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Altstipendiat: Der Wissenshungrige

Ausgabe 10+11/2015

George Dias war der erste Asylbewerber, der am Dortmunder Abendgymnasium das Abitur scha te. Heute arbeitet er als Lehrer, Kochbuchautor und Übersetzer. Von Anja Sheve

Mit dem Glück ist es so eine Sache. Man kann es nicht suchen, meist kommt es einfach vorbei. Manchmal ist es aber auch hart erarbeitet. Im Rückblick kann George Dias kaum glauben, dass er so viel davon hatte, wenn er an all das Leid sowie die vielen Umwege in seinem Leben denkt. Alleine nur an den tränenreichen Tag im März 1985, an dem ihn seine Mutter in Colombo, der Hauptstadt des Inselstaates Sri Lanka, ins Flugzeug setzt. Er sagt, er habe nur die Wahl gehabt, zu den tamilischen Rebellen zu gehen, zu kämpfen und verhaftet oder getötet zu werden, oder zu fliehen. Er ist 17, im Land wütet der blutige Krieg zwischen Singhalesen und Tamilen, der Volksgruppe, der er selbst angehört. „Alle Männer in meinem Alter wurden verhaftet, zwei Nachbarsjungen getötet“, erinnert er sich. Seine Schule in Point Pedro, ganz im Norden der Insel, steht in Flammen. Dias sagt: „Erst als ich am Flughafen stand, war mir klar, dass ich alles zurücklasse.“ Seine Eltern und zwei Geschwister kommen erst Jahre später nach.

Über Moskau fliegt George nach Ostberlin, trifft am Grenzübergang Friedrichstraße andere tamilische Flüchtlinge. Sie wollen nach Paris. Er kauft eine Fahrkarte dorthin, doch dann trifft er auf der Zugfahrt am Bahnhof in Hamm einen Landsmann, der ihm Hilfe anbietet. Dias steigt aus, wird von seiner Zufallsbekanntschaft in ein Flüchtlingsheim gebracht. Er beantragt Sozialhilfe, kehrt den Kurpark, jätet Unkraut. Und er besucht einen Deutschkurs bei der VHS. „Wissen ist meine Droge, ich habe immer gerne gelernt.“ Ein Gymnasium darf er aufgrund seines schwebenden Asylverfahrens nicht besuchen. Er belegt Englisch-, Deutsch- und Schreibmaschinenkurse, arbeitet in einem Asia-Shop, wird schließlich anerkannt.
Im Dezember 1989 dann der Wendepunkt: „Ich habe bei McDonald’s eine interne Ausbildung zum Systemgastronomen gemacht und mich bis zum Assistenten der Geschäftsleitung hochgearbeitet“, erzählt er. Damals tritt er in die Gewerkschaft NGG ein, engagiert sich im Betriebsrat und beginnt 1992 mit dem langersehnten Abitur. „Das Abendgymnasium bot erstmals Morgenkurse für Hausfrauen an. Ein Rentner und ich waren die einzigen Männer“, erinnert er sich.

Also besucht er morgens die Schule, arbeitet bis spätabends, lernt in der Nacht. Nach dem Abitur 1994 studiert er zunächst Sicherheitstechnik in Wuppertal und beginnt 1997 ein Biologiestudium an der Ruhr-Uni in Bochum. Der Soziologieprofessor und Vertrauensdozent Peter Kühne, der Dias bei seiner Forschung über die Chancen von Flüchtlingen begegnet, ermutigt ihn, sich bei der Hans-Böckler-Stiftung um ein Stipendium zu bewerben. Die Bewerbung ist erfolgreich.

„Für mich war das ein großes Glück, denn so konnte ich mich aufs Studium konzentrieren.“ 2003 legt er sein Diplom ab, will Lehrer werden, wird jedoch Pharmareferent. Parallel zum Job macht er seinen MBA-Abschluss an der Essener Hochschule FOM. Als 2009 seine Firma mit einer anderen fusioniert, wird er entlassen. Er erinnert sich, dass er eigentlich Lehrer werden wollte. „Wissen zu vermitteln macht mir ebenso viel Spaß wie es zu erwerben.“ Er schreibt 40 Bewerbungen – und erhält am Abendgymnasium Dortmund eine Anstellung als Biologielehrer, da, wo er Jahre zuvor als erster Asylbewerber sein Abitur abgelegt hat. Er unterrichtet nun selbst viele Migranten.

Für viele ist er ein Vorbild, einer, für den selbstverständlich ist, dass man einer Gesellschaft, von der man etwas nimmt, auch etwas gibt. In Deutschland hat Dias auch privat sein Glück gefunden. Mit seiner Frau, einer Verhaltensbiologin, hat er zwei Kinder. Dias gibt in seiner neuen Heimat auch die Leidenschaft fürs Kochen weiter, die er von der Oma geerbt hat. Er bietet Kochworkshops an der Volkshochschule an und brachte 2007 ein tamilisches Kochbuch heraus. Zudem ist er vom Landgericht Dortmund vereidigter Dolmetscher und vom Oberlandesgericht Hamm ermächtigter Übersetzer für die tamilische Sprache: „So kann ich mich der interkulturellen Verständigung zwischen meinen beiden Heimatländern widmen.“

Als Vertrauensdozent für die Hans-Böckler-Stiftung schlägt er seit anderthalb Jahren selbst Kandidaten für ein Stipendium vor. Nachdem er selbst gerade noch ein Anglistikstudium abgeschlossen hat, möchte er nun noch Tamilistik in Köln studieren sowie ein zweites Buch schreiben – einen Ratgeber zum Thema Erfolg. Wer, wenn nicht George Dias, wäre der Richtige dafür?

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