zurück
Brose-Betriebsrat Yves Weinberger in einem Messraum für technische Geräte. Magazin Mitbestimmung

Innovation: Aufbruch ins All

Ausgabe 01/2026

Die IG Metall in Schweinfurt sah die industrielle Krise schon früh heraufziehen. Mit Unterstützung der Hans-Böckler-Stiftung entwarf sie neue Geschäftsfelder – und überzeugte damit das Unternehmen Brose. Der Automobilzulieferer steigt nun in die Satellitentechnik ein. Von Fabienne Melzer

Die Sprüche ließen nicht lange auf sich warten. „Astronaut Weinberger“, witzelten manche Kollegen, andere scherzten über die neue Weltraumstadt Würzburg. Zum Mond fliegt Yves Weinberger, Betriebsratsvorsitzender beim Automobilzulieferer Brose in Würzburg, sicher nicht mehr. Aber wenn sein Arbeitgeber den ersten Satelliten auf den schottischen Shetlandinseln startet, möchte der Betriebsrat schon dabei sein. Noch ist es Zukunftsmusik, doch ein Anfang ist gemacht: Der Automobilzulieferer steigt in die Raumfahrt- und Satellitentechnik ein. Ein Schritt, den das Unternehmen ohne Betriebsrat Weinberger und seine Gewerkschaft vielleicht nie gegangen wäre.

Im Mai 2024 meldete sich bei der IG Metall in Würzburg und Schweinfurt Klaus Schilling vom Zentrum für Telematik (ZfT) in Würzburg. Das ZfT produziert seit 2005 Kleinstsatelliten. Die große Nachfrage in diesem Geschäftsfeld, so Schillings Gedanke, könne auch für Unternehmen der Automobilzulieferindustrie  interessant sein. Der Vorschlag kam zur rechten Zeit. Die Gewerkschaft hatte sich gerade auf die Suche nach neuen Geschäftsfeldern für die kriselnde Industrie gemacht.

In der Region Main-Rhön hängen viele der Betriebe an der Automobilindustrie. Zwar hatten die Unternehmen in Schweinfurt und Bad Neustadt an der Saale durchaus in die Zukunft investiert. Die Kugellagerhersteller Schaeffler und SKF setzen auf Windenergie, die Automobilzulieferer ZF und Preh haben auf Elektromobilität umgestellt. Doch die Konkurrenz aus China – meist staatlich subventioniert bei Energie- und Materialkosten – wächst und wächst. Zeitweise befürchtete die  IG Metall Schweinfurt, dass in der Region 6000 Arbeitsplätze bis 2028 verloren gehen könnten. „Deshalb haben wir Anfang 2024 die Kampagne ‚SOS Kugellagerstadt‘ gestartet“, erzählt Gewerkschaftssekretär Jens Knüttel. Zu einem Aktionstag im April 2024 kamen in Schweinfurt rund 5000 Menschen aus den ortsansässigen Betrieben.

Doch die IG Metall beschränkte sich nicht auf den Protest. „Wir wollten Argumente für den Standort haben, möglichst wissenschaftlich unterfüttert“, sagt Knüttel. Mit Unterstützung der Förderlinie Transformation der Hans-Böckler-Stiftung untersuchte die IG Metall Schweinfurt gemeinsam mit dem Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) in München ein Jahr lang die Potenziale der Industrieunternehmen und der Region. Die Geschäftsstelle war gerade gestartet, als sich Klaus Schilling meldete. In einem Workshop informierten sich Betriebsräte und Entwickler von Unternehmen aus Schweinfurt und Bad Neustadt sowie Brose aus Würzburg über den Bau von Satelliten. Beim ZfT schauten sie sich auch die Produktion an. Da hieß es schnell: „Klar, das können wir.“ Der Bau eines Satelliten ist für Yves Weinberger kein Hexenwerk. „Die technische Herausforderung besteht darin, den Satelliten zu kalibrieren, ihn zu ertüchtigen, dass er im Weltall funktioniert“, sagt Weinberger und stellt fest: „Darin sind wir gut.

Ingenieure arbeiten im Reinraum des Zentrums für Telematik an Mini-Satelliten die zur Erdbeobachtung dienen.
Das Zentrum für Telematik (ZfT) fertigt seit 2005 Kleinstsatelliten, ein Produkt mit Wachstumspotenzial.

