Arbeitswelt: Vollzeit mit 70?
Beschäftigte im Rentenalter werden die Fachkräftelücke nicht schließen. Daran ändert auch die Aktivrente nichts.
Menschen, die eigentlich in den Ruhestand gehen könnten, bleiben heute häufiger erwerbstätig als ein Jahrzehnt zuvor. Allerdings arbeiten sie meist nur wenige Stunden in der Woche. Das Potenzial, die Beschäftigung zu steigern und den Fachkräftemangel zu mildern, ist begrenzt. Das zeigt der jüngste Altersübergangsreport des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung.
Seit rund 20 Jahren nimmt die Erwerbsbeteiligung Älterer zu. Über das Rentenalter hinaus arbeiteten nach Angaben der Rentenversicherung Ende 2023 rund 1,5 Millionen Menschen. Die meisten taten das im Minijob, sozialversicherungspflichtig beschäftigt waren etwa 280 000 Rentnerinnen und Rentner.
Die Zahl erwerbstätiger Menschen jenseits der Regelaltersgrenze hat in den vergangenen Jahren stetig zugenommen. Das hat, erklärt IAQ-Forscher Martin Brussig, auch demografische Gründe: Die Babyboomer kommen ins Rentenalter. Ein anderer Effekt wirkt in die Gegenrichtung: Weil die Altersgrenzen steigen, gibt es weniger „junge“ Rentner, die parallel zum Rentenbezug weiterarbeiten könnten.
Mittels der jüngsten verfügbaren Mikrozensus-Daten des Statistischen Bundesamts hat Brussig die arbeitenden Rentnerinnen und Rentner unter die Lupe genommen. Es zeigt sich: Mit steigendem Alter geht der – ohnehin geringe – Anteil der Vollzeitbeschäftigten zurück. Schon von den 65- bis 69-Jährigen kommt die Hälfte auf weniger als 15 Wochenstunden.
Erwerbstätige Rentenbeziehende sind überdurchschnittlich häufig männlich, leben eher in West- als in Ostdeutschland und sind meist mittel oder höher qualifiziert. Ihr Anteil an allen Beschäftigten ist im Handel oder in Dienstleistungsberufen, die eine hohe Qualifikation erfordern, am größten. In Branchen wie dem verarbeitenden Gewerbe ist er geringer.
In absoluten Zahlen liegt das produzierende Gewerbe bei der Beschäftigung von Rentnern dennoch vorn – was einfach an der Größe der Branche liegt. Bei den Rentnerinnen nimmt das Gesundheits- und Sozialwesen die Spitzenposition ein. In der öffentlichen Verwaltung, einem weiteren relativ großen Wirtschaftszweig, gibt es keine nennenswerten Geschlechterunterschiede. Hier arbeiten relativ viele ältere Frauen und Männer – allerdings nur recht wenige, die bereits Rente beziehen. Das spricht laut Brussig dafür, dass es weniger die Arbeitsbedingungen sind als vielmehr die Personalpolitik der Verwaltungen, die der Beschäftigung von Rentenbeziehenden entgegensteht.
Brussig rechnet damit, dass die Erwerbsbeteiligung von Rentnerinnen und Rentnern in den kommenden Jahren weiter steigen wird. Wenn diese Entwicklung unterstützt werden solle, sei es vor allem an den Betrieben, für eine „altersgerechte Arbeitsgestaltung und eine Personalpolitik“ zu sorgen, „die bei Bedarf auch Rentnerinnen und Rentner einbindet, ohne andere Beschäftigte zu verdrängen“. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen – Stichwort Aktivrente – spielen eher eine untergeordnete Rolle. Insgesamt, konstatiert Brussig, werden erwerbstätige Rentnerinnen und Rentner keinen großen Beitrag leisten können, um Fachkräftelücken zu schließen. Schon wegen der üblicherweise geringen Stundenumfänge. Mit Blick auf ältere Beschäftigte sei das wesentliche Problem nach wie vor ein anderes: In vielen Jobs halten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bei den gegebenen Arbeitsbedingungen aus gesundheitlichen Gründen nicht einmal bis zur regulären Altersgrenze durch.
Martin Brussig: Erwerbstätigkeit im Rentenbezug: Entwicklungen und Strukturen, Altersübergangs-Report 1/2026, Januar 2026