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PR-Vertreterin Kathleen Kollewe vor dem Stahlwerk von ArcelorMittal in Eisenhüttenstadt: „Man muss zwischen Wirtschaft und Politik übersetzen.“ Stipendien Magazin Mitbestimmung

Altsipendiatin: Die Stahlfrau

Ausgabe 10/2013

Kathleen Kollewe ist Public-Affairs-Managerin bei ArcelorMittal. Immer im Blick: gute Argumente für die Stahlindustrie.

Von Karin Hirschfeld

Mein Herz schlägt für den Stahl.“ Die Frau, die das sagt, trägt keine Schutzkleidung und bekommt die Glut der Hochöfen nur manchmal zu Gesicht: Das nächste Hüttenwerk liegt von ihrem Berliner Büro gut 100 Kilometer entfernt im brandenburgischen Eisenhüttenstadt. Doch der Werkstoff Stahl bewegt die 42-jährige Politikexpertin. „Über 2000 neue Stahlsorten wurden in den vergangenen zehn Jahren entwickelt“, schwärmt sie für die Innovationskraft der Branche, die schon lange nicht mehr „old economy“ ist. „Manager Public and Governmental Affairs“ steht auf ihrer Visitenkarte, eine Tätigkeit, zu der Öffentlichkeitsarbeit ebenso gehört wie Informationsaustausch und Kontaktpflege zu Politik, Verbänden und Verwaltungen. Vor fünf Jahren kam Kollewe zu ArcelorMittal, dem größten Stahlproduzenten weltweit, der hierzulande mit knapp 8000 Beschäftigten in Bremen, Hamburg, Duisburg und Eisenhüttenstadt produziert. Anfangs arbeitete die quirlige Frau, die in ihrer offenen Art kaum dem Klischee des glattzüngigen Lobbyvertreters entspricht, im Personalbereich, angebunden an die montanmitbestimmte Institution des Arbeitsdirektors, in der Kollewe eine besondere Stärke der Branche sieht.

Nun ist sie Public-Affairs-Managerin und befasst sich insbesondere mit Industrie-, Klima- und Energiepolitik. Derzeit stehen der Emissionshandel auf der Agenda, der Anreize zur Begrenzung des CO2-Ausstoßes setzt und das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). „Viele Konzepte sind umwelt- und energiepolitisch gut gemeint, aber in der konkreten Umsetzung problematisch.“ So mahnt die Stahlbranche technisch realisierbare Reduktionsziele beim Schadstoffausstoß an und befürchtet Standortnachteile im globalen Wettbewerb. Zugleich streben die Unternehmen nach verbesserten Rahmenbedingungen für umweltfreundliche Innovationen – zum Beispiel bei der Verstromung von Reststoffen im Produktionsprozess.

Zu Kathleen Kollewes Ansprechpartnern zählen Verbände sowie Referenten des Bundesumwelt- und Wirtschaftsministeriums ebenso wie Abgeordnete des Bundestags. „Ich sehe mich als Vermittlerin und Brückenbauerin“, sagt Kollewe, „denn Politiker sind auf Expertise aus der Wirtschaft angewiesen.“ Als studierte Politikwissenschaftlerin und Volkswirtin spricht sie die Sprache beider Welten. Die Analyse des politischen Rahmens nimmt einen großen Teil ihres Arbeitsalltags ein – ob es nun um Kosten der Reststoffverstromung geht oder potenzielle Jobeffekte der EEG-Umlage. Vom „Power-Lobbying“ aber, bei dem Entscheidungsträger regelrecht belagert werden, grenzt Kollewe sich ab: „Zu unserer Arbeit gehört der Respekt vor der Willensbildung unseres Gegenübers. Da hilft aufdringliches Intervenieren nicht.“ Auch auf Abendveranstaltungen ist sie kaum anzutreffen: „Wir machen keine Deals bei einem Glas Bier.“ Als Mutter eines vierjährigen Sohnes kommt ihr das sehr entgegen: „Die Stunden nach dem Kindergarten gehören dem Jungen.“ Später am Abend arbeitet sie dann oft am Computer weiter – ein mitunter anstrengendes Arrangement, das sie aber durchaus positiv bewertet: „Die männergeprägte Präsenzarbeitszeit aufzubrechen ist ein wichtiger Schritt hin zu mehr Vereinbarkeit von Familie und Beruf.“

In Wurzen bei Leipzig geboren, wuchs Kollewe in einem einfachen Elternhaus auf. Ihre Mutter war ungelernte Anwaltssekretärin, der Vater Schlosser in der Maschinenfabrik Wurzen. „Er brachte mir das Schweißen und Löten bei. Und er nahm mich mit in die Eisengießerei.“ Dort sah das junge Mädchen begeistert, wie die Sandformen entstanden und das Eisen unter sprühenden Funken hineingegossen wurde. Eine prägende Erfahrung.

Doch zunächst lernte sie den Erzieherinnenberuf und war ehrenamtlich in der Kinder- und Jugendhilfe tätig. Als sie sich entschied, auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur zu machen, fiel ihr Blick auf ein Poster der Hans-Böckler-Stiftung. Sie bewarb sich und war von da an mehrfach Stipendiatin – vom Abitur über das Studium in Berlin bis zur anstehenden Promotion – Kollewe promoviert derzeit über Corporate Social Responsibility.

Sie war auch Praktikantin beim Europäischen Metallgewerkschaftsbund und am Europäischen Gewerkschaftsinstitut, wo sie sich mit Industriepolitik und Mitbestimmung befasste – Themen, denen sie treu blieb. Kathleen Kollewe trat in die IG Metall ein und engagierte sich bei der Hans-Böckler-Stiftung in Stipendiatengruppen, Auswahlausschüssen und im Kuratorium. „Die Gremienarbeit hat mich sehr geprägt: Ich lernte, wie man konstruktiv streitet, und habe sehr interessante Menschen getroffen“, betont die heutige Publc-Affairs-Vertreterin von Arcelor Mittal.

Freizeit? Wenn sie sich mal so richtig entspannen will, zieht es Kathleen Kollewe nicht unbedingt in den Wald. Auf einer Anhöhe sitzen, ein Stahlwerk vor Augen – einen erhebenderen Anblick gebe es für sie nicht.


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