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Die Betriebsrätinnen des Chemiekonzerns Arkema in Leuna Magazin Mitbestimmung

Deutscher Betriebsrätepreis: Damit alle etwas davon haben

Ausgabe 05/2026

Der Betriebsrat des Chemiekonzerns Arkema in Leuna schreibt mit seinem Projekt „Zusätzliche Gesundheitsvorsorge“ Erfolgsgeschichte. Für sein Engagement ist das Gremium für den Deutschen Betriebsrätepreis nominiert, der im September in Berlin verliehen wird. Von Jeannette Goddar

Für den Betriebsrat des Chemiekonzerns Arkema in Leuna war es eine Frage der Gerechtigkeit. Wie lässt sich ein sozialpartnerschaftlich vereinbarter Demografiefonds so nutzen, dass wirklich alle in der Belegschaft etwas davon haben? Der Fonds ist Bestandteil eines Tarifvertrags, den die Gewerkschaft IGBCE bereits vor 15 Jahren für die ostdeutsche Chemieindustrie ausgehandelt hatte. 2,5 Prozent der Bruttolöhne fließen in den Fonds. Das Geld soll Arbeitszeit an unterschiedliche Lebensphasen anpassen: Wer älter ist, kann daraus zusätzliche Entlastungszeit bekommen. Auch wer Angehörige pflegt oder Kinder erzieht, profitiert.

In dem Werk auf dem Gelände der ehemaligen DDR-Chemiewerke produzieren 46 Beschäftigte Wasserstoffperoxid. Doch nicht alle profitierten vom Demografiefonds, erinnert sich das Betriebsratsmitglied Mandy Wilop-Kossmann: „Manche junge Leute meinten, dass sie ja gar nichts von dem Fond haben.“ Es brauchte also eine Idee, die nicht erst in einigen Jahrzehnten oder in speziellen Familienlagen greift.

Die Antwort der Betriebsratsvorsitzenden Anke Jankowski und ihrer Kollegin Mandy Wilop- Kossmann ist so pragmatisch wie erfolgreich: Blutabnahmen, Ultraschall, Krebsvorsorge, EKG. All das können die Beschäftigten inzwischen während der Arbeitszeit beim Werksärztlichen Dienst erledigen. Das Geld dafür kommt aus dem Demografiefonds.

Auf dem Weg dorthin prüfte der Betriebsrat zunächst verschiedene Möglichkeiten. Dazu schauten sie sich an, was andere Unternehmen anbieten, unter anderem eine App, über die Beschäftigte für sportliche Aktivitäten Punkte sammeln und gegen Gutscheine eintauschen konnten. Keine schlechte Idee, fanden sie. „Doch die nutzen ja auch nur die, die jetzt schon Sport machen“, sagt Jankowski. Auch ein Zuschuss zum Fitnessstudio fiel durch – dafür gab es bereits Angebote der Krankenkassen, weswegen auch der Arbeitgeber zurückhaltend reagierte.

Dann fiel der Blick auf den Werksärztlichen Dienst, der in einer ehemaligen Poliklinik gegenüber dem Industriepark sitzt. Die Betriebsrätinnen baten die Leiterin um eine Liste der möglichen Zusatzuntersuchungen. Einiges kam zusammen: Großes Blutbild mit Fett-, Vitamin- und Organwerten, dazu Krebsvorsorge für Blase, Prostata und Darm. „Wir haben mal zusammengerechnet: Was würde es ausmachen, wenn jemand wirklich alles nutzt?“, erzählt Jankowski. Rund 400 Euro kamen zusammen. „Das ist eine umfangreiche Vorsorge, die den Beschäftigten etwas außergewöhnlich Wertvolles bietet.“

Seit Januar stellt der Betriebsrat dieses Budget aus dem Fonds bereit. Für die 46 Beschäftigten bedeutet das: Sie können sich durchchecken lassen, ohne Arzttermine mühsam nach Feierabend organisieren oder selbst zahlen zu müssen. Für Blutabnahmen kommt eine Schwester sogar direkt in den Betrieb. Betriebsratsvorsitzende Jankowski organisiert für die Beschäftigten die Termine – wer lieber selbst mit dem Werksärztlichen Dienst in Kontakt treten möchte, kann das jedoch auch tun.

Der Standortleiter sowie die in Düsseldorf ansässige Geschäftsführung waren schnell überzeugt. „Die haben gleich zugestimmt. Dass das Geld bereits im Fonds lag, hat natürlich sehr geholfen“, sagt Jankowski. So wurde die Gesundheitsvorsorge zur perfekten Ergänzung – relevant für den 25-jährigen Schichtarbeiter genauso wie für die 55-jährige Kollegin. Schon im ersten halben Jahr nutzten rund 80 Prozent der Belegschaft das Angebot, darunter viele Jüngere und überraschend viele Männer.

Was das in der Praxis bedeutet, weiß Christian Thomas. Der 41-jährige Logistiker nahm das Angebot als einer der Ersten an. Über sich selbst sagt er lachend: „Ich bin halt so typisch Mann: Erst wenn es mir wehtut, gehe ich zum Arzt.“ Beim Check-up über den Betrieb waren seine Blutwerte unauffällig. Bei einem Ultraschall wurde jedoch ein Knoten entdeckt, der dann noch einmal genauer untersucht wurde. „Das war schon ein bisschen aufregend“, gibt Thomas zu. „Aber zum Glück war alles gut – und lieber zu früh als zu spät.“

Unter normalen Umständen, glaubt der Logistiker, hätte er sich wohl nicht so gründlich durchchecken lassen. Die Hürde ist dabei oft nicht der Arztbesuch selbst, sondern das Drumherum: In einer ländlichen Region einen Facharzttermin bekommen, Freizeit opfern, kilometerweit fahren, warten. „Zeit ist ja das Kostbarste, was wir haben“, sagt Thomas. Wilop-Kossmann sieht genau hier den entscheidenden Vorteil: „Man darf nicht vergessen, wie groß der Ärztemangel in unserer Region ist.“ Die kurzen Wege sind unschlagbar – und manchmal muss die Belegschaft für die Gesundheit nicht einmal mehr das Werksgelände verlassen.

Anke Jankowski, die im Mai erneut zur Betriebsratsvorsitzenden gewählt wurde, das neue BR-Team, und die jetzt als Ersatzmitglieder gewählten Mandy Wilop-Kossmann und Christian Thomas, haben schon nächste Schritte im Blick: Ein Test zur Schlaganfallvorsorge steht auf ihrer Liste, auch eigene Sprechtage mit Fachärztinnen und Fachärzten, etwa zur Hautkrebsvorsorge, würde der Betriebsrat sie gern anbieten. Außer zum Werksärztlichen Dienst hält Anke Jankowski engen Kontakt zu Krankenkassen. „Wir hören uns stets um, was es Neues gibt. Und wenn es in unser Konzept passt, dann wird nach Möglichkeit erweitert.“

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