Innovationspotenzial nutzen

Satelliten, wie sie das ZfT produziert, schließen Lücken im Funknetz, unterstützen mit ihren Daten Einsatzkräfte in Katastrophenfällen oder erfassen Schäden an Wäldern. „Der Markt soll in den nächsten 20 Jahren jährlich um gut neun Prozent wachsen“, sagt Schilling. „Da ist Platz für neue Anbieter.“ Die Frage sei nur, wo das Wachstum stattfindet – in den USA oder in Europa? Yves Weinberger hofft, dass es in Deutschland stattfindet. Im Moment ist es für Brose ein Experiment. „Das Brot-und-Butter-Geschäft ist noch immer die Autoindustrie“, sagt Weinberger. Da drohte vor einem Jahr sogar das Aus. Im Februar 2025 kündigte die Geschäftsführung an, der Standort werde geschlossen. Die Belegschaft leistete Widerstand, Gewerkschaft und Betriebsrat brachten die Satellitentechnik ins Spiel und retteten schließlich den Standort. Im November 2025 vereinbarte die IG Metall mit Brose ein Zukunftspaket. Es sichert den Standort für fünf Jahre und enthält Produktzusagen mit einer strategischen Ausrichtung auf neue Technologien. Im Gegenzug verzichtet die Belegschaft auf Teile des Urlaubs- und Weihnachtsgelds und arbeitet eine halbe Stunde mehr am Tag. Bereits im Oktober hatte Brose eine Vereinbarung mit zwei Fraunhofer Instituten und dem Berlin Space Consortium geschlossen, Kleinstsatelliten und Komponenten für die Raumfahrt zu entwickeln. Land und Bund unterstützen das Vorhaben mit Fördergeldern. 

Aus Sicht der IG Metall Schweinfurt ein Erfolg, auch wenn Brose zur Geschäftsstelle Würzburg gehört. Von den Betrieben in Schweinfurt und Bad Neustadt, die das Projekt ursprünglich im Auge hatte, wagte sich bislang noch keiner auf ein neues Geschäftsfeld vor. Konkurrenzdenken gab es unter den Betriebsräten allerdings nicht. „Die haben alle gesagt: Hauptsache, es bleibt in der Region“, sagt Knüttel. 

Norbert Huchler, Wissenschaftler am ISF München, der im Rahmen des Projekts zusammen mit Kollegen vier Unternehmen in der Region der Geschäftsstelle Schweinfurt untersuchte, sieht unter anderem ein Problem in der Struktur einiger Unternehmen. Im Gegensatz zu Brose, einem Familienunternehmen, das in der Region verankert ist, sitzen die Zentralen vieler anderer weit weg, in Friedrichshafen oder Göteborg. „Die Konzernzentralen orientieren sich an den Zahlen und haben nicht die Potenziale der Region im Blick, die sie auch beeinflussen könnten.“ Das gehe so weit, dass Standorte selbst im Bereich Kugellager geschrumpft werden, weil sie im internationalen Vergleich nicht genug Gewinn abwerfen. Kugellager werden auch in sicherheitsrelevanten Bereichen eingesetzt und spielen beim Bau von Satelliten eine Rolle. Manche verfügen über Sensoren und sammeln Daten. Vor diesem Hintergrund, denkt Huchler, sollte sich Europa bei diesem Produkt nicht komplett vom Ausland abhängig machen.

Im Rahmen des Projekts hatte Huchler das Potenzial von Kugellagern untersucht. Internationale Beratungsfirmen schätzen, dass sich der Umsatz in den nächsten zehn Jahren verdoppelt. Auch stecke Innovationspotenzial in dem Produkt. Gerade mit seiner langen Tradition habe Schweinfurt enormes Wissen, viel Erfahrung und Innovationspotenzial. Huchler appelliert an die Unternehmen, sich auch bei der Entwicklung dezentral an den Produktionsstandorten aufzustellen. „Deutschland ist zwar ein Hochlohnland mit hohen Energiekosten, aber dafür bekommen Unternehmen wie zum Beispiel der Spezialist für Kugellager SKF hier Innovationspotenziale, die so woanders nicht existieren“, sagt Huchler.

Jens Knüttel von der IG Metall Schweinfurt verknüpft mit den Ergebnissen Hoffnungen. „Das Projekt hat uns gezeigt: Wir haben wahnsinnig viel Potenzial, eine ausgeprägte Industriekultur, gute Beschäftigte, viel Erfahrungs- und Fachwissen.“ Wichtig ist aus seiner Sicht die Vernetzung, die das Projekt geleistet hat. In den Betrieben herrsche oft Silodenken, keiner wolle sich von außen in die Karten schauen lassen. Verschiedene Akteure an einen Tisch zu bringen, Perspektiven und neue Märkte aufzuzeigen, diese Vernetzungsarbeit hat die IG Metall mit ihrem Projekt geleistet. Diese Arbeit, denkt Betriebsrat Weinberger, kann eigentlich nur die Gewerkschaft machen. „Die Unternehmen wollen Geld verdienen, wir wollen eine Perspektive.“ 

Mehr zum Thema:

Mit der 2022 aufgelegten Förderlinie Transformation unterstützt die Hans-Böckler-Stiftung die Gestaltung des sozial-ökologischen Wandels. Gefördert wird die Suche nach Lösungen für konkrete betriebliche oder regionale Herausforderungen – schnell, flexibel und praxisorientiert. Mehr als 40 Projekte wurden bereits finanziert.

Mehr zum Projekt in der Industrieregion Schweinfurt.

Zugehörige Themen