Systemrelevant Podcast: Wie Europas Industrie unabhängiger wird
Mehr Stabilität für Europas Industrie? Der Industrial Accelerator Act soll liefern. Doch wie groß ist der Sprung wirklich? Christina Schildmann und Tom Bauermann diskutieren die Chancen und Risiken.
[17.04.2026]
Wie kann die europäische Industrie im globalen Wettbewerb überleben?
Zum einen muss Europa resilienter werden, also seine Abhängigkeiten von Drittstaaten beziehungsweise vom nicht-europäischen Ausland reduzieren. Zum anderen muss Europa eine zukunftsfähige Industrie aufbauen. Gemeint sind Zukunftstechnologien wie Elektrolyseure, E-Autos oder Batterieproduktion. Dabei helfen soll das Maßnahmenpaket des kürzlich von der EU-Kommission vorgestellten Industrial Accelerator Acts (IAA).
Industrial Accelerator Act soll europäische Industrie unabhängiger machen
Teil des Industrial Accelerator Acts sind sogenannte Local Content Requirements oder Local Content-Vorschriften. Das sind Vorgaben, die Unternehmen dazu anhalten oder verpflichten, einen bestimmten Anteil ihrer Wertschöpfung oder der Vorleistungen im Inland oder in einem definierten Wirtschaftsraum zu erbringen.
Öffentliches Geld – also staatliche Förderung oder öffentliche Aufträge – gebe es für Unternehmen schließlich nicht ohne Bedingung, erklärt Christina Schildmann, Direktorin unserer Forschungsförderung.
Dies habe in Deutschland und Europa lange Zeit keine Rolle gespielt, weil man industriepolitisch in einer ganz anderen Position gewesen sei. Doch Deutschland erlebe aktuell eine „Erosion des Industriestandortes”. 2025 wurden hierzulande mehr als 120.000 Stellen gestrichen. Europa müsse nachziehen, denn andere Staaten seien industriepolitisch weit vorgeprescht. Der IAA sei nun ein Schritt in die richtige Richtung, findet Christina Schildmann.
Aktueller IAA-Entwurf der EU-Kommission weist Lücken auf
Tom Bauermann, Leiter des Referats „Makroökonomie der sozial-ökologischen Transformation” an unserem IMK, sagt: „[Der IAA führt erstmals Regelungen in Europa ein], die wirklich darauf abzielen, dass strategisch wichtige europäische Industrien gestärkt werden.”
Das aktuelle IAA-Dokument der EU-Kommission weist allerdings noch einige Schlupflöcher auf, betonen Bauermann und Schildmann im Podcast. Ein Beispiel: Wenn Europa ein Handelsabkommen mit einem Drittstaat wie Vietnam oder Malaysia habe, könne China diese Lücke nutzen und seine Produkte über dieses Drittland umleiten. Damit sei die Local-Content-Vorgabe hinfällig.
Ein großes Problem sehen die Expert*innen auch darin, dass Stahl im aktuellen Vorschlag ausgenommen ist. Christina Schildmann: „Aus unserer Sicht ist es keine Option, darauf zu verzichten, in Deutschland grünen Stahl zu produzieren. Im Gegenteil – wenn wir wirtschaftlich resilient sein wollen, brauchen wir eine starke deutsche Stahlindustrie und die muss ganz klar grün werden.” Demnach sei es keine gute Idee, sich diesbezüglich komplett vom Ausland abhängig zu machen.
Im weiteren Verlauf der Podcast-Folge erläutern Tom Bauermann und Christina Schildmann, an welchen Stellen im IAA-Entwurf ebenfalls eine Stärkung der Vorgaben angebracht sei.
Alle Informationen zum Podcast
In Systemrelevant analysieren führende Wissenschaftler:innen der Hans-Böckler-Stiftung gemeinsam mit Moderator Marco Herack, was Politik und Wirtschaft bewegt: makroökonomische Zusammenhänge, ökologische und soziale Herausforderungen und die Bedingungen einer gerechten und mitbestimmten Arbeitswelt – klar verständlich und immer am Puls der politischen Debatten.
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