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Spaltung statt Solidarität Böckler Impuls

Mitbestimmung: Spaltung statt Solidarität

Ausgabe 14/2026

Sie nutzen die Zukunftsängste von Beschäftigten aus und inszenieren sich als „Kümmerer“. So versuchen rechte Listen, in den Betrieben Fuß zu fassen, Debatten zu verschieben und Konflikte zuzuspitzen.

Auch vor den Werkstoren machen Rechtspopulismus und extreme Rechte nicht halt. Der Verein „Zentrum“, der zuerst in der Automobilindustrie aktiv war, ist inzwischen auch in anderen Branchen präsent. Er bezeichnet sich als „alternative Gewerkschaft“ und unterhält Verbindungen zur AfD sowie zu anderen rechten Netzwerken. Welche Strategien und Narrative der Verein nutzt, um Stimmen zu gewinnen, analysieren Maurice Laßhof und Ulrich Brinkmann von der Technischen Universität Darmstadt. Ihre Studie ist Teil eines mehrjährigen Forschungsprojekts zu Betriebsratswahlen in Zeiten von Transformation und Rechtspopulismus, das von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert wird. Die empirische Grundlage bilden quantitative und qualitative Befragungen von Beschäftigten, Interviews mit Betriebsrätinnen und Betriebsräten, Mitgliedern von Jugend- und Auszubildendenvertretungen sowie weiteren Expertinnen und Experten. 

Kontakt zum rechten Spektrum

Die „rechtsextreme Pseudogewerkschaft“ knüpfe an reale arbeitsweltliche Erfahrungen an und übersetze diese situativ flexibel in autoritäre, verschwörungsideologische und gewerkschaftsfeindliche Deutungen, schreiben die Forscher. Die Kontakte zu Akteuren und Organisationen des rechten Spektrums in Politik und Gesellschaft zeigen, dass betriebliche Präsenz und außerbetriebliche rechte Gegenöffentlichkeit systematisch miteinander verschränkt werden. 

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Christina Schildmann, Direktorin der Forschungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung, erklärt dazu: „Rechte Populisten machen auch vor dem Betriebstor nicht Halt. Die gute Nachricht dieser Studie: Man kann sie mit Gegenstrategien stellen.“

Zwar konnte Zentrum die Zahl seiner Mandate bei den Betriebsratswahlen im Frühjahr 2026 nach ersten Erkenntnissen nur leicht erhöhen. Das ist jedoch kein Grund zur Entwarnung, denn die betriebliche Bedeutung rechter Listen zeigt sich nicht allein in Wahlergebnissen. Auch eine zahlenmäßig kleine Gruppe kann Debatten verschieben, Misstrauen schüren und Belegschaften spalten. Dass Akteure vom rechten Rand gesellschaftliche und politische Konflikte zunehmend in die Betriebe hineintragen, dürfte sich daher nicht so schnell ändern. Das hängt auch mit der schwierigen wirtschaftlichen Lage in der Automobilindustrie zusammen. Sinkende Erträge, eine schwächelnde Nachfrage und eine stärkere Konkurrenz aus Fernost – vor allem in Form günstiger Elektroautos – setzen die deutschen Hersteller unter Druck. Die Folge sind massive Sparprogramme und der Abbau von Arbeitsplätzen. Viele Beschäftigte machen sich Sorgen um die Zukunft. „Wer sich über Jahre, teils über Generationen, eng mit ‚seinem‘ Betrieb identifiziert hat, erlebt nun, dass Erfahrung, Leistung und Bindung kaum noch anerkannt werden und die eigene berufliche Lebensleistung entwertet wird“, so Laßhof und Brinkmann.

