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Informationen zur Rentenpolitik

Auf einen Blick: Starke gesetzliche Rente nötig und möglich

Höhere Beschäftigung – mehr Beiträge für die gesetzliche Altersvorsorge: Der Arbeitsmarkt sollte als Schlüssel zur Bewältigung des demografischen Wandels stärker berücksichtigt werden. Außerdem zeigt ein Blick auf das österreichische Rentensystem, dass ein deutlich höheres gesetzliches Rentenniveau möglich ist und besseren Schutz vor Altersarmut bietet.

[29.05.2026]

Soziale Sicherung ist ein Gewinn für die Gesellschaft

Hat die deutsche Rentenversicherung wirklich ein Problem, wie man allerorts hört? Schon, meint Rentenexperte Florian Blank. Aber dieses Problem bestünde nicht in den Kosten des demografischen Wandels, wie häufig verbreitet wird:

Das Problem besteht vielmehr darin, dass radikale Reformen mit einer Vehemenz – aber ohne sachliche Grundlage – gefordert werden, die eine ernsthafte Diskussion verhindert und ein grundsätzliches Misstrauen in die Rentenpolitik schürt.

Dr. Florian Blank, Rentenexperte des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI)

Es sei eine Kritik, die vor allem dazu beiträgt, das "Vertrauen in Institutionen der sozialen Sicherung insgesamt zu beschädigen" und eben nicht sachliche Hinweise auf Probleme der sozialen Sicherung beinhaltet, die auch berechtigt angebracht werden können. Denn eines sollte doch aber klar sein: "Soziale Sicherung ist ein Gewinn für die Gesellschaft und keine Belastung."

Florian Blank, Rentenexperte des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung

In unserer Podcast-Folge decken IMK-Direktor Sebastian Dullien und Autor Andreas Hoffmann („Die erfundene Bedrohung: Wie die alternde Gesellschaft dramatisiert wird und wem das nützt“) die Mythen um die Demografie-Debatte und das Rentensystem in Deutschland auf.

Mehr staatliche Investitionen zahlen sich aus

Die Alterung der Gesellschaft wird Deutschland verändern. Die wichtigste Stellschraube für die Gestaltung des demografischen Wandels und für die Alterssicherung sei der Arbeitsmarkt, betont Rudolf Zwiener vom IMK.

In einer umfassenden Analyse zeigt der Forscher auf, wie groß die Gestaltungsspielräume sind. Das Ergebnis: Mit mehr staatlichen Investitionen, mehr Beschäftigung und besser bezahlter Arbeit ließe sich die Alterssicherung in Deutschland langfristig ohne Eingriffe bei Rentenniveau und Renteneintrittsalter stabilisieren.

Grafik zum Thema Investitionen, die sich auszahlen. Auswirkungen auf das Bruttoinlandsprodukt, Erwerbstätige, Gewinne usw.
Höhere Investitionen in öffentliche Infrastruktur, Wohnungsbau, Bildung, Verwaltung und Pflege würden nach Berechnungen des IMK das Wachstum und die Beschäftigung in den nächsten 15 Jahren deutlich steigern.

Demografie bedeute nicht nur Niedergang, sie sei kein Naturgesetz, so Andreas Hoffmann. Demografie könne auch gestaltet werden. Die wichtigste Stellschraube für die Gestaltung des demografischen Wandels und für die Alterssicherung sei der Arbeitsmarkt.

Der Staat sollte etwa den Arbeitsmarkt so reformieren, dass mehr Migranten, Frauen und Ältere arbeiten können – und unsere Schulen so verbessern, dass weniger Bildungsverlierer*innen zurückbleiben.

 

Gute Rente für alle

„Die Deutschen gehen zu früh in Rente. Das können wir uns nicht mehr leisten“ – ein weit verbreitetes Vorurteil in der Sozialpolitik, das einer wissenschaftlichen Prüfung nicht standhält.

Die Befürworter eines späteren Renteneintritts bewegen sich ohnehin auf dünnem Eis, denn das jeweils aktuelle durchschnittliche Renteneintrittsalter der Menschen in Deutschland können sie kaum benennen. Die Rentenversicherung kann dies in ihren jährlichen Statistiken nicht einmal selbst. Mehr dazu hier im Beitrag „Oft gehört, trotzdem falsch“ aus dem Magazin Mitbestimmung.

Laut Hoffmann höre man beispielsweise in vielen Debatten um das deutsche Rentensystem häufig den Satz „Wir haben immer weniger Beitragszahler*innen, aber immer mehr Rentner*innen. Das kann nicht funktionieren“. Er stellt klar:

Das ist faktisch falsch. Wir haben nicht weniger Beitragszahler*innen, wir haben mehr. Wir haben heute etwa 35 Millionen Arbeitnehmer*innen, die Steuern und Beiträge zahlen. Um die Jahrtausendwende waren es ungefähr 27 Millionen.

Andreas Hoffmann, Publizist und Autor

Weiterarbeiten trotz Rente

Zur Wahrheit gehört aber auch: Viele Erwerbstätige, die kurz vor der Rente stehen, werden sich im Ruhestand einschränken müssen. Eine Absenkung des Rentenniveaus würde das Problem verschärfen. Zu diesem Ergebnis kommt eine von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW)

Viele Deutsche, die bereits Rente beziehen, arbeiten schließlich noch nebenher. Besonders häufig sind es Selbstständige. Unsere Social-Media-Grafiken zeigen im Folgenden die Verteilung der erwerbstätigen Rentner*innen nach persönlichen Merkmalen.

