Luftfahrt: Lufthansa auf Kollisionskurs
Das Luftfahrtunternehmen beugt sich wirtschaftlichem Druck – zulasten der Beschäftigten. Von Annette Jensen
Noch sind es langfristige Pläne. Doch bei der Belegschaft der Lufthansa greift die Unsicherheit bereits um sich. „Die Ankündigung hat die Kolleginnen und Kollegen in Angst und Schrecken versetzt“, sagt Verdi-Sekretär und Aufsichtsratsmitglied Marvin Reschinsky. Die Aufregung ist verständlich. Es geht um Arbeitsplätze. Nach dem Willen des Managements sollen durch Effizienzgewinne und automatisierte Prozesse bis zum Jahr 2030 vor allem in Verwaltungsabteilungen in Deutschland 4000 Stellen wegfallen. Die Lufthansa will damit 300 Millionen Euro pro Jahr einsparen.
Die Jobverluste werden von der Lufthansa unter anderem mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) begründet. Amazon und Microsoft in den USA haben bereits so argumentiert. Für Deutschland ist das relativ neu, und es dürfte die Verunsicherung weiter schüren. Kaum jemand kann abwägen, wie sich KI auf den Arbeitsmarkt auswirken wird. Lufthansa spricht vage von „tiefgreifenden Umwälzungen“ durch KI. Doch wo, wann und in welchen Bereichen die Arbeitsplätze genau abgebaut werden, ist völlig unklar. Seit der Ankündigung auf dem Kapitalmarkttag Ende September ist nichts Konkreteres bekannt geworden. Reschinsky sagt: „Wir tappen im Dunkeln.“
Er vermutet, dass es neben dem KI-Einsatz auch um Synergien durch den Abbau von Doppelstrukturen in den vielen Tochterunternehmen geht. Microsoft hat vor Kurzem Berufsbilder auf die Einsatzmöglichkeit von KI analysiert und dabei sowohl Vertrieb als auch Kundensupport als große Einsatzfelder identifiziert. Verdi will sich gegen den Personalabbau stemmen. „Aber dazu müssen wir erst einmal das Szenario kennen“, sagt Reschinsky.
Die Ankündigung hat die Kolleginnen und Kollegen in Angst und Schrecken versetzt.“
Jobverlust durch KI ist nicht die einzige Baustelle im Konzern, die den Beschäftigten Sorge bereitet. Kleinteilige Strukturen erschweren dabei die Durchsetzung berechtigter Forderungen. Im Unternehmen gibt es drei Gewerkschaften: Neben Verdi sind das die Pilotenvereinigung Cockpit und die Gewerkschaft Ufo, die in Teilen des Konzerns neben Verdi die Interessen des Kabinenpersonals vertritt.
Verdi sucht gegenwärtig bei der jungen Lufthansa-Tochter City Airlines das Gespräch über einen ersten Tarifvertrag für Piloten und das Kabinenpersonal. Parallel verlangt Cockpit für die 4800 Piloten im Mutterunternehmen vor allem mehr Geld fürs Alter. Lufthansa sieht dafür keinen wirtschaftlichen Spielraum. Es droht ein Streik.
Ungemach auch am Boden: Die 4000 Beschäftigten an den Flughäfen in Frankfurt/Main und München sind gegenwärtig von Outsourcing an die neue Lufthansa-Tochter Ground Services bedroht. Im Dezember hatte Verdi deshalb die Beschäftigten nach ihren Prioritäten für die anstehenden Tarifverhandlungen gefragt. Zur Freude von Claudia Salvoch, Betriebsrätin am Standort in Frankfurt am Main und Mitglied der Tarifkommission, votierten die Beschäftigten mehrheitlich dafür, dem Ausgliederungsschutz der 4000 Beschäftigten einen hohen Stellenwert zu geben. Nach dem Willen der Konzernspitze sollen Beschäftigte bei Ground Services 20 Prozent weniger Lohn erhalten als bislang.
Der rigorose Sparkurs des Arbeitgebers wird durch wirtschaftlichen Druck getrieben. Zwar schrieb das wichtige Passagiergeschäft der Lufthansa in den vergangenen Jahren regelmäßig schwarze Zahlen, doch die Profitabilität ging zurück. Hinzu kommt eine Schieflage im internationalen Wettbewerb: „Wir sehen mit großer Sorge, dass europäische Unternehmen zu strengeren Regeln als andere verpflichtet sind, während Drittstaaten-Airlines solche Vorgaben umgehen können“, sagt die stellvertretende Verdi-Vorsitzende Christine Behle. Dies betreffe zum Beispiel Arbeitsstandards.
Doch so manches Problem ist auch hausgemacht. „Die Lufthansa ist zu komplex und zu wenig agil“, sagt Reschinsky. Während der Coronapandemie entließ der Konzern tausendfach Personal. Jetzt tut er sich schwer damit, diese Lücken wieder zu schließen. Zugleich hat auch das lukrative Businesssegment abgenommen, weil Konferenzen heute häufig digital stattfinden. Hohe Preise für das Premiumsegment lassen sich nur noch schwer durchsetzen.
Darüber hinaus ist die Lufthansa-Flotte veraltet, und bestellte Jets ließen lange auf sich warten. In den vergangenen Jahren hat die Lufthansa außerdem mehrere Fluggesellschaften geschluckt, was zu parallelen Angeboten geführt hat. Die Beschäftigtenzahlen deuten auf einen allgemeinen Sinkflug hin. Weltweit beschäftigt die Lufthansa heute noch etwa 105 000 Menschen, vor der Coronapandemie waren es 138 000.