Deutscher Betriebsrätepreis: Damit Arbeiten nicht krank macht
Beim Pharma-Großhändler Sanacorp in Langenhagen war die Krankenquote zeitweise so hoch, dass Kündigungen im Raum standen. Der Betriebsrat nahm das nicht hin – heute liegt die Quote bei unter zehn Prozent. Für seinen Einsatz ist das Gremium für den Deutschen Betriebsrätepreis nominiert. Von Jeannette Goddar
Als der Arbeitgeber laut über krankheitsbedingte Kündigungen nachdachte, war für Erdal Akpolat eine Grenze überschritten. „Da habe ich gesagt: Nein, da spiele ich nicht mit.“ Akpolat ist Betriebsratsvorsitzender bei Sanacorp in Langenhagen bei Hannover, und zugleich Gesamtschwerbehindertenvertreter des Pharma-Großhändlers. Der Handlungsdruck war groß: 70 der 180 Beschäftigten waren zeitweise krank, oft über Monate. Nicht nur der Arbeitgeber war unter Druck – sondern auch die, die zur Arbeit kamen und die Abläufe sicherstellen mussten.
Heute gibt es im Flur hinter dem Eingang einen Fitnessraum: mit Matten und Sprossenwand, Trampolin, Fitnessbändern und Hanteln. Im Stockwerk darüber haben Azubis einen Ruheraum eingerichtet. Was aussieht wie ein kleines Fitness- und Erholungsangebot, ist Teil eines umfassenden Wandels im Betrieb.
Denn auf die Androhung, Leute zu entlassen, folgten Monate der Gespräche. „Manchmal hart, manchmal auf Augenhöhe“, sagt Akpolat. Betriebsrat, Abteilungsleitungen und Betriebsleitung sammelten Ideen und legten sie zusammen. Der Betriebsrat holte sich sein Wissen dort, wo Gewerkschafter es finden: bei Sitzungen der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, in der Behindertenpolitik, im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen in anderen Betrieben. „Man entwickelt ja nicht alles selbst. Was woanders gut lief, haben wir geprüft: Passt das zu uns?“
Vieles passte. Mit der AOK, bei der viele Beschäftigte versichert sind, wurden die häufigsten Krankheitsursachen ausgewertet – anfangs vor allem Muskel- und Skelettleiden, zuletzt zunehmend psychische Belastungen. Eine physiotherapeutische Praxis nahm das Lager in Augenschein, beobachtete, wie Menschen am Band stehen, wie sie heben, ob sie in die Knie gehen. Daraus wurden Kurse: erst Rückengymnastik, dann Achtsamkeit und Entspannung, ab dem Herbst ein Kurs zur Stressbewältigung. Zehn Beschäftigte nehmen jeweils teil, freigestellt in einer bezahlten, verlängerten Mittagspause.
Eine der Ersten, die sich in die Liste eintrug, war Astrid Vortmüller, die im Wareneingang tätig ist. Sie prüft eingehende Kartons mit Medikamenten und schiebt sie auf eins der Laufbänder. Nicht ohne, mit 60, und natürlich hat sie Rückenschmerzen. Sechsmal ging sie während der Arbeitszeit in den Rückenkurs. „Das Angebot ist super“, sagt sie – auch weil es vieles vergegenwärtigte, was man eigentlich weiß: Nicht im Hohlkreuz stehen, beim Heben in die Hocke gehen. „Noch besser“, gesteht sie, „wäre natürlich, wenn man dauerhaft zu Hause seine Übungen machen würde.“ Ihr Chef Lutz Bönnighausen, Gruppenleiter Wareneingang, der selbst im Betriebsrat sitzt, sagt: „Ich habe meine Mitarbeiterinnen erst mal vorgelassen. Aber ich gehe auch noch. Irgendwie muss man ja gesund bleiben!“
Parallel wurde in Technik investiert. Wo früher mühsam Hubwagen geschoben wurden, ziehen heute elektrische, höhenverstellbare Flurförderfahrzeuge die Lasten. Büroarbeitsplätze wurden ergonomisch umgerüstet, für eine schwerhörige Kollegin wurde ein spezielles Headset angeschafft. Doch das Geld kam nicht von allein: Akpolat arbeitet eng mit dem Integrationsamt Niedersachsen zusammen und wirbt darüber jährlich Mittel in fünfstelliger Höhe ein – für Minderleistungsausgleiche und Hilfsmittel. Auch die Rentenversicherung trug manchen Zuschuss bei. Doch einiges zahlt – manchmal zähneknirschend, wie Akpolat schmunzelnd zugibt, auch der Arbeitgeber. „Der Betrieb kann ja nur gewinnen: Werden die Leute wieder gesund, kommen sie zurück.“
Klar wird: Es braucht Engagement, immer die passenden Töpfe zu finden. Gut also, dass Akpolat seit mehr als 15 Jahren Betriebsrat und noch länger Schwerbehindertenvertreter ist. Man hört ihm an, wie er sich ins Zeug legt, auch Gespräche mit möglichst vielen Beschäftigten zu führen: Wer die Belastung an seinem Platz nicht mehr aushält, wechselt nach Absprache möglichst auf einen leichteren – ins Sonderlager etwa, wo Medikamente verpackt werden. Warum er das macht? „Sie haben mich dahin gebracht, wo ich bin. Jetzt zahle ich es zurück“, sagt Akpolat über die Kolleginnen und Kollegen, die ihn in den Betriebsrat gewählt haben.
Den vielleicht größten Schritt bedeutete die Neuordnung des Eingliederungsmanagements (BEM), das laut Gesetz länger oder wiederholt erkrankte Beschäftigte bei der Rückkehr unterstützt. Das interne Verfahren hatte kaum getragen; es fehlte an Zeit, aber auch an Expertise. Seit drei Jahren begleitet ein externer Fachmann für Arbeitssicherheit alle BEM-Prozesse. „Er nimmt sich anderthalb Stunden pro Person, erklärt in Ruhe, fragt nach, entwickelt Maßnahmen, kommt wieder. Das ist super hilfreich “, erklärt Akpolat. Die Idee dahinter: Nicht nur darüber zu sprechen, wie jemand an den alten Arbeitsplatz zurückkehrt. Sondern immer auch prüfen, wie sich die Bedingungen verändern lassen – am Arbeitsplatz, bei Arbeitsorganisation oder Arbeitszeit. Das Langenhagener BEM-Modell floss inzwischen in eine Gesamtbetriebsvereinbarung für alle 19 Sanacorp-Standorte bundesweit ein.
Der Erfolg gibt dem Betriebsrat recht: Heute liegt die Krankenquote am Langenhagener Standort bei unter zehn Prozent. Doch Akpolat geht es um mehr als Statistik: darum, Beschäftigte als Menschen zu betrachten, die ihr Leben mit an den Arbeitsplatz bringen, um ein offenes Betriebsklima, ohne stete Kontrolle. „So viel Vertrauen muss sein“, sagt Akpolat.
Die Nominierung für den Betriebsrätepreis würdigt also nicht nur Rückenkurse, technische Hilfsmittel oder ein neues Eingliederungsmanagement. Sie steht für einen Perspektivwechsel: Krankheit nicht als individuelles Problem der Beschäftigten zu behandeln. Sondern auch danach zu fragen, was sich an der Arbeit verändern lässt.