zurück
Die Mitglieder des Betriebsrats des Hamburger Kita-Betreibers Elbkinder halten Plakate hoch gegen Rassismus und Rechtsextremismus Magazin Mitbestimmung

Deutscher Betriebsrätepreis: Engagiert für Vielfalt

Ausgabe 05/2026

Mit einer kreativen Plakatkampagne kämpft der Betriebsrat des Hamburger Kita-Betreibers Elbkinder gegen Rassismus und Rechtsextremismus – im eigenen Unternehmen. Von Joachim F. Tornau

In Zeiten wachsender Ressentiments und des politischen Trends nach rechts reicht ein reines Bekenntnis zu Vielfalt nicht aus. Das wurde dem Betriebsrat des Hamburger Kita-Betreibers Elbkinder spätestens während der Corona-Pandemie klar. Roland Schneider, der stellvertretende Vorsitzende des Betriebsrats, erinnert sich an diese Zeit. Einzelne Beschäftigte hätten Verschwörungserzählungen verbreitet oder im Sinne der Reichsbürger-Ideologie die Legitimität des deutschen Staats bestritten. Eine Kollegin habe sich offen mit dem Besuch eines Rechtsrock-Festivals gebrüstet. Und andersherum habe sich ein Kollege bis zur Rente nicht getraut, im Betrieb zu erzählen, dass er schwul sei. Die Betriebsratsvorsitzende Marina Jachenholz beobachtet die Entwicklung mit Sorge: „Die Entdemokratisierung, die ich in der Gesellschaft wahrnehme, schmerzt mich.“

Dabei hatte sich der Kita-Träger Vielfalt schon lange auf die Fahnen geschrieben. Das Bekenntnis prangte seit Jahren in Regenbogenfarben auf allen Publikationen, E-Mails und Stellenausschreibungen. Und die Vielfalt zeigt sich auch im Betrieb. Knapp 7000 Beschäftigte aus mehr als 40 Ländern kümmern sich bei den Elbkindern um 32.000 Kinder mit noch viel mehr Nationalitäten. Mehr als100 verschiedene Sprachen, so heißt es, werden in den 169 Einrichtungen gesprochen. „Doch spätestens in der Corona-Pandemie hat sich gezeigt, dass wir auch bei Elbkinder ein Problem mit rechtem Gedankengut haben“, sagt Schneider. Seine Betriebsratskollegin Annette Kremp stellt, fest: „Das politische Klima hat sich verschoben.“ In der Belegschaft oder unter den Eltern gebe es mittlerweile sicher auch Menschen, die mit der AfD sympathisieren.

Die Werte von Demokratie und Vielfalt müssten daher offensiv verteidigt werden, auch und gerade im Betrieb. Vor den Wahlen zur Hamburger Bürgerschaft und zum Bundestag startete das Gremium deshalb eine innerbetriebliche Plakatkampagne. Das Projekt wurde bereits mit dem Paula-Mielke-Preis für Vielfalt und Zivilcourage der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi Hamburg ausgezeichnet und ist nun auch für den Deutschen Betriebsräte-Preis 2026 nominiert. Acht verschiedene Plakatmotive hat der Betriebsrat entworfen und gestaltet. Auf fast allen werden Äußerungen von AfD-Vertretern mit Bildern aus der Kita-Welt und Kinderversen kontrastiert. Da steht etwa die Ankündigung von millionenfacher Abschiebung unter einem Foto dunkelhäutiger Erzieherinnen und dem Reim „Ene-mene-mu und weg bist du?“ Oder die Beschimpfung der einstigen Gastarbeiter als „Gesindel“ unter dem Bild einer freundlichen Kopftuchträgerin, dazu der Satz „Ich sehe was, was du nicht siehst“. Um keine Schwierigkeiten mit Persönlichkeitsrechten zu bekommen, sind die Schwarzweißbilder KI-generiert, bewusst offensichtlich.

Sämtliche Plakate tragen dieselbe Botschaft: „In unseren Einrichtungen ist kein Platz für rechtsextremes Gedankengut und diskriminierende Haltungen.“

Das Konzept wurde im Betriebsrat, der aus Verdi- und zum kleineren Teil aus GEW-Mitgliedern besteht, lange und kontrovers diskutiert. Ist das nicht vielleicht überzogen? Könnte es Ärger geben? Oder eine Klage der AfD? Ist so eine Positionierung überhaupt Aufgabe des Betriebsrats? Am Ende wurde die Aktion dann aber einstimmig beschlossen. Man habe die Beschäftigten auf emotionaler Ebene und einfacher Sprache erreichen wollen, sagt Betriebsrätin Krapp. „Wir wollten Gedanken auslösen, was die Menschen bei einer rechtsextremen Politik zu erwarten hätten.“

Bei einer Betriebsversammlung wurden die Plakate erstmals der Belegschaft präsentiert. „Die Kolleginnen und Kollegen haben uns zum Teil fürchterliche Geschichten erzählt“, berichtet Vizevorsitzender Schneider. „Dass sie beschimpft wurden, weil sie Kopftuch tragen.“ Kritik an den Plakaten gab es nicht, im Gegenteil. Die Aktion, findet er, habe ihr Ziel erreicht: die zu ermutigen, die von Diskriminierung betroffen sind, die sich für demokratische Werte stark machen wollen. „Und die zum Schweigen zu bringen, die rechtes Gedankengut in den Betrieb tragen möchten.“

Für den Elbkinder-Betriebsrat ist die Plakatkampagne keine Eintagsfliege. Bereits zuvor hatte das Gremium erreicht, dass sich das Unternehmen der Initiative „Welcoming Out“ anschloss, um damit seine Offenheit auch für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt zu unterstreichen. In diesem Sommer war Elbkinder dann nach jahrelangen Bemühungen des Betriebsrats erstmals mit einem Stand beim Straßenfest der Hamburger Prideweek vertreten und beteiligte sich mit einer Gruppe offiziell an der großen CSD-Demonstration.

„Wir sind laut und werden laut bleiben“, sagt die Vorsitzende Jachenholz. „Wir sind politisch und stehen zu unserer Haltung.“ Irgendwelche Bedenken, damit gegen Neutralitätspflichten zu verstoßen, wie sie von der AfD gerne behauptet werden, um Kritiker mundtot zu machen, hegt die Beschäftigtenvertretung nicht. „Wir haben keine Neutralitätspflicht gegenüber Rassismus oder Deportationsfantasien“, betont Vizevorsitzender Schneider. „Das könnten wir auch mit unserem Job nicht vereinbaren.“

Zugehörige Themen