Böckler Impuls Ausgabe 05/2008

Jugendarbeitslosigkeit

Ausbildung hilft, Mindestlohn schadet nicht

Die Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich ist hoch. Manche Ökonomen machen dafür den Mindestlohn verantwortlich. Doch viel schwerer wiegen Defizite im Ausbildungssystem.

Spätestens wenn die Gewalt in Frankreichs Vorstädten eskaliert, wird auch in Deutschland darüber diskutiert: Im Nachbarland ist jeder fünfte junge Mensch unter 25 ohne Job - 19,2 Prozent weist das europäische Statistikamt Eurostat im Durchschnitt des Jahres 2007 aus. Damit bewegt sich die Arbeitslosenquote bei Jugendlichen deutlich über dem EU-Mittel von rund 15 Prozent und ist acht Prozentpunkte höher als in Deutschland. Liegt das am gesetzlichen Mindestlohn? Manche Politiker und Ökonomen glauben, die Lohnuntergrenze von derzeit 8,44 Euro trage zumindest zur hohen Jugendarbeitslosigkeit bei. Entschiedene Mindestlohn-Gegner wie Hans-Werner Sinn gehen sogar noch weiter: "Die brennenden französischen Schulbusse haben ihre Ursache im Mindestlohn", meint der Präsident des Münchner ifo-Instituts.

Einer systematischen Analyse halten solche simplen Schlüsse nicht stand. "Die meisten französischen Studien, die den Zusammenhang untersucht haben, beobachten keine oder allenfalls sehr geringe negative Auswirkungen des Mindestlohns auf die Beschäftigung von Jugendlichen", fasst WSI-Forscher Thorsten Schulten den Tenor der empirischen Forschung zusammen. So ging die Jugendarbeitslosigkeit beispielsweise zwischen 1996 und 2007 von knapp 28 Prozent auf rund 20 Prozent zurück, während der Mindestlohn im gleichen Zeitraum vergleichsweise stark stieg. Diese langfristig positive Tendenz kam zwar nach der Jahrtausendwende zeitweise zum Erliegen. "Doch das fiel eindeutig mit der konjunkturellen Schwächephase zusammen und mit dem zeitweiligen Stopp von ,Emplois Jeunes', einem groß angelegten Arbeitsförderungsprogramm", erklärt Camille Logeay, Arbeitsmarkt-Expertin im IMK. Ein Teil der jungen Beschäftigten ist ohnehin von den Mindestlohn-Vorschriften ausgenommen - Auszubildende und alle Arbeitnehmer unter 18, die weniger als sechs Monate Berufserfahrung haben.

Der europäische Vergleich zeigt ebenfalls, dass gesetzliche Lohnminima keinen großen Einfluss auf die Beschäftigung von jungen Leuten haben können: Klare Muster sind nicht zu erkennen.

So fällt beispielsweise auch den jungen Italienern die Jobsuche sehr schwer: Gut 20 Prozent der Jugendlichen sind arbeitslos - ohne gesetzlichen Mindestlohn. Dagegen liegt in den Niederlanden die Lohnuntergrenze mit 8,19 Euro pro Stunde ähnlich hoch wie in Frankreich. Doch die Arbeitslosenquote der unter 25-Jährigen ist laut Eurostat eine der niedrigsten in der EU. Zwischen Maas und Nordsee suchten im Jahresdurchschnitt 2007 nur knapp 6 Prozent eine Stelle - halb so viele wie in Deutschland.

In Großbritannien wiederum waren 2007 bei einem Mindestlohn von umgerechnet 7,39 Euro gut 14 Prozent der Jungen arbeitslos gemeldet. Dazwischen rangiert Irland, wo 8,65 Euro Mindestverdienst vorgeschrieben sind und weniger als 9 Prozent der jungen Leute ein Job-Problem haben. Besonders interessant: In den Niederlanden wie in Großbritannien gelten gestaffelte niedrigere Mindestlöhne für Beschäftigte unter 23, in Irland nicht. Uneinheitlich ist die Tendenz auch in den nordischen Staaten, die keine gesetzlichen Lohngrenzen haben: In Dänemark sind gut 8 Prozent der Jungen ohne Stelle, in Finnland mehr als 16 und in Schweden gut 19 Prozent.

Dass die Jugendarbeitslosigkeit auch in Frankreich sehr hoch ist, hat andere Gründe, sagt WSI-Forscher Schulten. Eine wesentliche Ursache liegt in der Struktur des französischen Ausbildungssystems. Das steht seit den 80er-Jahren im Mittelpunkt zahlreicher Reformversuche. Deren Ziel: die "Entkoppelung" zu mindern zwischen vorwiegend schulisch organisierten, an universalen Bildungsansprüchen orientierten Ausbildungswegen auf der einen und dem Arbeitsmarkt auf der anderen Seite. So beschreibt Werner Zettelmeier von der Universität Cergy-Pontoise die Bemühungen.

Anders als in Deutschland spielt die betriebliche Ausbildung eine eher untergeordnete Rolle. Stattdessen dominiert ein vom Staat organisiertes schulisches Ausbildungssystem, das den Berufsschülern vergleichsweise wenig Praxiserfahrung bietet und nur geringe Möglichkeiten, Kontakte zu künftigen Arbeitgebern zu knüpfen.

"Gerade weil die Jugendarbeitslosigkeit in vielen Ländern bedrückend hoch ist, muss man die wirklichen Gründe dafür angehen", sagt WSI-Experte Schulten.


Quellen

Thorsten Schulten ist Experte für europäische Tarifpolitik und Mitherausgeber des Buches "Mindestlöhne in Europa"


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