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Prof. Dr. Sebastian Dullien ist der Wissenschaftliche Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung. Service aktuell

Wirtschaftspolitische Herausforderungen 2026: Auf die wahren Probleme fokussieren

Die aktuellen Probleme der deutschen Industrie haben andere Ursachen als überhöhte Sozialausgaben. Ein Rückbau des Sozialstaats wird nicht helfen. Sebastian Dullien erklärt, was jetzt wirklich getan werden muss.

[12.01.2026]

Die vergangenen Monate haben bereits einen kleinen Vorgeschmack gegeben, wo die wirtschaftspolitische Debatte im neuen Jahr hingehen dürfte: Vor allem aus dem Arbeitgeberlager kamen immer neue Forderungen nach dem Rückbau des Sozialstaates und dem Abbau von Arbeitnehmer*innenrechten. Da sich die deutsche Wirtschaft immer noch nicht aus der Rezession der letzten Jahre befreit hat, dürften uns diese Forderungen auch 2026 begleiten.

Dabei ist klar, dass die aktuellen Probleme der deutschen Industrie andere Ursachen haben als überhöhte Sozialausgaben. Über Jahrzehnte hat Deutschland Wachstum vor allem im Export erzielt. Damit ist absehbar Schluss. Nicht, weil die Kosten in Deutschland plötzlich überhöht wären, sondern vor allem, weil China und die USA mit aggressiver Handels- und Industriepolitik in strategischen Bereichen die inländische Produktion fördern und Importe zurückdrängen wollen. Und weil Deutschland oft gerade in diesen strategischen Feldern stark war – seien es Kraftfahrzeuge, Maschinen oder Pharmazeutika.

Die richtige Reaktion auf diese Herausforderungen wäre eine Kombination aus einer europäisch abgestimmten Industriepolitik für Schlüsselbranchen und einer Stärkung der heimischen Nachfrage. Bei der Industriepolitik sollten dabei endlich die Denkverbote fallen, die heute eine echte „Buy-European“-Strategie verhindern. Warum etwa sollten Förderungen für E-Autos nicht auf in Europa produzierte Autos beschränkt werden? Wenn die USA und China Welthandelsregeln bestenfalls noch dann beachten, wenn es für sie gerade nützlich erscheinen, kann Europa nichts dabei gewinnen, sklavisch an den Regeln festzuhalten.

Die andere Säule für eine Wirtschaftswende ist die Stärkung der inländischen und europäischen Nachfrage: Wenn absehbar diesmal der außereuropäische Export die deutsche Wirtschaft nicht aus der Krise ziehen kann, dann muss die Binnennachfrage gestärkt werden. Ein Hebel dafür ist die schnelle und zielgerichtete Nutzung des Sondervermögens für Infrastruktur und Klimaschutz. Die Bundesregierung muss sicherstellen, dass die Gelder schnell fließen und die Investitionen auch wirklich zusätzlich sind. Ein anderer Hoffnungsträger ist der private Konsum. Die Lohnsteigerungen der vergangenen Jahre bieten gute Voraussetzungen für eine Konsumerholung. In unserer Prognose für 2026, nach der im neuen Jahr Deutschlands Wirtschaft endgültig die Rezession verlässt und um 1,2 Prozent wachsen wird, spielt der Konsum eine tragende Rolle.

Dafür ist aber wichtig, dass die Beschäftigten in Deutschland nicht unnötig verunsichert und belastet werden. Übertriebene Diskussionen um Sozialabbau oder Lockerung des Kündigungsschutzes sind hier kontraproduktiv und können schnell zur Konsumbremse und damit zum Standortrisiko werden.

Deutschland steht vor Herausforderungen, ist aber kein Sanierungsfall. 2026 ist es deshalb wichtig, wirtschaftspolitische Entscheidungen auf solider Analyse der wahren Probleme zu basieren – Analysen, wie sie die Hans-Böckler-Stiftung die vergangenen Jahre geliefert hat und auch im neuen Jahr liefern wird.

Prof. Dr. Sebastian Dullien ist der Wissenschaftliche Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung. 

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