Welche Gruppen besonders häufig Niedrigrenten beziehen, obwohl sie lange Versicherungszeiten aufweisen, haben auch Martin Brussig und Lina Zink vom Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen mithilfe von Datensätzen der Rentenversicherung und der Arbeitsagentur analysiert. 

Fairer Ausgleich zwischen den Generationen ist möglich

Die häufige Annahme, dass Junge die volle Last tragen, ist falsch. Wer heute mehr in die Rentenversicherung einzahlt, bekommt später auch mehr zurück. Und: Ein fairer Ausgleich zwischen den Generationen ist möglich, wenn Rentenanpassungen auch die Beitragssätze berücksichtigen.

Im WSI-Blog plädiert Autor Magnus Brosig für ein Rentensystem mit gutem und stabilem Nettoniveau und spricht sich vor diesem Hintergrund für eine Entfristung, mindestens aber eine weitreichende Verlängerung der beitragssatzsensiblen „Haltelinie“ aus.

Systemrelevant 286 Rente Dullien

2019 wurde eine Haltelinie eingeführt: Demnach darf das Rentenniveau nicht unter 48 Prozent fallen – zumindest bis 2025. Die Ampel-Koalition wollte die Haltelinie bis 2039/2040 verlängern. Die neue Koalition aus CDU/CSU und SPD plant eine kürzere Verlängerung bis 2031 – die konkrete Ausgestaltung dieser Maßnahme ist dabei noch unklar.

Von einer Stabilisierung des Rentenniveaus würden alle Generationen profitieren. Das zeigt auch eine aktuelle Studie. Wissenschaftler*innen des IMK haben mit einem neuen Modell berechnet, wem das Rentenpaket II der Ampelregierung geholfen hätte.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Rentenauszahlungen durch das Rentenpaket II deutlich stärker gestiegen wären als die Einzahlungen. Für alle untersuchten Jahrgänge hätten sich die Renditen verbessert, am stärksten jedoch für die 1970er-Jahrgänge.

In der Podcast-Folge 231 von Systemrelevant wird mit IMK-Direktor Sebastian Dullien, der an der Studie beteiligt war, auch die Frage diskutiert, ob der Staat einen Teil der Rentenmittel in Aktien investieren sollte, um die Altersvorsorge langfristig und zukunftssicher zu gestalten.

Viele Forderungen, die für mehr „Generationengerechtigkeit“ in der Alterssicherung sorgen sollen, dürften das Gegenteil bewirken: Ihre Umsetzung würde die interne Rendite, also das Verhältnis von eingezahlten Beiträgen und empfangenen Rentenzahlungen, auch und gerade bei Jüngeren senken. Besser für alle wären Maßnahmen, die zu mehr Erwerbstätigkeit in Deutschland führen – etwa eine höhere Zuwanderung oder eine stärkere Erwerbsbeteiligung bisher nicht erwerbstätiger Personen. Das ergibt eine neue Studie, die Forschende von IMK, WSI und der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW Berlin) gemeinsam erstellt haben (IMK Policy Brief Nr. 211, 2026).

Die Studie zeigt: Entsprechend der aktuellen Gesetzeslage und auf Basis der neuesten amtlichen Bevölkerungsprognose „rechnet“ sich die gesetzliche Rentenversicherung für jüngere wie ältere Menschen in recht ähnlichem Maße. 

Interessanter Vergleich innerhalb Europas: Deutschland und Österreich sind sich zwar sozial, wirtschaftlich und politisch sehr ähnlich. Trotzdem sind Österreicher*innen laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung aus dem Jahr 2016 (WSI-Report Nr. 27) deutlich besser abgesichert als Deutsche. Der Grund: Die beiden Länder sind bei den Reformen ihrer Rentensysteme ganz unterschiedliche Wege gegangen.

 

Grafik, um zu zeigen, dass über 64-Jährige in Österreich weniger arm waren als Deutsche in diesem Alter.
Österreich Rentensystem mschützt besser vor Altersarmut.

Österreich: Höhere Renten und weniger Altersarmut

In Österreich konzentriert sich die Altersversorgung nach wie vor weitgehend auf die umlagefinanzierte Gesetzliche Rentenversicherung (GRV), in die auch die Selbständigen einbezogen wurden und deren Bestimmungen schrittweise für Beamt*innen zur Anwendung kommen. 

In unserem Nachbarland sind aber nicht nur die durchschnittlichen Renten höher. Das dortige System lässt auch weniger Altersarmut zu. Mehr dazu im Böckler Impuls, Ausgabe 18/2017. Kritiker*innen sagen: Das vergleichsweise hohe Rentenniveau in Österreich sei langfristig nicht finanzierbar. Diese Annahme widerlegt eine Studie aus dem Jahr 2018. Tatsächlich ist am Beispiel Österreich zu sehen, wie leistungsfähig umlagefinanzierte Rentensysteme sind.

Weitere Informationen

Pressemitteilung (02/2025): „Stabilisierung des Rentenniveaus verbessert Renten-Rendite für alle Jahrgänge zwischen 1940ern und 2010

Magazin Mitbestimmung 03/2023: „Alt werden – eine Frage des Einkommens

Magazin Mitbestimmung 02/2025: „Zehntausende Euro mehr im Alter

WSI-Blog, Teil 17/2025: „Umlagefinanzierte Alterssicherung funktioniert – auch wenn die Bevölkerung altert

Böckler Impuls 04/2025: „Erwerbsminderung statt Frührente

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