Quelle: HBS
Wissenschaftlicher Rechercheservice: Ein Jahr Merz-Regierung: Fakten zu Arbeit, Sozialstaat und Verteilung
Arbeitszeit, Sozialstaat, Bürgergeld, Rente, Krankenversicherung: Seit einem Jahr prägen Forderungen nach Deregulierung, Kürzungen und „mehr Leistung” die politische Debatte und Regierungspolitik. Doch halten die versprochenen Effekte einer wissenschaftlichen Prüfung stand?
[aktualisiert am 04.05.2026]
Mehr arbeiten, weniger Sozialstaat, strengere Regeln beim Bürgergeld und Steuersenkungen als Wachstumsstrategie: Viele zentrale Vorhaben der Merz-Regierung prägen seit einem Jahr die politische Debatte und die Regierungsarbeit.
Wie viel Substanz haben die Vorschläge? Und welche Wirkungen und Nebenwirkungen haben sie für Beschäftigte, soziale Sicherheit, Verteilung und wirtschaftliche Entwicklung? Wir haben in den vergangenen Monaten zahlreiche Studien unter anderem zu Arbeitszeit, Finanzierbarkeit des Sozialstaats, Generationengerechtigkeit der Rente und zur Verteilung vorgelegt.
Hier die aktuellen zentralen Untersuchungen:
Finanzierbarkeit des Sozialstaats
(Auswahl; noch mehr aktuelle Fakten im Forschungsüberblick zur Sozialstaat-Debatte)
- Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK): Ausgabenquoten für wesentliche Teile der sozialen Sicherung geringer als früher.
- IMK-Studie „Die Mär vom ungebremst wachsenden deutschen Sozialstaat“ (u.a. internationaler Vergleich der Ausgaben für soziale Sicherung).
Arbeitszeit / Teilzeit
(Auswahl; noch mehr aktuelle Fakten im Forschungsüberblick zur Arbeitszeit-Debatte)
- WSI-Studie: Lange Arbeitszeiten in der Schweiz gehen mit höheren Teilzeitquoten, mehr Stress und emotionaler Erschöpfung einher – mit Milliardenkosten für die Wirtschaft.
- Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI): 54 Prozent der erwerbstätigen Eltern mit Ausfällen bei Kinderbetreuung konfrontiert.
- WSI-Befragung: Drei Viertel der Erwerbstätigen befürchten negative Folgen sehr langer Arbeitstage für Gesundheit und Vereinbarkeit.
- Analyse des Hugo Sinzheimer Instituts (HSI): Regierungspläne zur Deregulierung würden Arbeitstage von über 12 Stunden erlauben
- Arbeitszeit-Studie des WSI: Viel Flexibilität durch Zusammenspiel von geltendem Gesetz und Tarifverträgen
Rente
(Auswahl; noch mehr Fakten im Forschungsüberblick zur Renten-Debatte)
- IMK-Studie: Eine Erhöhung des Renteneintrittsalters und beschleunigte Absenkung des Rentenniveaus ab 2032 bringen keine entsprechend positiven Effekte für Jüngere, teils wirken sie sogar in entgegengesetzter Richtung.
- IMK-Studie: Generationengerechtigkeit und Finanzierbarkeit einer gestärkten gesetzlichen Rentenversicherung.
- WSI-Studie: Arbeiten im Ruhestand verbreitet.
- WSI-Studie: Gut ein Viertel hat Zweifel, aktuelle Berufstätigkeit bis zum Rentenalter durchhalten zu können
Gesundheit / Lohnfortzahlung
- IMK-Analyse: Die Aufwendungen von Unternehmen für die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall sind trotz im Durchschnitt älterer Belegschaften, neuer Erkrankungsrisiken wie Covid und besserer Diagnostik über die vergangenen anderthalb Jahrzehnte nur minimal gestiegen.
- Analyse von Dr. Eike Windscheid-Profeta (Sozialexperte) zu Krankenständen: Strukturelle Ursachen angehen statt riskanter Scheinlösungen.
Verteilung / Ungleichheit
(Auswahl; noch mehr Fakten im Forschungsüberblick zu Ungleichheit)
- WSI-Verteilungsbericht: Einkommensungleichheit seit 2018 weiter angestiegen.
- WSI-Studie: Sozialer Ausgleich durch Sozialstaat und Steuersystem hat abgenommen.
- Studie zu Milliardenvermögen: Steuersätze seit Mitte der 1990er drastisch reduziert.
Investitionen und ihre Finanzierung
- IMK-Studie: Eine Einkommensteuersenkung ist kein effektiver Weg, um die Wirtschaft zu stärken. Zusätzliche Spardruck auf Investitionen könnte sogar Wachstum kosten.
- IMK-Umfrage: Die Bevölkerung ist sich weitgehend einig darin, dass der Staat mehr Geld in die Infrastruktur stecken muss – auch wenn dafür neue Kredite nötig sind.
Modernisierung in Unternehmen
Mitbestimmung / Tariftreue
(Auswahl; noch mehr Fakten im Forschungsüberblick zur Mitbestimmung)
- Meta-Studie des Instituts für Mitbestimmung und Unternehmensführung (I.M.U.): Paritätische Mitbestimmung stärkt Innovation, Investitionen und Produktivität. Und ist damit ein positiver Standortfaktor.
- WSI-Analyse: Die Kritik der Arbeitgeberlobby am geplanten Bundestariftreuegesetz ist unbegründet. Im Gegenteil: Das Gesetz müsste sogar noch ausgeweitet werden.