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Kreditinstitute: Kehraus im Kassenraum

Ausgabe 06/2020

Die digitale Revolution krempelt den Bankensektor um. Filialen sterben, Fintechs wachsen – da ist die Mitbestimmung gleich doppelt gefordert. Von Andreas Schulte

Wirklich viel los war in Pulheim-Sinnersdorf noch nie. Aber wegen der Corona-Krise ist es in dem Kölner Vorort derzeit ruhiger denn je. Das Fitnesscenter ist dicht, im Schützenverein St. Hubertus schweigen die Gewehrläufe, und jetzt erwischt es auch noch die letzte Bankfiliale im 6000-Einwohner-Örtchen. „Es kommen nur zwei bis drei Kunden pro Tag“, sagt Tanja Schynke, Sprecherin der Volksbank Erft. Zu wenig, um die Niederlassung wirtschaftlich zu betreiben. Das Institut gibt die Filiale im roten Backsteinbau zum Jahres­ende auf. Immerhin: Die drei Beschäftigten kommen in anderen Niederlassungen unter. 

Das Aus für die kleine Zweigstelle steht stellvertretend für den Umbruch in der Bankenbranche. Konkurrenz durch Digitalbanken, sinkende Margen im Niedrigzinsumfeld und drohende Kreditausfälle durch die Pandemie setzen den Banken zu. Die Geldhäuser reagieren nicht erst seit Beginn der Krise mit massiven Stellenstreichungen und Filialschließungen. 

Mit dem Aderlass der Banken geht zugleich der Aufstieg von Fintechs einher. Diese Zahlungsdienstleister, Kreditgeber oder Anlageberater im Internet luchsen mit rein digitalen Geschäftsmodellen traditionellen Banken zunehmend Geschäft ab. Die Akteure der Mitbestimmung stehen vor einer doppelten Herausforderung: „Im Bankensektor müssen wir betriebsbedinge Kündigungen vermeiden und die Arbeitsbedingungen derjenigen verbessern, die bleiben“, sagt Jan Duscheck, Fachgruppenleiter Bankgewerbe bei Verdi. „Bei den wachsenden Fintechs dagegen gilt es, Mitbestimmung möglichst bald fest zu verankern.“

Die neuen Bergarbeiter 

Eine enorme Aufgabe. Der Bankensektor ist mit rund 550 000 Beschäftigten eine der größten Branchen im Land. Und es sieht so aus, als wären die Banker schon bald die neuen Bergarbeiter. Schon zwischen 2008 und 2018 sank die Zahl der Mitarbeiter im Bankengewerbe laut Bankenverband um rund 100 000 auf 572 000. Bis zum Jahr 2028 könnten nach einer Prognose der Consulting-Firma A. T. Kearney rund die Hälfte der Beraterjobs in Banken wegfallen. „Gefährdet sind alle Jobs, die sich digital ersetzen lassen“, erklärt Duscheck. Einfache IT-Jobs, Tätigkeiten in der Verwaltung und am Schalter etwa – diese Arbeiten erledigt der Kunde mittlerweile mit dem Smartphone. 

Ähnlich drastisch vollzieht sich das Filialsterben. Im Jahr 2008 zählte der Bankenverband noch fast 42 000 Niederlassungen von Geldhäusern in Deutschland, 2018 waren es nur noch knapp 30 000. Diese Zahl werde sich bis 2030 halbieren, hat die Unternehmensberatung Oliver Wyman errechnet. 

Der Schrumpfprozess lässt sich nicht mehr aufhalten. Für Verdi gilt es vor allem, betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden. „Bisher ist uns das gut gelungen“, sagt Jan Duscheck. Dabei klingen die Pläne der Banken furchteinflößend. Bei der Commerzbank etwa stehen in den nächsten Jahren zwischen 7000 und 11 000 der rund 34 000 inländischen Arbeitsplätze zur Disposi­tion. 400 von 1000 Filialen sollen schließen. Die Altersstruktur der Beschäftigten in der Bankenbranche kommt der Arbeit der Gewerkschaft entgegen. Ein Drittel der Mitarbeiter ist älter als 50 Jahre. „Vieles lässt sich über Vorruhestands- und Altersteilzeitregelungen abfangen“, sagt Jan Duscheck. 

Doch die Gewerkschaft hat auch die verbleibenden Mitarbeiter im Fokus. Nach Duschecks Erfahrung überschätzen Banken die Effekte der Digitalisierung. „Erst müssen Mitarbeiter gehen, dann erkennen die Banken, dass ihre digitalen Lösungen doch nicht wie gewünscht funktionieren. Die Mehrarbeit wird anschließend den verbliebenen Kollegen aufgebürdet.“ Bei der Postbank hat Verdi im vergangenen Jahr eine Regelung durchgesetzt, die dies verhindert. Die Deutsche-Bank-Tochter darf Stellen erst dann abbauen, wenn sie nachweist, dass die Digitalisierung tatsächlich das angepeilte Arbeitsvolumen einspart. 