Zentrum inszeniert „Kümmerer-Politik“

Hier setzt Zentrum an: „Die ökologische und digitale Transformation, der Abbau industrieller Facharbeit, Outsourcing, Personalabbau, Leiharbeit, Leistungsverdichtung und wachsende Zukunftsunsicherheit erzeugen eine arbeitsweltliche Krisenkonstellation, an die betriebspopulistische Deutungsangebote anschließen“, schreiben die Forscher. Die Vertreterinnen und Vertreter von Zentrum inszenierten eine „Kümmerer-Politik“. Sie setzten auf hohe Präsenz und persönliche Ansprache. Statt dabei den Interessengegensatz zwischen Kapital und Arbeit zu thematisieren oder das Management zu kritisieren, machten sie primär die IG Metall und Betriebsräte für Schwierigkeiten verantwortlich.

Dass Betriebsräte und Gewerkschaften unter schwierigen Bedingungen agieren – verschärfte Standortkonkurrenz, sinkende Tarifbindung und begrenzte Machtressourcen – blende Zentrum aus. Stattdessen würden mit der Arbeitgeberseite ausgehandelte Kompromisse als Ausdruck von Korruption und Kumpanei hingestellt, so die Forscher. Das Ziel sei, die Belegschaft zu spalten: auf der einen Seite die „einfache Belegschaft“, auf der anderen die angeblich „korrumpierten Betriebsräte und Gewerkschaften“.

Diese Inszenierung von Konfliktlinien („Wir gegen die anderen“) ist eine bekannte Strategie von Rechtspopulisten: Während die AfD mit Vorliebe Stimmung gegen die „politischen Eliten“ in Berlin oder Brüssel („oben“) und Migrantinnen und Migranten sowie „kulturelle Fremde“ („außen“) macht, überträgt das Zentrum dieses Muster auf den Betrieb und codiert es dabei neu: Die Beschäftigten erscheinen als vermeintlich einheitliche „Betriebsgemeinschaft“. IG Metall und etablierte Betriebsräte werden dagegen als „betriebspolitische Elite“ dargestellt; die IG Metall zugleich als „betriebsfremde Eingriffsmacht“. Sie wird damit zur „hybriden Gegnerin“ auf beiden Konfliktachsen, so die Forscher. 

Sichtbar sein und Beteiligung ermöglichen

Gerade weil Zentrum selbst nicht tariffähig ist, würden tarifvertragliche Regelungen als partikularistische „Klientelpolitik“ schlechtgemacht. Man selbst sei dagegen „für alle“ da, einschließlich der Leiharbeitskräfte und der Nicht-Gewerkschaftsmitglieder. Wobei Zentrum seine Strategie je nach betrieblicher Konfliktlage situativ anpasse, so Laßhof und Brinkmann: In manchen Fällen würden Ressentiments zwischen Stammbelegschaft und Leiharbeitskräften bewusst geschürt. Rassistische oder nationalistische Narrative würden hingegen weniger bedient, zumindest nicht offen. Das wäre auch nicht sonderlich erfolgversprechend, da der Anteil von Beschäftigten mit Einwanderungsgeschichte in vielen Industriebetrieben hoch ist. 

Was können Betriebsräte und Gewerkschaften tun, um den Rechten etwas entgegenzusetzen? Eine Skandalisierung rechter Listen sei notwendig, reiche aber nicht aus, so die Forscher. „Dort, wo Belegschaften periodisch gemeinsam streiten, verhandeln und auch Niederlagen bewusst verarbeiten, entstehen demokratische Selbstwirksamkeitserfahrungen, die den Nährboden für autoritäre und betriebspopulistische Erzählungen austrocknen können“, so die Autoren. Zu den wirksamen Gegenstrategien gehöre daher, im Arbeitsalltag sowie in Konflikten um Arbeitsbedingungen, Arbeitsplätze und Mitbestimmung sichtbar zu sein, Entscheidungen transparent zu machen und offene Beteiligungsformate zu etablieren.
 

Neutral oder mit Haltung – was gilt am Arbeitsplatz? Ernesto Klengel vom HSI, Tim Wolff von der GEW und der Jurist Jonas Deyda sprechen auf der LABOR.A darüber, dass unsere Rechtsordnung keine „Neutralitätspflicht” in der Arbeitswelt vorsieht, sondern von einer pluralen Gesellschaft ausgeht, in der Rassismus und Menschenfeindlichkeit keinen Platz haben.
 

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