar öfter Abitur machen, aber trotz Hochschulzulassung seltener ein Studium aufnehmen als in den 70er Jahren.

Hier zeigt sich, wie stark soziale Milieus wirken können. „Den Aufsteigern fehlen oft die Ansprechpartner für den Bildungsaufstieg“, sagt auch Miethe. Die Akademikerkinder könnten einfach ihre Eltern fragen, die Aufsteiger müssten vieles mit sich selbst ausmachen. Immer wieder drehen sie dann die gleichen Gedanken um, denken, sie seien nicht gut genug, um an der Uni Erfolg zu haben. Und wenn etwas nicht richtig läuft, suchen sie die Fehler meist bei sich selbst. „Es ist unter Aufsteigern sehr verbreitet, dass sie gar nicht merken, dass andere schlechter sind.“ Es sei daher wichtig, dass ihnen jemand – quasi als Elternersatz – die Selbstzweifel nehme.

MACHT DER POLITIK Ohne diese Hilfe hängt es auch vom Zufall ab, ob der soziale Aufstieg gelingt. „Es herrscht ein Mangel an Beratungsangeboten“, sagt Miethe. Es gebe nur die normale Studienberatung, die dabei hilft, das Studium zu organisieren, und die psychologische Beratung, an die man sich beispielsweise mit chronischer Prüfungsangst oder Depressionen wenden könne. Bildungsaufsteigern biete die Uni dagegen wenig an. Projekte wie arbeiterkind.de begrüßt die Professorin daher ausdrücklich. In einem Projekt für die Hans-Böckler-Stiftung hat sie das Portal unter die Lupe genommen und festgestellt: Es hilft wirklich beim Aufstieg. Beim Diversity-Management an den Hochschulen werde die soziale Schicht meist nicht mitgedacht. In erster Linie gehe es dort immer nur um Geschlecht, Migrationshintergrund, Behinderung. Für die spezifischen Schwierigkeiten der Aufsteiger fehle das Problemverständnis.

Auch El-Mafaalani hält Mentorenprogramme für einen Weg, um Bildungsaufsteigern dabei zu helfen, einen sozialen Paten zu finden, und das nicht allein dem Zufall zu überlassen. In ihrer Forschung hat sich Ingrid Miethe mit den Bildungsaufstiegen in beiden deutschen Staaten befasst. In den 50er Jahren förderte das DDR-Regime, dass Kinder aus einfachen Verhältnissen ein Studium aufnahmen, um eine neue sozialistische Elite zu schaffen. Und in den 70er Jahren öffnete die Bundesrepublik die Hochschulen. Für Miethe sind das „zwei Wellen“, die Aufsteiger an die Hochschulen spülten. So unterschiedlich die Bildungsreformen und die gesellschaftlichen Systeme waren, so zeigte sich doch, wie stark der Staat Einfluss nehmen kann auf Bildungschancen. Beide Reformen führten dazu, dass es Gruppen von Bildungsaufsteigern gab, denen mit staatlicher Hilfe der Weg geebnet wurde. In dem Bewusstsein, ein Stück Weltgeschichte zu schreiben, sei ein Gemeinschaftsgefühl entstanden. „Die Arbeiterkinder in der DDR wussten damals, dass sie keine Einzelkämpfer sind“, sagt Miethe. „Sie konnten sich outen, sich so erkennen und sich über ihre Erfahrungen in dieser fremden Welt Hochschule austauschen.“

Unter ganz anderen Vorzeichen veränderte sich auch in der Bundesrepublik die akademische Welt. Sie wurde offener. Nicht nur Talar und Perücke verschwanden, auch die studentische Selbstverwaltung kam dazu und 1971 das Bundesausbildungsförderungsgesetz, das Bildungsreserven mobilisieren und Bildungschancen gerechter verteilen sollte. „Etwa die Hälfte der Studierenden sind heute die Ersten in ihrer Familie, die einen Hochschulabschluss machen“, sagt die Bildungsforscherin Miethe. So gesehen sind Bildungsaufsteiger keine Minderheit an deutschen Hochschulen, sondern es gibt sie in relativ hoher Zahl. „Aber man registriert diese junge Leute aus Nicht-Akademikerfamilien nicht als Welle, meint Miehte. Sie plädiert entschieden dafür, die Defizitperspektive auf diese Gruppe endlich aufzugeben. „Diejenigen, die es an die Universität schaffen, sind eine mehrfach positiv selektierte Gruppe“, meint Miethe. „Weil die Eltern nicht helfen können, haben sie es alleine dahin geschafft. Sie haben viel Kampfgeist und Ausdauer.“ Daher würden sie an der Hochschule in der Regel auch nicht scheitern. Niemand muss sich in der akademischen Welt fremd fühlen, der zu einer so großen Gruppe gehört.

DER AUFSTIEG HAT SEINEN PREIS Aladin El-Mafaalani schlägt vor, früher anzusetzen, um die vorhandenen Aufstiegspotenziale wirklich auszuschöpfen. In der Schule müsse es „verstärkt auch um Erziehung gehen“, fordert er. Es seien oft die feinen Unterschiede, die den Ausschlag geben. Da sei schon viel gewonnen, wenn Kinder etwa auch in der Schule essen und mit bürgerlichen Tischgewohnheiten vertraut gemacht werden. In Skandinavien sei es zudem üblich, dass Lehrer Arbeitsgemeinschaften anbieten. Den Schülern bringen sie dort meist ihr Hobby nah. „Die Kinder lernen den Lehrer so als Menschen kennen“, sagt der Politik-Professor. „Und dabei bekommen sie Einblick in das Leben eines Akademikers.“ In der Schule könnten so Barrieren zwischen sozialen Schichten abgebaut werden.

Doch der Weg nach oben hat seinen Preis. Das hat El-Mafaalani immer wieder beobachtet: „Dass der Aufstieg psychisch und mental einen Preis fordert, erkennt man bei allen.“ Die Kindheit und Jugend, sagt er, würden – gemessen an den neuen Codes und Maßstäben – teilweise entwertet. Zudem müssten sich die Aufsteiger permanent selbst kontrollieren, damit sie nicht in alte Gewohnheiten und Muster zurückfallen. Auch sei das Verhältnis zu den Eltern oft belastet. Doch den Aufstieg, sagt er, wolle keiner der Interviewten rückgängig machen. Die Vorteile scheinen klar zu überwiegen.

Das sieht auch Rita Meyer so – trotz allem. Da ist das schwierige Verhältnis zur eigenen Mutter, eine gescheiterte Ehe, der Verzicht auf eigene Kinder. Ob es sich trotzdem für sie gelohnt hat? „Auf jeden Fall“, sagt die 47-Jährige. Sie liebt ihre Arbeit – vor allem die Autonomie, die sie als Professorin hat. Derzeit untersucht sie in einem von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Projekt Bedingungen für den Bildungsaufstieg über den dritten Bildungsweg in naturwissenschaftlichen und technischen Berufen. In einer Nachwuchsforschergruppe, die ebenfalls von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert wird, betreut sie nun selbst junge Bildungsaufsteigerinnen bei der Promotion: „Als ich sie gefragt habe, ob sie eine Doktorarbeit schreiben wollen, waren sie vollkommen von den Socken“, sagt Meyer schmunzelnd. Sie ist selbst zur sozialen Patin geworden. Eine Sache aber freut sie besonders: Die Familien ihrer Doktorandinnen sind unheimlich stolz auf ihre Töchter. Vielleicht ist das oft schwierige Verhältnis zu den Eltern, das El-Mafaalani häufig bei Aufsteigern beobachtet hat, doch kein Naturgesetz.

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