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Porträtfoto von Sebastian Reissig mit Gebäude im Hintergrund Magazin Mitbestimmung

Altstipendiat: Der Vielseitige

Ausgabe 01/2026

Steffen Reißig kennt das Callcenter ebenso gut wie den Campus. Heute ist er Gewerkschafter. Bei seiner Arbeit zehrt er von den Erfahrungen seiner wechselvollen Karriere. Von Martin Kaluza

Leipzig, sagt Steffen Reißig, war mal eine richtige Arbeiterstadt. „Zu Wendezeiten gab es hier 100 000 Industriearbeiter. Fünf, sechs Jahre später kam der Tiefpunkt mit nur noch 11 000. Und das, was hier an Industrie übrig blieb, wurde von der IG Metall hart erkämpft.“ Er sagt das nicht ohne Stolz auf seine Vorgänger. Seit vier Jahren leitet er die IG Metall-Geschäftsstelle in Leipzig.

Die Stadt, in die er zum Studium kam, wuchs ihm direkt ans Herz. Er kann von Leipzig schwärmen, ohne die Herausforderungen zu beschönigen, im Gegenteil: Er gehört zu der Sorte Menschen, die Probleme angehen. Weil, von selbst lösen sie sich ja nicht. Steffen Reißig stammt aus Erfurt. Als die Mauer fiel, war er acht Jahre alt. In den Mittneunzigern erlebte er dort die sogenannten „Baseballschlägerjahre“. Neonazis prägten das Stadtbild. Man brauchte nur Skateboard zu fahren, schon geriet man bei ihnen ins Visier. „Es war klar: Da wird dir nichts geschenkt, du musst etwas tun, dich zusammenschließen, sichtbar sein.“ Er begann, sich politisch zu engagieren, ging auf Demos und sah gleichzeitig, wie Arbeitslosigkeit und Strukturwandel seine Heimatstadt veränderten.

„Viele fuhren dann zum Arbeiten nach Bayern, Hessen oder Baden-Württemberg“, sagt er. Nach dem Abi ging auch er nach Süddeutschland. Ließ sich von Zeitarbeitsfirmen in Autofabriken einsetzen, im Callcenter und bei der Müllabfuhr, fuhr Gabelstapler  im Großlager – alles dabei. „Damals war Zeitarbeit noch völlig unreguliert, es gab weder Tarif noch Mindestlohn.“ Es war eine schwierige Zeit, heute als Gewerkschafter sieht er darin auch einen Erfahrungsschatz.

Eine Mittagspause wurde zum Schlüsselerlebnis: Wie schon oft beklagten sich seine Kollegen über ihre prekäre Lage, doch das Gespräch blieb in einem „irgend jemand müsste mal“ stecken. „Da habe ich mir gedacht: Du musst selbst Verantwortung übernehmen. Ich habe angefangen, mich in den Gewerkschaften zu engagieren.“

Bei der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen in Thüringen trat er eine Teilzeitstelle an, machte Bildungsarbeit. Mit 22 dann das Gefühl: „Jetzt musst du noch mal was für dich selbst machen.“ Aus der Hauptamtlichkeit heraus bewarb er sich um ein Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung, ging nach Leipzig und schrieb sich für das ein, was ihn am meisten interessierte: Philosophie und Geschichte.

Eine Unilaufbahn kam für ihn nach dem Abschluss nicht infrage. Stattdessen öffnete sich eine Tür bei der IG Metall Leipzig: 2009 begann er als Jugendsekretär, wechselte einige Male die Stelle, aber nie den Arbeitgeber. Seit 2022 ist er der Erste Bevollmächtigte der Geschäftsstelle. 17 500 Mitglieder organisiert die IG Metall hier, die meisten aus der Automobilbranche. Reißig hat schon öfter bemerkt, wie überrascht einige Auswärtige sind, wenn sie erfahren, dass Leipzig mittlerweile der größte Automobilstandort in Ostdeutschland ist. BMW und Porsche produzieren hier, beide mit Zukunftsplänen für den Standort.

Doch nachdem lange der Fachkräftemangel das größte Thema war, erlebt die Branche derzeit Entlassungen und Insolvenzen. „Als Erstes trifft es die Gruppe der Leiharbeiter und befristete Arbeitsverhältnisse“, sagt er. Das Arbeitsrecht lässt hier Unterschiede zu, wodurch Beschäftigte in verschiedene Gruppen mit unterschiedlichen Rechten gespalten werden. „Ein wichtiger und schwerer Teil unserer Arbeit ist es, Solidarität herzustellen zwischen so verschiedenen Beteiligten“, sagt Steffen Reißig. Aber es lohnt sich: „Wir sind in betrieblichen Auseinandersetzungen stark und haben die Tarifbindung in der Region erhöht. Wenn die Beschäftigten zusammenhalten, gewinnen wir diese Auseinandersetzungen fast immer.“

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