Rendite ohne Mitbestimmung 

Viele Jobs stehen auch wegen Zusammenschlüssen von Banken auf dem Spiel. Gerade kleinere Sparkassen und Genossenschaftsbanken versuchten, durch Zusammenschlüsse Synergieeffekte auf Kosten der Mitarbeiter zu erzielen. Weitere Fusionen sind angekündigt. Von Arbeitnehmerseite droht dabei weniger Widerstand als bei Großbanken. Bei Deutscher Bank und Commerzbank hatte Verdi 2019 noch mit Streiks dazu beigetragen, dass die geplante Elefantenhochzeit beider Institute am Ende abgeblasen wurde. Mehr als 30 Prozent beträgt laut Verdi der Organisationsgrad bei der Commerzbank, bei anderen Großbanken sind es im Schnitt 15 bis 18 Prozent. Aber: „In vielen kleineren Ins­tituten existiert die Gewerkschaft praktisch nicht“, sagt Duscheck.

So ist es auch bei den Fintechs: Tarifverträge gibt es in den oft noch kleinen Unternehmen nicht. Einen Betriebsrat hat lediglich eine Handvoll der rund 900 deutschen Fintechs. Bekannt sind nur die Gremien bei der Digitalbank N26, beim Zahlungsdienstleister Paypal und bei der insolventen Wirecard, der nach der Insolvenz gegründet wurde – allesamt Firmen, die zu Konzerngröße herangewachsen sind. „Wir kriegen erst ganz allmählich einen Fuß in die Tür der Fintechs“, sagt Kevin Voss, der bei Verdi für dieses Segment zuständig ist. Eine internationale Belegschaft, viele Freiberufler und ortsunabhängiges Arbeiten erschweren die Organisation. Hinzu kommt: Bei Fintechs arbeiten weniger Finanzexperten als IT-Fachleute. „ITler sind weniger gewerkschaftsaffin als Banker“, sagt Voss. 

Voss erkennt bei Fintechs überwunden geglaubte Muster vergangener Tage. „Viele Fintech-Manager verhalten sich wie früher Unternehmenspatriarchen. Sie wollen sich von Betriebsräten und Gewerkschaften nicht in die Suppe spucken lassen.“ Häufig sind die jungen Fintechs auf Fremdkapital angewiesen. Wenn sich Beschäftigte dann für einen Betriebsrat starkmachen, erzählt Voss, heißt es: „Der Investor will keinen Betriebsrat. Du schreckst ihn ab.“

Betriebsräte sind ein Thema, über das Fintechs nur ungern sprechen. Zwei der angefragten Unternehmen skizzierten ihre selbst entwickelten Alternativmodelle zur Mitbestimmung in wenigen Zeilen schriftlich: „Wir nutzen monatliche sogenannte Pulse-Checks, also interne digitale Mitarbeiterbefragungen, innerhalb derer wir anonymisiert die Stimmungen und Befindlichkeiten von Mitarbeitern erheben“, erläutert die Digitalbank Liqid. Und die Onlinebank Deposit Solutions teilt mit: „Wir informieren unsere Mitarbeiter transparent, ermutigen sie dazu, sich mit ihren Perspektiven einzubringen, und fordern aktiv Bottom-up-Feedback ein. Hierfür nutzen wir digitale und persönliche Kanäle.“ 

Der IT-Branchenverband Bitkom zeigt Verständnis. „In vielen Start-ups können Mitarbeiter aufgrund von Unternehmensgröße und -struktur sowie flacher Hierarchien viel unmittelbarer Einfluss nehmen als durch einen Betriebsrat“, sagt Kevin Hackl, Referent für digitales Banking. Verdi-Mann Voss indes hält wenig von der wolkig formulierten Do-it-yourself-Mitbestimmung: „Ein Gespräch beim kostenlosen Kaffee hilft bei einem wirklichen Konflikt nicht weiter. Da fehlt die gesetzliche Grundlage, auf die sich ein Betriebsrat stützen kann.“ 

Wie groß die Abneigung von Fintechs gegenüber der Mitbestimmung ist, zeigt der Fall der Internetbank N26 mit ihren 1500 Mitarbeitern. Als sich in der Belegschaft eine Initiative für eine Betriebsratswahl bildete, polterte Gründer Valentin Stalf, ein Betriebsrat widerspreche „fast allen Werten“ des Unternehmens und sei „nicht zeitgemäß“. Immer wieder zitierte er die Initiatoren zu Meetings: „Ihnen wurde gedroht“, sagt der Betriebsbetreuer und Verdi-Sekretär Oliver Hauser. „Der Arbeitgeber wollte sie für etwaige Corona-Ansteckungen bei der geplanten Wahlveranstaltung haftbar machen.“

Doch die Initiatoren ließen sich nicht beirren. Daraufhin erwirkte Stalf eine einstweilige Verfügung gegen die von Verdi organisierte Versammlung. Am Ende gewann die Solidarität: Die IG Metall hebelte den Gerichtsbeschluss aus, indem sie kurzfristig anstelle von Verdi als Veranstalter einsprang. Die Wahl fand statt, seit Anfang November hat N26 einen Betriebsrat.

Dass mit N26, Paypal und Wirecard ausgerechnet die Größten der Fintech-Branche betrieblich mitbestimmt sind, ist für Voss kein Zufall. „Irgendwann treten auch bei Fintechs die aus anderen Branchen bekannten Konflikte auf: schlechte Bezahlung, Überlastung, fehlende Karriereaussichten“, sagt er. Auch für Banken-Fachgruppenleiter Duscheck ist das Erstarken der Mitbestimmung bei Fintechs daher vor allem eine Frage der Zeit: „Betriebsräte und Tarifverträge passen ab einer gewissen Unternehmensgröße auch in die Welt der Fintechs. Da bin ich optimistisch.“

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