Böckler Impuls Ausgabe 16/2019

Wirtschaftspolitik

Löhne stützen die Konjunktur

Lohnsteigerungen und die Rückkehr zur paritätischen Finanzierung der Krankenversicherung verhindern einen Konjunktureinbruch.

Löhne stützen die Konjunktur

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Beim Wirtschaftswachstum deutet momentan alles auf Stillstand hin: Das IMK erwartet für das laufende Jahr und für 2020 allenfalls ein schwaches Plus beim Bruttoinlands­produkt. Dass es nicht noch schlimmer kommt, hängt den IMK-Ökonomen zufolge mit der robusten Binnennachfrage zusammen: Während die exportorientierte deutsche Industrie schwächelt, steigen die privaten Konsumausgaben 2019 real um 1,4 Prozent und 2020 um 1,2 Prozent.

Im historischen Vergleich stellt diese Entwicklung laut IMK-Direktor Sebastian Dullien eine Besonderheit dar: In den Rezessionsphasen 2001 und 2012/13 sei das Bruttoinlandsprodukt schon in den ersten Quartalen mit rückläufiger Industrieproduktion ebenfalls geschrumpft. Aktuell gehe die Produktion im verarbeitenden Gewerbe dagegen nun schon seit mehr als einem Jahr zurück, das Bruttoinlandsprodukt liege aber immer noch höher als vor zwölf Monaten.

Ein wichtiger Grund: Lohnsteigerungen und der Beschäftigungszuwachs lassen in diesem Jahr die Bruttolöhne um 4 Prozent steigen. Noch etwas stärker fällt mit 4,2 Prozent der Zuwachs bei den Nettolöhnen aus. Laut IMK trägt dazu unter anderem die Rückkehr zur paritätischen Finanzierung der Krankenversicherung bei; seit Anfang 2019 entfallen die Kosten wieder zu gleichen Teilen auf Versicherte und Arbeitgeber, die Arbeitnehmer müssen also nicht mehr allein für die Zusatzbeiträge aufkommen. Hinzu kommen Änderungen beim Einkommenssteuertarif und die Anhebung des Kindergeldes zur Jahresmitte. Alles in allem steigen die verfügbaren Einkommen im laufenden Jahr real um 1,4 Prozent, 2020 um 1,2 Prozent. Diese Zuwächse sorgen für ein stabiles Konsumklima – und halten die Konjunktur am Laufen.

Langfristig könnte sich das allerdings ändern: „Die deutsche Wirtschaft ist derzeit wie ein Flugzeug, das nur noch mit einem Triebwerk fliegt – der Nachfrage der privaten Haushalte. Das kann eine Zeit lang gut gehen, aber auf Dauer sollte man sich darauf nicht verlassen. Wenn die Politik nicht entschlossen gegensteuert, greifen die Bremseffekte nach und nach auf Dienstleistungen, Konsumklima und Arbeitsmarkt über und es droht der Absturz“, so Dullien. Seine Empfehlung: Die Gelegenheit, sich zu Negativzinsen zu verschulden, sollte der Staat für dringend benötigte Investitionen nutzen und so das Wachstum ankurbeln.

Quelle

Sebastian Dullien u.a.: Wirtschaftsflaute hält an. Die Prognose der wirtschaftlichen Entwicklung 2019/2020 (pdf), IMK-Report Nr. 150, September 2019